
Von Michael Stabenow
„Das Wetter spielt verrückt.“ Wer kennt sie nicht, diese schöne Redewendung? Dieser Tage, in denen, dem allgemeinen Trend zur Anglisierung vieler Sprachen gehorchend, immer häufiger von „Hitzedom“ („heat dome“) statt von der nicht unbedingt guten alten „Hitzeglocke“ die Rede ist, beschleicht uns ein anderes ungutes Gefühl: Könnte es sein, dass nicht nur das Wetter, sondern auch manche Wetterpropheten verrückt spielen?
Seit Tagen, seit uns Hobby- und Profimeteorologen eine Hitzewelle ungeahnten Ausmaßes vorhersagen, schauen wir fast unablässig auf jegliche Art von Wetterbericht, auf Temperaturprognosen und auf den „Niederschlagsradar“. Das ist auch so ein Begriff, an den wir uns erst einmal gewöhnen mussten und an den wir aus unseren Jahrzehnten zurückliegenden Klimakundevorlesungen und -seminaren keinerlei Erinnerung haben.
Wir wollen den Klimawandel, auch von dem war damals noch kaum oder gar nicht die Rede, keinesfalls herunterspielen. Auch wir fiebern dieser Tage, nicht nur beim Anblick von Partien der Fußballweltmeisterschaft, eifrig mit. In einer Mischung aus Sensationsgier und – nicht nur – Angstschweiß warten wir gespannt darauf, in welche Höhen sich die Temperatur auch in Belgiens Landesmitte schwingen wird. 37, 38, oder gar 39 Grad, wie uns an diesem Dienstag der Wetterbericht des altehrwürdigen Königlichen Meteorologischen Instituts (KMI) für kommenden Samstag ankündigt oder – treffender – „verheißt“?
Vielleicht ist auch uns die Hitze der vergangenen Tage schon etwas zu Kopfe gestiegen. Aber war nicht kürzlich für das kommende Wochenende der Abzug der Hitze angekündigt worden. Und waren nicht für die vergangenen Tage, so die Unkenrufe, durchgehend Temperaturen oberhalb der Marke von 30 Grad in Aussicht gestellt worden? Der Blick auf die KMI-Statistik zeigt freilich, dass die an der Messstation im Brüsseler Stadtteil Uccle registrierten Höchstwerte am Samstag (20. Juni) mit 29,3 Grad und am Montag (22. Juni) mit 29,8 Grad noch unterhalb der Marke von 30 Grad lagen. Ja, am vergangenen Freitag (19. Juni) hatten wir bereits – durchaus schweißgebadet – einen Vorgeschmack auf das erhalten, was uns das Wetter in den kommenden Tagen bescheren soll.
Als wir am Montagabend zögerten, ob wir uns am Fernsehen die WM-Partie zwischen Frankreich und dem Irak anschauen sollten, entschieden wir uns doch für die BBC-Nachrichtensendung und die Ereignisse rund um den Rücktritt des britischen Premierministers Keir Starmer.
Als live zum Sitz des Regierungschefs in der Londoner Downing Street umgeschaltet wurde, sahen wir zu unserer Überraschung, dass nach Starmer – im übertragenen Sinn – nun auch die BBC-Reporterin im strömenden Regen stehen gelassen worden war – im wörtlichen Sinn. London, frohlockten wir, uns irgendwie nach einem weiteren Guss sehnend, das ist doch gar nicht so weit von Belgien entfernt.
Als wir nach einer temperaturmäßig durchaus erträglichen Nacht am Morgen routinemäßig auf den KMI- „Niederschlagsradar“ und den „Buienradar“ schauten, staunten wir nicht schlecht. Nicht nur, dass, wie häufig, die Vorhersagen keineswegs deckungsgleich waren – nein, sie schienen auch ständig zum Zeitpunkt von Niederschlägen hin und her zu springen. Und wir fragten uns unweigerlich: Wer spielt hier verrückt? Nur das Wetter? Oder vielleicht gar wir selbst? Hatte uns nicht Denis Collard, seit Jahrzehnten Wettonkel vom Dienst beim französischsprachigen Hörfunksender RTBF, am Morgen prophezeit, dass es heute keinen Niederschlag geben werde?
Wie kommt es, dass die Prognosen unserer Wetterfrösche zuweilen noch sprunghafter erscheinen als die kleinen grünen Hüpfer? Da ist viel von den gelegentlich deutlich voneinander abweichenden europäischen und amerikanischen Wettermodellen die Rede – auch wohl für Meteorologen gelegentlich die Qual der Wahl. Aber wenn uns nicht alles täuscht, scheint der in unserer heutigen Medienwelt verbreitete Hang zur Übertreibung und Zuspitzung auch diese Zunft nicht auszusparen.
Nun wissen wir auch aus eigener Erfahrung, dass gute Nachrichten oft keinerlei Nachrichtenwert haben. Und es reicht, einmal kreuz und quer durchs Netz zu surfen, um zu verstehen, dass im Internet sensationell anmutende Schlagzeilen mehr Klicks – und letztlich auch mehr Einnahmen – erzeugen können.

Uns würde es dieser Tage ja eigentlich ausreichen, wenn wir uns auf den Wetterbericht einigermaßen verlassen könnten. Aber im Zeitalter des reißerischen Umgangs mit „Hitzedomen“ sollten wir uns vor allem mit dem Blick auf das Thermometer und zum Himmel begnügen, wenn wir wissen wollen, woran wir sind. Nicht nur „Das Wetter spielt verrückt“ – auch ein weiteres geflügeltes Wort kommt uns derzeit in den Sinn: „Alle reden vom Wetter“ – und dieser Tage auch vom Klimawandel. Das dürfte zumindest so lange gelten, bis wir wieder bei der für diese Jahreszeit in Belgien charakteristischen Unbeständigkeit und dort angelangt sind, was im Niederländischen so treffend als „Kwakkelzomer“ bezeichnet wird.







Beiträge und Meinungen