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Die „Roten Teufel“ reisen mit breiter Brust zur WM

© rbfa.be

Unter Trainer Rudi Garcia scheint in der belgischen Nationalmannschaft eine gute Mischung aus Altstars der „Goldenen Generation“ und aufstrebenden Talenten gelungen zu sein.

Von Michael Stabenow

Wenn an diesem Montagnachmittag eine Maschine mit der belgischen Fußballnationalmannschaft in Richtung der amerikanischen Westküste abhebt, werden sich nicht wenige Fans in der Heimat bereits auf einem geistigen Höhenflug befinden. Die überzeugenden Siege der „Roten Teufel“ in den jüngsten Testspielen gegen Kroatien (2:0) und Tunesien (5:0) haben plötzlich hochgespannte Erwartungen geweckt. Können die die Schützlinge von Nationaltrainer Rudi Garcia bei der am Donnerstag beginnenden Fußball-Weltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada unverhofft aus der Außenseiterrolle hervorschlüpfen?

Der 62 Jahre alte Franzose Garcia, der das Amt Anfang vergangenen Jahres vom glücklosen deutschen Coach Domenico Tedesco übernommen hat, versuchte nach dem klaren 5:0-Sieg gegen die tunesische Mannschaft die aufkommende Euphorie zu dämpfen. Er stellte zwar heraus, dass die Moral der Mannschaft stimme und sie sich noch steigern könne. Aber er monierte auch eine Reihe von Nachlässigkeiten, die gegen die erstaunlich schwachen Tunesier zum Glück nicht ins Auge – oder besser gesagt ins eigene Tor – gegangen seien.

Dennoch wirken die „Roten Teufel“ gefestigt wie seit langem nicht mehr. Vergessen scheint die Schmach der WM in Katar Ende 2022. Damals war die belgische Mannschaft, an zweiter Stelle der Fifa-Weltrangliste stehend, bereits in der Vorrunde nach einem knappen 1:0-Sieg gegen Kanada, einem torlosen Unentschieden gegen Marokko sowie einer 0:1-Schlappe gegen den späteren Turnierdritten Kroatien aus dem Turnier ausgeschieden.

Das bedeutete nicht nur das Ende der sechsjährigen Amtszeit von Nationaltrainer Roberto Martinez, seit 2023 Coach von Portugal, sondern auch der sogenannten “Goldenen Generation”. Mehrere ihrer Gallionsfiguren, darunter der Offensivstar Eden Hazard und sein Nebenmann Dries Mertens sowie die jahrelang bei den Tottenham Hotspurs für Furore sorgenden Abwehrrecken Jan Vertonghen und Toby Alderwereild, zogen sich mehr oder weniger freiwillig zurück.

Dem die Mannschaft mit ruhiger Hand führenden Nationaltrainer Garcia scheint gelungen zu sein, woran sein Vorgänger Tedesco gescheitert war: er hat eine erstaunlich harmonisch wirkende Einheit aus Altstars und aufstrebenden Talenten geschmiedet. Sinnbildlich für die Verbindung zwischen Alt und Jung steht die Ernennung des 29 Jahre alten, bei Aston Villa in Birmingham unter Vertrag stehenden Mittelfeldspielers Youris Tielemans. Der – bisher – 74-fache Nationalspieler lief schon 2016 als damals 19-Jähriger erstmals für die „Roten Teufel“ auf.

Mit zur WM fliegen mehrere Vertreter der Goldenen Generation: der plötzlich wieder alte Spielfreude und Einsatzbereitschaft versprühende langjährige Kapitän Kevin De Bruyne, der wieder Topform aufweisende Torhüter Thibaut Courtois, der bereits 37 Jahre alte, einst für Borussia Dortmund auflaufende „Zerstörer“ Axel Witsel sowie Romelu Lukaku.

Der inzwischen 33 Jahre Mittelstürmer, der in der abgelaufenen Spielzeit verletzungsbedingt nur 69 Minuten für seinen Verein SSC Neapel auf dem Platz stand, wurde dennoch in das Aufgebot der Nationalmannschaft für die WM berufen. Prompt bedankte er sich beim jüngsten Testspiel gegen Kroatien mit einem in der für ihn typischen Kaltschnäuzigkeit erzielten Treffer, seinem insgesamt 90. für die „Roten Teufel“. Das war ausgerechnet gegen Kroatien – die Nationalmannschaft des Landes, gegen die der kraftstrotzende Mittelstürmer beim entscheidenden Spiel in Katar mit einer kläglich vergebenen Ausgleichschance das Aus der „Roten Teufel“ besiegelt hatte.

Dennoch dürfte Lukaku beim ersten Spiel gegen Ägypten am 15. Juni und den nachfolgenden Vorrundenpartien gegen Iran (21.Juni) und Neuseeland (27. Juni) kaum in der Anfangsformation stehen. Das Sturmduo dürften Charles De Ketelaere von Atalanta Bergamo und Wirbelwind Jérémy Doku von Manchester City bilden. Der 1,73 Meter große Linksaußen von Manchester City, der neben Lukaku 2022 im Spiel gegen Kroatien durch einen den Gegentreffer ermöglichenden groben Schnitzer eine unrühmliche Rolle übernommen hatte, befindet sich derzeit in der Form seines Lebens.

Nicht nur scheint der pfeilschnelle Dribbelkünstler derzeit kaum zu halten zu sein. Er versteht sich auf dem Platz auch glänzend mit dem vor Jahresfrist zum SSC Neapel gewechseltem Mittelfeldmotor De Bruyne, mit dem er jahrelang in Manchester und anderswo für Furore gesorgt hatte. Belgische Kommentatoren überboten sich nach den jüngsten Testspielen mit Doku-Superlativen.

Den Vogel abgeschossen hat – sprichwörtlich – wohl Jürgen Geril in der Zeitung „Het Nieuwsblad“. Er verstieg sich nach dem 5:0-Erfolg gegen Tunesien zu der Feststellung: „Das ist ein Spieler, der einem Stadion einen kollektiven Orgasmus bescheren kann. Oh, Doku, ja.“ Nationaltrainer Garcia zeigt sich dagegen bemüht, keine überzogenen Erwartungen aufkommen zu lassen – wohl nicht ohne Grund, wie ein Blick auf die aktuelle Fifa-Rangliste verdeutlicht. Dort steht Belgien derzeit an neunter Stelle – zwar einen Platz vor Deutschland, aber weit hinter den Mannschaften der Top 5 aus Argentinien, Spanien, Frankreich, England sowie Portugal.

Neben De Bruyne und Mannschaftsführer Tielemans gelten im Mittelfeld der „Roten Teufel“ der ebenfalls bei Aston Villa spielende 24 Jahre alte Amadou Onana sowie der inzwischen schon 31 Jahre alte Leandro Trossard vom Champions League-Gewinner FC Arsenal aus London als gesetzt. Vor Torhüter Courtois dürften neben den routinierten Außenverteidigern Timothy Castagne (FC Fulham) und Thomas Meunier (OSC Lille) im Abwehrzentrum – für viele überraschend – dessen mit 22 Jahren zwölf Jahre jüngerer Mannschafskollege Nathan Ngoy sowie der bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag stehende Arthur Theate auflaufen.

Durch starke Leistungen auf sich aufmerksam gemacht hat der 33 Jahre alte Abwehrchef Brandon Mechele vom belgischen Landesmeister FC Brügge. Es ist zu erwarten, dass er bei der WM Einsatzzeiten erhalten wird. Das gilt auch für seinen gleichaltrigen Mannschaftskollegen Hans Vanaken. Der erfahrene Mittelfeldstratege ist nicht nur einer der kopfballstärksten Spieler Belgiens, sondern auch einer, der in kritischen Spielphasen – wie auch Axel Witsel – viel Ruhe ausstrahlen kann.

Ebenfalls vom FC Brügge kommt der viel Offensivdrang aufweisende Außenverteidiger Joaquin Seys. Nationaltrainer Garcia, der wohl nicht unnötig viele Risiken eingehen will, dürfte ihn ebenso zunächst in der Hinterhand halten wie den Gegenpart Maxime De Cuyper, der im vergangenen Jahr aus Brügge zum englischen Erstligisten Brighton&Hove Albion gewechselt ist.

Gespannt blickt man in Belgien auf den 21 Jahre alten, in Lille spielenden Offensivmann Matias Ferandez-Pardo, der sich kürzlich dazu entschieden hat, für die „Roten Teufel” statt für die spanische Nationalmannschaft zu spielen. Neben dem für Eintracht Frankfurt spielenden Theate stehen vier Spieler im belgischen Aufgebot, die einst in Deutschland aktiv waren: De Bruyne (Werder Bremen und VfL Wolfsburg), Witsel und Meunier (beide Borussia Dortmund) sowie der seit Ende 2025 bei Benfica unter Vertrag stehende Flügelspieler Dodi Lukébakio (Fortuna Düsseldorf, Hertha BSC und VfL Wolfsburg).

 

 

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