
Von Reinhard Boest
“Reassembling” – unter dieses kaum präzise ins Deutsche übersetzbare Motto stellt die Brüsseler Kulturinstitution Bozar ihr Musikprogramm für die im September beginnende Saison 2026/27. Wie in den Vorjahren stellte Generaldirektor Christophe Slagmuylder zusammen mit seinem Team das Programm in seiner ganzen Breite der Presse vor. Die “Rotonde” des Kulturtempels – architektonisch eindrucksvoll, aber mit einer grässlichen Akustik – war gut gefüllt. Rund 200 Konzerte umfasst das Programm, von klassischen Sinfoniekonzerten über Kammermusik, elektronische Musik und Jazz bis zu Angeboten für die ganze Familie.
Der Nahostkonflikt verschont auch das Bozar nicht
In seiner Einleitung ging Slagmuylder auf ein Konzert besonders ein, dass schon länger für Aufsehen (oder Aufregung) gesorgt hatte: den Auftritt der Münchener Philharmoniker unter ihrem israelischen Dirigenten Lahav Shani am 24. November im Salle Henri Leboeuf. Slagmuylder verteidigte die Entscheidung, an dem Konzert festzuhalten, gegen Kritik, die zuletzt zum Rücktritt von drei Mitgliedern des Bozar-Verwaltungsrats geführt hatte.
Im vergangenen September waren Shani und die Münchener Philharmoniker vom “Flanders Festival Gent” ausgeladen worden; Shani wurde vorgeworfen, sich als Chefdirigent des Israelic Philharmonic Orchestra nicht ausreichend klar von der Kriegführung der Regierung Netanyahu in Gaza distanziert zu haben. Der Vorgang hatte zu einem Protest des deutschen Botschafters und zu einer ernsten Verstimmung im deutsch-belgischen Verhältnis geführt (Belgieninfo berichtete).
Am Eingang des Bozar wurde an die Teilnehmer der Pressekonferenz ein Flugblatt verteilt, in dem ein breites Aktionsbündnis zur Unterstützung Palästinas die Bozar-Direktion auffordert, die Einladung zu überdenken. Slagmuylder verwies darauf, dass sich Lahav Shani gegen den Krieg und gegen Gewalt ausgesprochen habe. Wer wenn nicht die Kultur könne einen Dialog ermöglichen und Brücken bauen in einer Welt, die sich zunehmend polarisiere? Auch vor diesem Hintergrund habe man das Motto gewählt: “Reassembling”.
Im Übrigen steht auch palästinensische Musik im Programm: am 14. September 2026 gastiert das “Canaan Orchestra” mit “Palestine, a Song of the Land”. Und zwei Tage vor den Münchener Philharmonikern ist Musik zur Feier des libanesischen Unabhängigkeitstages vorgesehen. Dass das Konzert am 24. November ohne Proteste ablaufen wird, ist dennoch nicht zu erwarten. Bemerkungen oder Nachfragen aus dem Publikum gab es zu dem Thema nicht, so dass in der Folge in gut einer Stunde die Schwerpunkte des Saisonprogramms vorgestellt werden konnten.
“Zwischen Vergangenheit und Zukunft, Kunstformen, Künstlern und Publikum”
Beispielhaft für diese übergreifende Sichtweise ist der “Hauptgast” der Saison, der südafrikanische Künstler William Kentridge und sein “Centre for the Less Good Idea”. Ihm ist nicht nur eine Ausstellung gewidmet (ab dem 18. September 2026), sondern er wird auch mit Filmen und Musikstücken zu sehen und zu hören sein.
Im Musikprogramm gilt es vier ganz unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler zu entdecken. Von der zeitgenössischen isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir sind insgesamt acht Werke vorgesehen, von denen vier das “Hausorchester” des Bozar, das Belgian National Orchestra (BNO), spielen wird. Dazu gehört auch das Abschlusskonzert der Saison am 21. Juni 2027, bei dem das BNO in der Galerie Ravenstein ihr Werk “Metaxis” präsentiert (Eintritt frei).
Die aus Trinidad und Tobago stammende Sopranistin Jeanine De Bique gastiert nicht nur als ausgewiesene Barock-Sängerin (mit dem Freiburger Barockorchester, 10. Januar 2027), sondern auch mit Musik aus der Karibik. Im September und Oktober singt sie an der Brüsseler Oper in Gounods “Romeo und Julia” die Titelrolle.
Für eine ganz andere Musikrichtung steht die Amerikanerin Jlin: insgesamt fünf Mal ist sie mit ihrer elektronischen Musik zu hören. Der in London lebende russische Pianist Pavel Kolesnikov gibt drei Konzerte mit Kammermusik und spielt als Solist zusammen mit dem BNO im Klavierkonzert von Camille Saint-Saens (26. Februar 2027).
Große Orchester, berühmte Solisten
Wie in den vergangenen Jahren kommen Liebhaber von Sinfoniekonzerten voll auf ihre Kosten. Zwölf Mal gastieren international renommierte Orchester, unter anderem aus London, Amsterdam, Paris oder Budapest. Neben den Münchener Phiharmonikern und dem Freiburger Barockorchester sind zwei weitere deutsche Orchester darunter: die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen (10. Dezember 2026) und das Konzerthausorchester Berlin (4. Juni 2027).
Die “Hauptlast” der Sinfoniekonzerte trägt aber das BNO mit insgesamt 18 Auftritten. Bozar und BNO beteiligen sich auch an den traditionellen Festivals: dem Klara Festival und Ars Musica, das vor allem zeitgenössischer Musik gewidmet ist. Außerdem wird das Bozar wieder Schauplatz des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs, der 2027 dem Gesang gilt.
Unter den Solo-Stars sind vor allem die Pianisten Grigory Sokolov (15. Dezember 2026), Hélène Grimaud (19. März 2027) und Bruce Liu (14. Mai 2027) zu nennen.
Weltmusik und Jazz
Das Programm eröffnet auch wieder einen Blick auf Musik aus anderen Teilen der Welt. In dieser Saison gibt es neben Musik aus arabischen Ländern unter anderem Rumba aus dem Kongo (19. Dezember 2026) und das große chinesische Neujahrskonzert zum Jahr der Ziege (3. Februar 2027).
Wie immer spielt der Jazz im Programm des Bozar mit 10 Konzerten eine wichtige Rolle. Ein besonderer Fokus gilt in diesem Jahr den Jazz-Legenden John und Alice Coltrane, denen am 11. November sogar ein eigener Tag gewidmet ist.
… und außerdem
Unter der Überschrift “Echoes of Brussels” geht eine sich über die gesamte Saison erstreckende Veranstaltungsreihe musikalisch der Frage nach, wie Brüssel über die Jahrhunderte geklungen hat. Dem Komponisten Igor Stravinsky ist im Februar 2027 ein eigenes kleines Festival gewidmet.
Eine Fortsetzung finden die “Sonntage im Bozar” für Familien mit Führungen durch die Ausstellungen, Kreativ-Workshops, Familienkonzerten und Filmen. Und beim Format “Concert Croissant” – ebenfalls am Sonntag – sitzt das Publikum mit auf der Bühne, ganz nahe bei den jungen Nachwuchskünstlern, die hier auftreten.
Zahlreiche Abonnements im Angebot
Das Bozar bietet für die Saison insgesamt sieben Abonnements an. Es gibt zwei Abonnements für “internationale Orchester”, Abonnements für alte Musik, Piano und “Top-Solisten” (je sechs Konzerte) sowie “Start to Classic” und Streichquartette (je fünf Konzerte).
Die Abonnements sind beim Bozar bereits online und können gebucht werden: https://www.bozar.be/en/subscriptions-music-season-26-27
Beim Belgian National Orchestra gibt es fünf verschiedene Abonnements zur Auswahl, die ab 26. Mai gebucht werden können.
Das gesamte Programm ist in einer 125 Seiten umfassenden Broschüre zusammengefasst, die im Bozar erhältlich ist. Sie kann auch auf der Internetseite abgerufen werden: https://www.bozar.be/en/season-26-27
Es ist also für jede und jeden etwas dabei (wenn auch angesichts der Eintrittspreise wohl leider nicht für jeden Geldbeutel).








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