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30 Jahre Kulturstiftung Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt steht derzeit vor allem wegen der politischen Situation nach den Landtagswahlen Anfang September im Fokus. An diesem Abend in Brüssel ging es aber nicht um Politik, sondern ausschließlich um Kulturdenkmäler, Kunstmuseen und Musik. Davon hat das Land viel zu bieten. Und um die Auferstehung einer geschichtsträchtigen Räumlichkeit in Brüssel ging es auch.

Von Reinhard Boest

Drei Jahre war der große Saal im „Zentrum der Regionen“, der früheren DDR-Botschaft in Brüssel, wegen Bauarbeiten geschlossen. Im Oktober 2022 wurde zuletzt der Tag der Deutschen Einheit an diesem geschichtsträchtigen Ort gefeiert. Vor allem die Reparatur der für die Akustik des Saales wichtigen Decke hat doch mehr Zeit in Anspruch genommen als erwartet. Auch der Denkmalschutz spielte bei diesem vom Bauhausarchitekten Franz Ehrlich in den 1960er Jahren entworfenen Bauwerk eine Rolle. Der Saal hat während der umfassenden Renovierung der Liegenschaft von 2000 bis 2006 mit Beteiligung der Kunsthochschule Burg Giebichenstein sein heutiges Aussehen erhalten. Und jetzt erstrahlt er wieder im alten Glanz.

Aus diesem Anlass feiert die Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt, seit über 20 Jahren Eigentümerin der Liegenschaft, die „Wiedereröffnung“ gleich mit einer ganzen Serie von Veranstaltungen im Laufe des Monats November, darunter einer Fachkonferenz zur Nutzung von Algen und einer Literaturlesung.

Den Auftakt bildete am 3. November die Würdigung eines Jubiläums: vor 30 Jahren wurde die Kulturstiftung des Landes Sachsen-Anhalt gegründet, die heute 20 der schönsten Burgen, Schlösser, Dome und Klöster im historischen Zentrum Deutschlands betreut. Die Präsentation wurde musikalisch begleitet von „Bach Erben“, einem Ensemble der Musikakademie Sachsen-Anhalt.

Das zahlreich erschienene Publikum wurde von Henrike Franz begrüßt, Abteilungsleiterin in der Staatskanzlei, die in Sachsen-Anhalt auch für Kultur zuständig ist. Dass zu dieser Veranstaltung kein politischer Vertreter aus Magdeburg gekommen war, ist wohl auch der aktuellen Situation im Land geschuldet, das nach der Landtagswahl Anfang September weiter darauf wartet, wann es eine neue Landesregierung bekommt – und ob diese von der AfD gestellt wird.

„Erhalten, Erforschen, Erleben“ so beschrieb Franz den Auftrag der Kulturstiftung. Heute wolle man Geschichte, Kunst und Musik an anschaulichen Beispielen erlebbar machen.

Der von ihr so genannte „Ober-Hausherr“ der von der Stiftung betreuten Monumente, der seit zehn Jahren amtierende Generaldirektor Christian Philipsen, führte dann durch die Geschichte der Stiftung und gab einen lebendigen und mit schönen Bildern illustrierten Überblick über ihre Aufgaben und Projekte. Die von der Stiftung heute betreuten 20 Objekte – vom Dom Havelberg im Norden bis zur Eckartsburg im Süden des Landes – repräsentieren 1200 Jahre Kulturgeschichte in der Mitte Deutschlands. Dazu gehören zehn Burgen und Schlösser, Kirchen und Klöster von Magdeburg über Halle bis Halberstadt (mit dem größten mittelalterlichen Domschatz außerhalb des Vatikans) und Museen wie dem Kunstmuseum Moritzburg in Halle oder dem Feiniger-Museum in Quedlinburg. In einem der Schlösser hat die Stiftung seit 1996 ihren Sitz: Schloss Leitzkau, östlich von Magdeburg gelegen, war bis 1945 Wohnsitz der Familie von Münchhausen. Die im Land gelegenen Unesco-Kulturerbestätten – Quedlinburg, das Bauhaus in Dessau und Lutherstadt Wittenberg – werden von eigenen Stiftungen betreut.

Vor 30 Jahren habe die Stiftung mit 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begonnen, berichtete Philipsen, heute seien es 250 und noch einmal 250 Personen in der zugehörigen Servicegesellschaft. Die Stiftung verstehe sich als eine Art „National Trust“ und ihre Aufgabe als kulturelle Daseinsvorsorge. Sie sei aber auch eine „Kulturfeuerwehr“ für Gemeinden, die ihre Baudenkmäler nicht mehr allein stemmen könnten.

Sie betreue als Teil der Denkmalpflege etwa 300.000 Objekte in den Schlössern und Museen, trage zur Forschung bei und organisiere Ausstellungen oder Konzerte mit jährlich bis zu 700.000 Besuchern. Das sei für das Land auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Für Instandhaltung und Renovierung seien große Summen erforderlich. Zum Glück stehe dafür ein 2022 für zehn Jahre aufgelegtes Finanzierungprogramm zur Verfügung, zu dem der Bund und das Land Sachsen-Anhalt je 100 Millionen Euro beisteuerten. Philipsen zeigte sich gegenüber Belgieninfo zuversichtlich, dass die geplanten Investitionen auch in den kommenden Jahren getätigt werden könnten, unabhängig von der politischen Entwicklung in Sachsen-Anhalt.

Das seit 2014 ebenfalls zur Stiftung gehörende Kunstmuseum Moritzburg in Halle wurde von seinem Direktor Thomas Bauer-Friedrich vorgestellt. Es ist seit 2015 Sitz der Kunstsammlungen des Landes, seine Ursprünge gehen aber auf das Jahr 1881 zurück. Bis 1933 gehörte es zu den wichtigsten Museen für moderne Kunst in der Weimarer Republik, eine Tradition, die es heute fortsetze. Auch die DDR-Kunst von 1945-1990 habe einen Platz in der Sammlung, wie Bauer-Friedrich betonte. Er lies dann eine Reihe von Ausstellungen renommierter Künstler Revue passieren, die das Museum in den vergangenen Jahren organisiert hat. Ende 2027 muss das Museum für mehrere Jahre für umfangreiche Renovierungen schließen und findet in der Zwischenzeit ein Quartier im ehemaligen Galeria- Kaufhof am Markt in Halle.

Für die Vorstellung des Klosters Michaelstein, dem Sitz der Musikakademie Sachsen-Anhalt und ebenfalls Teil der Stiftung, blieb kaum Zeit. Der Direktor Peter Grunwald brachte stattdessen den Saal dazu, selbst Musik zu machen. Die im Publikum verteilten farbigen Plastikröhren wurden unter seiner Leitung rhythmisch zum Klingen gebracht und begleiteten am Ende die gemeinsam gesungene Ode an die Freude.

Die erfolgreiche Arbeit der Akademie hatten im Laufe des Abends schon drei Solisten aus dem Jugendbarockorchester „Bachs Erben“ unter Beweis gestellt. Die jungen Musiker spielten zwischen den Vorträgen Werke von Komponisten, die alle einen Bezug zu Sachsen-Anhalt haben: der in Halle geborene Georg Friedrich Händel, Georg-Philipp Telemann aus Magdeburg und Johann-Sebastian Bach, der mehrere Jahre in Köthen verbracht hat. Dort sind auch die Brandenburger Konzerte entstanden, die deshalb eigentlich „Köthener Konzerte“ heißen müssten, wie Christian Philipsen schmunzelnd anmerkte.

Emma Eichinger, zunächst als Sopranistin und später mit der Violine, der Cellist Jakob Pungel und Melchior Kupke (barfuß) am Cembalo bezauberten mit ihrer Darbietung das Publikum.

Die Veranstaltung lud zur Entdeckung vieler bekannter und weniger bekannter Orte in dieser geschichtsträchtigen Region in der Mitte Deutschlands ein. Die politische Situation in Sachsen-Anhalt, die möglicherweise viele zögern lässt, spielte an diesem Abend keine Rolle.

 

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