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Wider die stehenden „Schwarzfahrer“ an Belgiens Bahnsteigen

Gare de Liège-Guillemins; Foto: Jürgen Klute

Wie sich die Eisenbahngesellschaft SNCB/NBMS im Land des Surrealismus einer längst vergessenen Praxis besinnt

Von Michael Stabenow

Das hatten wir schon glatt vergessen – aber der Eisenbahngesellschaft SNCB/NMBS sei Dank, dass jetzt wieder Kindheitserinnerungen in uns wachgerufen wurden. Als wir vor mehr als sechs Jahrzehnten mit Eltern und Geschwistern zum Brüsseler Nordbahnhof eilten, um dort den 1884 geborenen Großvater abzuholen, gab es da eine Schranke – der heute so gängige Begriff Bezahlschranke wäre eigentlich angebrachter. Sie hinderte uns daran, zum Bahnsteig hochzuklettern, um den damals an die 80 Jahre alten guten Mann schon beim Ausstieg aus dem aus Köln kommenden D-Zug herzlich in Empfang zu nehmen.

Zum Bahnsteig durften wir nur mit einem gültigen, jeweils fünf Franc kostenden Ticket gehen. Vor dem Betreten des „Allerheiligsten“ im Bahnhofsgebäude wurde es von einem Bediensteten gelocht. Auch meine Eltern empfanden dies damals an einen ebenso unnötigen wie unsinnigen Brauch, an den sie sich beim Umzug aus Deutschland nach Belgien gewöhnen mussten Zu teuer, lautete ihr nüchterner Befund. Und so musste Opa, so er nicht einen der damals noch lebendigen Gepäckträger aufgetrieben hatte, eigenhändig den schweren Koffer ohne die heute üblichen Rollen – mit Geschenken für die Enkelschar – in die schon damals einen ähnlichen Charme wie heute versprühenden Bahnhofsvorhalle schleppen.

Diese unschöne, irgendwann dann von einsichtigen Bahnmanagern aus der Welt geschaffte Praxis hatten wir bereits vergessen und verdrängt – bis wir jetzt auf einen Beitrag in der flämischen Tageszeitung De Morgen stießen. Darin hieß es: „Strengere Kontrollen bei NMBS. Auch Warten auf dem Bahnsteig darf man nur mit gültigem Ticket.“ Diese Regelung werde, so lasen wir weiter, ab 1. Juli „strenger kontrolliert“.

Nun wird es in diesem Land nur noch wenige Menschen geben, die sich an die damalige Praxis erinnern. Aber kaum mehr dürften es sein, die sich einer solchen Verpflichtung, die jetzt „strenger kontrolliert“ werden soll, überhaupt bewusst sind. Es gehe darum, so heißt es, Schwarzfahrern den Kampf anzusagen. Aber kann man einen Zeitgenossen, der einen anderen am Bahnsteig zum Zug bringt oder dort abholt, der Schwarzfahrerei verdächtigen? Doch eigentlich erst dann, wenn er ohne Fahrschein in den Waggon einsteigen und dieser davonrollen sollte. Oder kann, Belgien ist schließlich das Land des Surrealismus, jemand, der nicht mit Bahn fährt, ein Schwarzfahrer sein?

Aufmerksam lasen wir mehrmals den Satz durch, mit dem De Morgen die Bahngesellschaft zitiert: „Der Zugang zu den Bahnsteigen ist ausschließlich Personen erlaubt, die im Besitz eines gültigen Fahrausweises sind oder eine Person begleiten, die selbst im Besitz eines gültigen Fahrscheins ist“. Ach so, dachten wir und kratzen uns am Hinterkopf.

Dann kamen wir zu dem Schluss, dass der Satz nur so zu deuten sei: Unproblematisch ist es ohne Ticket auf dem Bahnsteig, wenn man einen anderen Menschen zum Zug begleitet oder jemanden dort abholt und dann begleitet. Aber was heißt das, wenn der Zug bereits abgefahren ist und man plötzlich auf dem Bahnsteig nicht mehr eine Begleitperson ist? Oder wie ist es, wenn man auf dem Bahnsteig ohne Ticket auf die Person wartet, die man dort empfangen und begleiten will – solange dieser Zugreisende nicht eingetroffen ist?

Damit nicht genug. Offenbar soll es einst üblichen Zugangstickets ohne Reiseantritt für die Bahnsteige nicht wieder geben. So müssen wir wohl oder übel demnächst ein Ticket zum nächstgelegenen Bahnhof buchen, um über jeglichen Zweifel der Kontrolleure erhaben zu sein. Oder wir sollten versuchen, sobald wir Freunde oder Verwandten abgeliefert haben, uns schleunigst aus dem Staube machen, um nicht den Argwohn der SNCB/NMBS zu wecken.

Eigentlich sollten wir doch erfreut sein, hin und wieder einen Bahnmitarbeiter zu erblicken. In vielen Bahnhöfen geht es einsam zu. Die Schalter, an denen man jahrzehntelang einen Fahrschein kaufen und ein paar Worte mit Bediensteten wechseln konnte, sind verschwunden. Heute hat der Fahrscheinautomat das Sagen, falls man sich nicht schon vorher elektronisch mit dem Ticket eingedeckt hat.

Aber was hilft es, den nicht immer guten alten Zeiten an Belgiens Bahnhöfen nachzutrauern? Inzwischen bin ich selbst Großvater. Und wenn ich in Zukunft zu den in Ostflandern lebenden Enkeln mit der Bahn fahre, dann werde ich dies vielleicht mit Geschenken im Handgepäck, aber gewiss ohne schweren Koffer tun. Ja, ich werde mich wohl oder übel damit abfinden, dass die mehr oder weniger stürmische Begrüßung nicht auf dem Bahnsteig, sondern in sicherer Entfernung davon stattfinden wird.

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