Meinungsumfrage zum Ende der Sommerpause zeigt wenig Bewegung gegenüber Juni: In Flandern liegt der rechtsextreme Vlaams Belang weiter deutlich vor Bart De Wevers N-VA, in Brüssel führt trotz Verlusten die marxistische PTB/PVDA, und in der Wallonie behaupten die Sozialisten ihre Spitzenposition. Die auf der föderalen Ebene regierende Arizona-Koalition hat weiterhin keine Mehrheit.
Von Reinhard Boest
Die politische Sommerpause ist zu Ende, und die Arizona-Koalition des föderalen Premierministers Bart De Wever geht in die nächste Runde der schwierigen Verhandlungen über den Staatshaushalt. Über den Konsolidierungsdruck hat Belgieninfo regelmäßig berichtet, und auch darüber, wie sich die Regierungspartner und die Oppositionsparteien darüber zerstreiten. Auf der regionalen Ebene, also in Flandern, der Wallonie und Brüssel, sieht es kaum anders aus.
In dieser Situation ist es natürlich von großem Interesse für alle Parteien und handelnden Personen, wie sie in der Bewertung der Wählerinnen und Wähler dastehen. Das alle drei Monate vom Forschungsinstitut Ipsos im Auftrag der Zeitungen Le Soir und Het Laatse Nieuws und der Fernsehsender RTL und VTM erhobene Meinungsbild („Grand Baromètre/Groote Peiling“) kommt also an diesem Wochenende gerade zur rechten Zeit. Im Zeitraum zwischen dem 8. und 15. September wurden online 2600 Personen über 18 Jahren befragt, je 1000 in der Wallonie und Flandern sowie 600 in Brüssel. Es war die neunte derartige Umfrage seit den Wahlen im Juni 2024. Die Fehlerquote liegt bei 3 Prozent (4 Prozent für die Ergebisse in Brüssel).
Die Ergebnisse bestätigen die politische Spaltung des Landes: während die Tendenz in Flandern deutlich nach rechts zeigt, liegt die Mehrheit in Brüssel und der Wallonie stabil links von der Mitte. Eine Gemeinsamkeit gibt es: die jeweiligen Regierungschefs verlieren an Zustimmung; in der Wallonie und der Föderation Brüssel-Wallonie liegen sie auf einem historischen Tiefstand.
Flandern: Vlaams Belang vergrößert Vorsprung
In Flandern setzt der rechtsextreme Vlaams Belang (VB) seinen Höhenflug fort und kann den Abstand zu den regierenden flämischen Nationalisten (N-VA) noch einmal vergrößern. In der Umfrage kommt der VB jetzt auf 27,8 Prozent (26,6 Prozent im Juni, 21,8 Prozent bei der Wahl 2024). Die N-VA legt mit 23 Prozent zwar seit Juni leicht zu (damals 22,3 Prozent), liegt aber weiter deutlich unter dem Wahlergebnis von 2024 (25,6 Prozent). Die Christdemokraten (CD&V, 13,3 Prozent) und die Sozialisten (Vooruit, 12,9 Prozent) sind sowohl gegenüber den Zahlen vom Juni als auch den Ergebnissen von 2024 weitgehend stabil. Die marxistische PVDA hält sich bei 10 Prozent (8,2 Prozent bei den Wahlen 2024). Verluste verzeichnen dagegen die Grünen (Groen) mit 6,2 Prozent und die Liberalen („Anders“) mit 6,1 Prozent. Der Sinkflug der Liberalen, die mit Guy Verhofstadt und Alexander de Croo lange Jahre den belgischen Premierminister gestellt haben, setzt sich also trotz der vom aktuellen Parteichef Frédéric De Gucht vollzogenen Änderung von Parteilinie und -namen fort und nähert sich bedrohlich der 5 Prozent-Hürde. Die aktuelle Regionalregierung unter Ministerpräsident Matthias Diependaele (N-VA) mit der CD&V und Vooruit hätte weiterhin eine Mehrheit.
Wallonie: PS-Höhenflug hält an, MR stabil, Gewinne für PTB, „Les Engagés“ schwächeln
In der Wallonie setzt sich der Trend aus den vorangegangenen Umfragen fort. Danach hat der liberale MR schon im März 2025 seinen ersten Platz an die Sozialisten (PS) verloren. Wie schon im Juni käme der PS auf 29 Prozent (Wahlergebnis 2024: 22 Prozent). Der MR kann seinen „Abstieg“ um über acht Prozentpunkten seit der Wahl (28,2 Prozent) bremsen und legt gegenüber Juni (20,1 Prozent) wieder leicht auf 20,3 Prozent zu. Die Liberalen können damit den zweiten Platz zurückholen, den sie im Juni an die Zentrumspartei „Les Engagés“ verloren hatten. „Les Engagés“ sind die großen Verlierer bei dieser Umfrage – sie gehen von 20,2 Prozent im Juni auf jetzt nur noch 17,6 Prozent zurück und müssen die PTB vorbeiziehen lassen. Die Partei von Raoul Hedebouw kommt diesmal auf 18,9 Prozent (nach 11,6 Prozent bei der Wahl 2024). Auch die Grünen (Ecolo) erholen sich langsam und erreichen 8,9 Prozent (Wahl 2024: 6,9 Prozent), sind aber weit von früheren Erfolgen entfernt. Die wallonische Regionalregierung aus MR und „Les Engagés“ unter Ministerpräsident Adrien Dolimont (MR) wäre noch weiter von einer Mehrheit entfernt als bei den vorangegangenen Umfragen.
Brüssel: PTB/PVDA verliert, bleibt aber vorn; PS und MR gewinnen
In der Region Brüssel-Hauptstadt scheint der Höhenflug der marxistischen PTB vorerst vorbei. Nach einem Rekordergebnis bei der Umfrage im März 2026 (25,5 Prozent) und 24,8 Prozent im Juni erreicht die Partei (zusammen mit ihrem niederländischsprachigen Pendant PVDA) jetzt nur noch 23,2 Prozent. Die Sozialisten (PS und Vooruit) verbessern sich deutlich und liegen mit 22,2 Prozent nur noch knapp dahinter. Auch die Liberalen (MR und „Anders“) verzeichnen leichte Zuwächse und kommen jetzt auf 15,7 Prozent. „Les Engagés“ stagnieren bei 9,5 Prozent und müssen unter den frankophonen Wählern die Grünen von Ecolo vorbeiziehen lassen (9,9 Prozent). Zusammen mit „Groen“, die bei den niederländischsprachigen Wählern in Brüssel weiter vorn liegen, kommen die Hauptstadt-Grünen auf 13,3 Prozent. Die seit Februar 2026 amtierende Regierung von Boris Dilliès (MR) verfügt zwar weiter über eine solide Mehrheit, jedoch haben sich, geht es nach den Umfragen, die Gewichte der Koalitionspartner seit der Wahl 2024 erheblich verschoben.
Rangliste der Politiker: klare Trennung in Nord und Süd
Wie in der Vergangenheit lässt sich die Spaltung des Landes auch an den Ranglisten der beliebtesten Politiker ablesen. Nur sehr wenige Politiker einer Sprachgemeinschaft erscheinen auf der Liste der jeweils anderen. Abgesehen etwa von den Mitgliedern der Föderalregierung sind viele flämische Politiker in der Wallonie unbekannt und umgekehrt. Dazu tragen sicher auch die – nach den Landessprachen getrennten – Medien bei. Daher ist es es wenig überraschend, dass es anders als etwa in Deutschland oder Frankreich keine „nationale“ Rangliste gibt.
Auf dem Spitzenplatz gibt es seit längerem keine Veränderung: Premierminister Bart De Wever führt die Liste in Flandern an, die frühere Premierministerin und heutige Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments Sophie Wilmès (MR) in der Wallonie und Brüssel. Dass sich über 50 Prozent der Befragten für Wilmès – vier Jahre nach dem Ausscheiden aus der belgischen Politik – noch immer eine wichtige Rolle wünschen, können sich viele Beobachter nicht erklären. Manche sprechen vom „Céline Dion-Effekt“. Auffällig ist jedenfalls, dass ihre Beliebtheit diejenige ihrer Partei und auch von dessen Vorsitzenden Georges-Louis Bouchez deutlich übersteigt.
Auf den folgenden Plätzen gibt es leichte Verschiebungen. In der Wallonie und in Brüssel liegt der PS-Vorsitzende Paul Magnette wie bisher auf Platz 2. Auf den dritten Platz rückt in beiden Regionen Raoul Hedebouw vor und verdrängt damit jeweils Maxime Prévot, den föderalen Außenminister von „Les Engagés“. Hedebouws Aufstieg in Brüssel kontrastiert mit dem gleichzeitigen Rückgang der Zustimmungswerte seiner Partei. In Flandern ist das „Podium“ fest in der Hand der N-VA: nach De Wever (61 Prozent Zustimmung) folgen die flämische Bildungsministerin Zuhal Demir (46 Prozent) und der föderale Verteidigungsminister Theo Francken (44 Prozent).
Der CD&V-Chef Sammy Mahdi ist auf den vierten Platz abgerutscht (43 Prozent). Tom Van Grieken, Chef des in den Umfragen führenden Vlaams Belang, kommt mit 37 Prozent Zustimmung nur auf Platz 9 und liegt damit noch hinter Georges-Louis Bouchez. Der MR-Vorsitzende verbessert sich seit der letzten Umfrage um sechs Plätze und ist der einzige frankophone Politiker unter den ersten Zehn (37 Prozent). In der Wallonie (24 Prozent) und in Brüssel (31 Prozent) schneidet er deutlich schlechter ab. In der Wallonie schafft es nur Bart De Wever unter die ersten Zehn (Platz 5 mit 34 Prozent); in Brüssel finden sich mit dem föderalen Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke (Vooruit) und Theo Francken noch zwei weitere niederländischsprachige Politiker unter den ersten Zehn.
Projektion auf die föderale Ebene: Arizona weiter ohne Mehrheit
Projiziert man die Umfrageergebnisse auf die föderale Ebene, so zeigt sich, dass die Arizona-Koalition von Bart De Wever weiterhin keine Mehrheit hätte. Sie würde wie schon bei der vorangegangenen Umfrage nur über 70 von 150 Sitzen in der Kammer verfügen. Derzeit sind es nach dem Ergebnis der Wahlen 2024 81 Sitze. Der größte Teil der Verluste entfällt auf die beiden frankophonen Regierungspartner MR (minus 7) und „Les Engagés“ (minus 3). Der Aufschwung der Opposition (PS, aber auch die beiden „Ränder“ PTB/PVDA und Vlaams Belang) könnten die politischen Spielräume der Regierung einschränken und die ohnehin schwierigen Verhandlungen über den anstehenden Haushalt und die Konsolidierung der Staatsfinanzen weiter belasten.









Beiträge und Meinungen