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In der jüdischen Gemeinde wächst die Unruhe wegen der Diskussionen um eine bestimmte Beschneidungspraxis

Circumcision; Foto: Michael Boer CC BY-NC-SA 2.0 DEED via FlickR

Von Jürgen Klute

In der Auseinandersetzung um die spezifische Beschneidungspraxis in Antwerpen, die als metzitzah b’peh bezeichnet wird, ist kein Ende in Sicht. Bei dieser archaischen Art der Beschneidung nimmt der Beschneider (Mohel) unmittelbar nach der Entfernung der Vorhaut den Penis des frisch beschnittenen Babys in den Mund und saugt den Penis solange, bis die Blutung gestillt ist.

Am 24. Juni hat die European Jewish Association (EJA) in Brüssel unter dem Titel „Conference on Circumcision, Religious Freedom and the Future of Jewish Life in Belgium“ eine Konferenz veranstaltet, in der es um eben dieses Thema gehen sollte. Verantwortlich für die Organisation war der Vorsitzende der EJA, Rabbi Menachem Margolin. Unterstützt wurde Margolin von dem umstrittenen N-VA-Abgeordneten Michael Freilich als Sonderbeauftragter der EJA. Im Frühjahr 2026 hatte sich die deontologische Kommission des föderalen Parlaments genötigt gesehen, angesichts heftiger Kritik an bestimmten Kontakten Freilichs in den USA und in Israel an die Pflichten von Abgeordneten zu erinnern (‘Deontologisch zwaar over de schreef’: Groen eist berisping Freilich na advies over buitenlandse contacten; De Morgen, 28.04.2026)

Auf drei Panels waren Vertreter aus verschiedener Fachdisziplinen eingeladen. Am Panel I (Why Circumcision Matters) nahmen ein jüdischer, ein muslimischer und ein Vertreter der katholischen Kirche Stellung zu dem Thema. Beim Panel II (Reality and Best Practice) kamen Vertreter aus der Medizin,  beim Panel III (Politics, Law and Public Policy) Vertreter aus Politik und Rechtswissenschaft. Zusätzlich war Katharina von Schnurbein von der Europäischen Kommission als Koordinatorin für die Bekämpfung
des Antisemitismus und die Förderung des jüdischen Lebens zu einem Beitrag eingeladen worden.

Einer war allerdings nicht willkommen – obgleich es im Kern um ihn ging: Rabbi Moshe Friedman. Er hatte die Debatte mit Klagen gegen drei Beschneider in Antwerpen und mittlerweile auch gegen Beschneider angestoßen, die in Wien und Zürich nach seiner Aussage die gleiche archaische Beschneidungsmethode anwenden. Für ihn steht außer Zweifel, dass diese archaischen Beschneidungen rechtswidrig sind. Die Begründung Friedmans lautet: die Personen, die sie durchführten, hätten keine medizinische Ausbildung. Gegenüber Belgieninfo erklärte er, dass er zu dieser Konferenz nicht eingeladen worden sei. Dies habe ihn insofern überrascht habe, als er erwartet habe, dass man mit ihm eine offene Diskussion über seine Kritik an der oben beschriebenen Beschneidungsmethode suche. Das scheine aber nicht der Fall zu sein. Er habe zwar überlegt, auch ohne Einladung zur Konferenz zu erscheinen, sich aber dann doch anders entschieden.

Folgt man der Berichterstattung von De Morgen (Onrust groeit in Joodse gemeenschap over besnijdenissen: ‘De vraag is of Joden het recht hebben om Joods te leven’) , dann wurde die von Friedman kritisierte Art der Beschneidung auf der Konferenz nicht einmal erwähnt. Laut De Morgen-Redakteur Bruno Struys bezeichnet Regina Sluzny vom Forum der jüdischen Organisationen Friedman als einen kranken Menschen. Das klingt eher nach Diskreditierung denn als Bemühung um eine Verständigung auf sachlicher Ebene und nach dem Start einer Kampagne. Die weitere Berichterstattung von Struys bestätigt diesen Eindruck.

Demnach sollte die Konferenz deutlich machen, dass eine Beschneidung durch einen Mohel eine jahrhundertealte Tradition und für das Kind komplikationsfrei sei. Das sei unter anderem von einem jüdischen Urologen aus Brüssel und einem hohen Beamten bestätigt worden, der in Israel für die Benennung der Beschneider und deren Kontrolle zuständig sei. Dem stehen allerdings Berichte von häufigeren Infektionen – in seltenen Fällen mit tödlichem Ausgang – gegenüber (vgl. NBC News vom 06.05.2011 „Toddler dies after circumcision surgery“). Dieser Todesfall hat in New York dazu geführt, dass vor der Beschneidungsmethode metzitzah b’peh ud ihren Risiken gewarnt wird. Verboten wurde sie nach eingehenden Diskussionen zwar nicht, aber wenn eine Infektion eine Babys erfolgte, so der erzielte Kompromiss, wird mittels einer DNA-Analyse ermittelt, ob der Mohel die Infektion übertragen hat und ggf. darf er zukünftige keine Beschneidungen mehr ausführen (vgl. The Hastings Center for Bioethics vom 05.03.20215 „New York City’s Compromise on Dangerous Circumcision Practice Leaves Infants at Risk“).

Ebenso blieb offensichtlich unerwähnt, dass die von Friedman kritisierte Methode der Beschneidung auch in Israel von Ärzten kritisiert und deren Verbot gefordert wird, (siehe hier: „Kinderartsen willen einde aan bloedzuigen na besnijdenis“ – https://www.demorgen.be/nieuws/kinderartsen-willen-einde-aan-bloedzuigen-na-besnijdenis~bfb461ec/). Im Frühjahr 2026 ist es in Israel nach einem Todesfall infolge einer Beschneidung sogar zur Verhaftung des verantwortlichen Mohels gekommen, wie die The Jerusalem Post am 1. April vermeldete („Mohel arrested for death of baby linked to circumcision“).

Weiterhin, so Struys, sei die Sorge geäußert worden, dass die Einschränkung der Beschneidung den Fortbestand der jüdischen Bevölkerung in Europa selbst gefährde. Struys zitiert den  EJA-Vorsitzenden  Margolin mit folgenden Worten: „Manche glauben, wir würden eine Konferenz über die Beschneidung abhalten. Da irren sie sich. Die Frage ist, ob Juden das Recht haben, jüdisch zu leben.“ In der Vergangenheit wurde die Frage noch pointierter gestellt: Haben Juden überhaupt das Recht zu leben?“

Margolin war zudem Mitverfasser eines kürzlich veröffentlichten offenen Briefes, in dem die Strafverfolgung unter Bezugnahme auf Bill White, dem Botschafter der Vereinigten Staaten,  als „antisemitisch“ bezeichnet wurde.

Laut De Morgen wiesen jedoch einige jüdische Vertreter aus London auf die Bedeutung einer Selbstregulierung hin. Viel Kritik könne durch die Erfassung von Daten über Komplikationen sowie durch Zertifizierung, Ausbildung und Kontrolle der Mohels verstummen.

Margolin, dessen Organisation EJA nicht nur jüdische, sondern auch israelische Interessen vertritt, schlug auf der Konferenz vor, eine Zusammenarbeit mit dem zuständigen israelischen Ministerium einzugehen. Dagegen warnte ein Vertreter der jüdischen Gemeinde im Vereinigten Königreich, Israel in diese Angelegenheit einzubeziehen, bedeute, Probleme heraufzubeschwören. Es ließe zudem den Eindruck entstehen, es selbst nicht lösen zu könnten.

Thematisiert wurde nach De Morgen erneut, dass einige wichtige jüdische Institutionen in Belgien sich bereits kürzlich für die Einrichtung einer Kontrollkommission aus Ärzten ausgesprochen haben, die die Mohels begutachten solle. Allerdings habe sich das Kabinett, der engste Mitararbeiterstab, von Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke (Vooruit) bisher nicht dazu geäußert.

Bemerkenswert an dieser Konferenz ist der Versuch der EJA, von der eigentlichen Frage, um die es geht – nämlich die nach der Rechtmäßigkeit einer spezifischen archaischen Form der Beschneidung – abzulenken. Die Konferenz sollte offenbar dazu dienen, die medizinisch und rechtlich begründetet Kritik an dieser spezifischen Form umzudeuten zu einem generellen Verbot von Beschneidungen und damit in der Folge zu einem Angriff auf die Religionsfreiheit und auf jüdisches Leben insgesamt. Das sieht auch Friedman so. Offensichtlich, erklärt er, fühlten sich die betroffenen jüdischen Gemeinden durch die Gerichtsverfahren und die öffentliche Diskussion darüber unter Druck gesetzt, etwas zu ändern. Doch er betont im Gespräch, dass er als Jude selbstverständlich kein Interesse daran habe, Beschneidungen generell zu verbieten oder jüdisches Leben in Belgien unmöglich zu machen. Es gehe vielmehr ganz konkret um die Abwägung zweier konkurrierender Grundrechte: dem Recht auf Religionsfreiheit auf der einen und dem Recht auf körperliche Integrität und dem Schutz von Kindern auf der anderen Seite, was aus seiner Sicht durch die besagte und umstrittenen Beschneidungsmethode  nicht gewährleistet sei. Für Friedman steht das Schutzrecht für Kinder über dem Recht auf Religionsfreiheit. Ihm gehe es darum, diese Frage gerichtlich klären zu lassen, wie es in einem Rechtsstaat die Regel sein sollte.

Bemerkenswert an dieser Konferenz ist der Versuch der EJA, von der eigentlichen Frage, um die es geht – nämlich die nach der Rechtmäßigkeit einer spezifischen archaischen From der Beschneidung – abzulenken. Die Konferenz versucht die medizinisch und rechtlich begründetet Kritik an dieser spezifischen Form umzudeuten zu einem generellen Verbot von Beschneidungen in Folge zu einem Angriff auf die Religionsfreiheit und auf jüdisches Leben insgesamt. Das sieht auch Friedman so. Offensichtlich, erklärt er, fühlten sich die betroffenen jüdischen Gemeinde durch die Gerichtsverfahren und die öffentliche Diskussion darüber unter Druck gesetzt, etwas zu ändern. Für ihn verstoße diese abscheuliche Methode der Beschneidung, die in umfangreichem Umfang durchgeführt würde – oftmals durch Schlachter statt durch medizinisch ausgebildete Mohels, wobei nicht einmal Ärzte anwesend seien – gegen geltendes belgisches Recht und sie stehe für ihn auch im Widerspruch zur jüdischen Religion. Für ihn sei dieses Art der Beschneidung sogar eine Form sexuellen Missbrauchs, unterstrich Friedman seine Sicht auf diesen Konflikt.

Doch er betont im Gespräch auch, dass er als Jude selbstverständlich kein Interesse daran habe, Beschneidungen generell zu verbieten oder jüdisches Leben in Belgien unmöglich zu machen. Für ihn gehe es ganz konkret um die Abwägung zweier konkurrierender Grundrechte: dem Recht auf Religionsfreiheit auf der einen und dem Recht auf körperliche Integrität und Schutz von Kindern auf der anderen Seite, die durch die besagte und umstrittenen Beschneidungsmethode aus seiner Sicht nicht gewährleistet sei. Für Friedman steht das Schutzrecht für Kinder höher als das Recht auf Religionsfreiheit. Ihm gehe es darum, diese Frage gerichtlich klären zu lassen, wie es in einem Rechtsstaat die Regel sein sollte. Für ihn sei diese Konferenz nicht zuletzt auch Ausdruck einer Missachtung des belgischen Rechtsstaats.

Am 27.06.206 erfolgte eine Aktualisierung Beitrags: Ursprünglich hieß es „die in New York bereits zum Verbot der besagten Methode geführt haben“. Es gab zwar eine Diskussion darum, es wurde allerdings ein Kompromiss gefunden weniger weit reichender Kompromiss ausgehandelt. Die Stelle wurde entsprechend geändert. Zudem wurden die beiden letzten Absätze ergänzt.

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