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“Ich war noch niemals in De Panne” – das war einmal!

Ein Ausflug zum westlichsten Zipfel und südlichsten Nordseebad Belgiens

Von Thomas A. Friedrich (auch Fotos)

Lautlos im Gleitflug, kaum einen halben Meter über meinem Kopf, erreicht sie zielsicher ihren Landeplatz am Nebentisch. Als einziger Frühstücksgast am Morgen auf der Terrasse platziert sich die Möwe vertrauensvoll neben mich. Mit ihrem rechten Auge scheint sie meine Wahl auf dem Teller zu scannen. Hat es die Lachmöwe mit dem roten Punkt auf dem Schnabel auf den Lachs abgesehen oder eher das gelbe Omelett?

Der Versuch, sie mit einer ruhigen Handbewegung für frische Brötchen-Krumen zu gewinnen, misslingt. Sie faltet ihre Flügel auseinander, hebt ab und zieht einen ruhigen Abflug über den großzügigen Hotelgarten in Richtung Meer vor. Wir sehen uns später am Abend bei Sonnenuntergang am Strand wieder.

Nach einem Vierteljahrhundert Leben, Lieben und Arbeiten in Brüssel frage ich mich: wie gut kenne ich Belgien nach all dieser Zeit wirklich? Brüssel, die europäische Hauptstadt, leidet an diesem vorletzten Wochenende vor den großen Ferien nicht nur unter dem Kommen und Gehen der EU-Staats- und Regierungschefs und den dazugehörigen obligatorischen Sperrungen und Umleitungen. 

Flucht aus Brüssel an Nordseeküste

Die größte Plage für Mensch und Tier an diesem Tag offenbart sich beim Blick auf das blaue Quecksilber: 34 Grad Celsius im Schatten zeigt das Thermometer schon am Vormittag an, und kein Lüftchen regt sich. Eine Luft zum Schneiden. Mein Fußweg von der Wohnung am Square Ambiorix bis zum Rond-Point Schuman verläuft, wie es an so einem Tag nicht anders sein kann, schweißtreibend. 

Die Abschluss-Pressekonferenz von Kanzler Friedrich Merz findet am zweiten EU-Gipfeltag erfreulich früh schon kurz nach Mittag statt. Meine Redaktion in Düsseldorf bläst meinen vorgesehenen Bericht mangels „Breaking News“ ab und verschafft mir so unverhofft einen freien Nachmittag. Was tun?

Ich war noch niemals in New York“ tönt es mit „Nostalgie“ aus dem Autoradio, als ich die Tiefgarage in Richtung Rue Archimède verlasse. Wo war ich noch nie an Belgiens Küste, schießt es mir fragend durch den Kopf?
Ja ich war an der 67 Kilometer langen Küste schon an ziemlich vielen Küstenorten, aber… „Ich war noch niemals in De Panne!“ 130 km Kilometer gibt mir das Navi vor. „Ich habe Dir auf der Route eine Ladestation hinzugefügt“, informiert mich die weibliche KI-Stimme freundlich. 

Ich war noch niemals in De Panne

Perfekt, mit den rasch in den Rucksack gesteckten nötigsten Strandsachen mache ich mich auf Entdeckungsreise. De Panne, kurz vor der französischen Grenze, war nie eine Destination für mich.

Die E40 in Richtung Calais war immer nur eine von zwei Optionen, um während zwei Jahrzehnten mein Refugium an der Kreidefelsenküste der Normandie zu erreichen. De Panne oder Dünkirchen waren mir nie eine Kaffeepause wert.

Jetzt oder nie!“, ermuntere ich mich selbst, Inzwischen im frisch weiß getünchten Stadttunnel Richtung Basilique unterwegs. Letzte Ampel-Kreuzung vor der E 40 Richtung Nordsee – und voraus! Ziel: der westlichste Badeort West-Flanderns. 

Die Fahrt Richtung Küste an diesem Freitag verläuft staufrei. Entlang moderner Industriegebäude und dem imposanten flämischen Bankenturm von Gent lege ich einen Ladestopp an der Raststätte Jabbeke ein. Dort ist bereits der erfrischende Meereswind auf der Haut zu spüren. Die Gluthitze der belgischen Hauptstadt habe ich hinter mir.

Der südlichste Badeort an der Küste lockt mit kulinarischen Köstlichkeiten

Nach Veurne und Koksijde erreiche ich den südlichsten Badeort an der belgischen Küste und gleichzeitig den westlichsten Punkt Belgiens, direkt an der Grenze zu Frankreich.

Im Strandhotel gelingt es mit Glück, ein kleines Studio in der zum Hotel gehörenden Villa für zwei Nächte festzumachen. Meinen Rucksack ausgepackt – nun habe ich nur einen Wunsch: nix wie ans Meer. Mit bunter Badehose, Flip-Flops an den Füßen und geschulterter Strandtasche laufe ich schnurstracks zur Flaniermeile “Dijk”.

Kalkweiße und rot-blaue Strandkabinen auf Rädern verstellen mir zunächst die Sicht aufs Meer.  Der Blick zum Himmel offenbart kleine Schäfchenwölkchen. Aber vor allem ein blaues Band bis zum Horizont. 

Wassertemperaturen an der Nordsee von Jahr zu Jahr wärmer

Das Wasser leicht gekräuselt. Gischt-Wellen rollen ruhig heran. Ich laufe barfuß dem Meer entgegen. Vorbei an Sandburgen, Kindern mit Krabbenschiebern und flanierenden Liebespärchen. Endlich umspült das Wasser der Nordsee meine Füße und fühlt sich unerwartet warm an. Kein Zurückzucken von jahrelangem Gedächtnis des auch im Sommer kalten Nordmeeres. 

Ich laufe dem Horizont entgegen und, bei Ebbe, weit hinein in die See und lasse mich rückwärts ins Wasser plumpsen. Quel bonheur! „L´eau est bonne“, ruft mir eine Schwimmerin zu. Anders als in meinen Juni-Erinnerungen an die Nordsee lädt die Wassertemperatur in diesem Sommer schon vor Beginn der großen Sommerferien wie selten zum Baden ein. Wer der Brüsseler Hitzewelle. der “canicule”, dieser Tage entkommen will, dem bietet sich 100 Kilometer vor den Toren der Hauptstadt nasse, herrliche Abkühlung.

De Panne ist vielsprachig

De Panne weist durch die Nachbarschaft mit Frankreich eine kulturelle Besonderheit an der belgischen flämischen Küste auf. „On parle Français“. In Blankenberge, De Haan und Ostende ist der Gebrauch der französischen Sprache in den beiden letzten Jahrzehnten fast völlig zurückgedrängt und zum Erliegen gekommen. In der Gastronomie und Hotellerie spricht man Niederländisch und bestenfalls noch Englisch. 

Deutsch als Sprache beim Bäcker oder in der Apotheke ist völlig verloren gegangen. Ganz anders in De Panne. Der westliche Punkt Flanderns ist vielsprachig. Vor den Beherbergungs-Betrieben parken zahlreiche Autos mit französischen, luxemburgischen, niederländischen oder deutschen Kennzeichen. Das Hotel- und Restaurantpersonal spricht nicht nur Niederländisch und Französisch. Auch Deutschkenntnisse sind beim Servicepersonal durchaus noch anzutreffen.

Verarmter Fischerort entwickelte sich zur ersten Adresse an französisch-belgischer Grenze

Der Blick in die Historie weist De Panne als Unikum an der Küste auf. Der Badeort entstand im Jahre 1782 unter österreichischer Herrschaft. Kaiser Joseph II. regte damals den Aufbau der Küstenfischerei an. Wohlhabende Bürger von aus dem nahegelegenen Veurne legten zwischen Dünen und Meer eine Siedlung an, die Kerckepanne und Josephsdorp genannt wurde. Der organisierte Fischfang nahm seinen Lauf.

Wenige Jahrzehnte später schrieb De Panne erneut Geschichte: Am 17. Juli 1831 erreichte Leopold von Sachsen-Coburg nach der Überfahrt von England nach Calais in De Panne erstmals belgischen Boden und trat damit seine Regentschaft als erster König der Belgier an.

An dieses historische Ereignis erinnert heute ein hohes Monument mit der Statue Leopold I. auf der Esplanade von De Panne. 

Französischer Unternehmer legt Geschäftsstraße Zeelaan an

In den Annalen von De Panne wird weiter über die Entwicklung des flämischen Küstenortes vermerkt, dass ein Großgrundbesitzer namens Pieter Bordier auf einem geerbten Dünengebiet von 650 Hektar den ersten „Pavillon des Bains“ als Treffpunkt für die „Beau-Monde“ aus England und Veurne eröffnete. Damit stelle er die Weichen für die Entwicklung des kleinen Fischerdörfchens zu einer beliebten Sommerresidenz für englische, französische sowie belgische Sommer- und Badegäste. Die aktuelle zeitgenössische internationale Klientel findet auch in den gastronomischen Betrieben ihren Widerhall. Das Restaurant „Benelux“ in der Sloepenlaan gehört zu den Geheimtips unter den zahlreichen exzellenten Fischrestaurants.

Bau von Jugendstil-Villen und Kursaal machen Badeort westlich von Ostende zur Perle

Der Direktor der Veurner Nationale Bank, Pedro Ollevier, gewann den französischen Unternehmer Arthur Bonzel dazu, im großen Stil in De Panne zu investieren. Bonzel legte mit zahlreichen Geschäftshäusern die Hauptgeschäftsstraße des Ortes, die heutige „Zeelaan“, an. 

Am 5. Februar 1870 wurde in Westflandern die Eisenbahnstrecke Lichtervelde – Adinkerke – Dünkirchen eröffnet. Zur selben Zeit entstanden der erste Kursaal, Pavillons, Pensionen und Hotels. Insbesondere auf der Kyhill-Düne wurden zur Zeit des Jugendstils viele Villen gebaut. Die elektrische „Kusttram“ nach Ostende wurde 1928 in Betrieb genommen. 1933 wurde De Panne an die von König Leopold II. angeregte Küstenlandstraße „Koninklijke Bad“ angeschlossen.

Hafenprojekt De Panne scheiterte zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Parallel dazu entwickelte sich der Küstenort zu einem bedeutenden Fischfang-Umschlagplatz. Auch wenn De Panne keinen Hafen besaß, verfügte der westliche Punkt des heutigen Belgiens im ausgehenden 19. Jahrhundert hinter Ostende über die zweitgrößte Fischereiflotte an der flämischen Küste. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es Bestrebungen, einen kommerziell nutzbaren Hafen anzulegen. Das Projekt scheiterte jedoch, und so nahm die Entwicklung des ehemaligen Fischerdorfes zu einem Badeort seinen Lauf. Der nationale und internationale Tourismus hat De Panne heute zu einem der attraktivsten belgischen Küstenorte gemacht.

Nach Westen, in Richtung Frankreich, wird die kilometerlange „Dijk“ in Richtung Frankreich von dem imposanten Denkmal Leopold I. markiert. In der Gegenrichtung zum benachbarten Koksijde endet die Flanierzeile mit ihren Appartement-Hochhäusern am italienischen Restaurant „Azzurro“. 

Hier genieße ich auf der großzügigen verglasten Terrasse am Meer als erster Gast kurz vor Geschäftsöffnung am Mittag meinen letzten Cappuccino an diesem Sonntag vor der Rückfahrt nach Brüssel. Beim Blick auf den blauen Himmel und das Meer lassen sich zwei Möwen auf den weißen Strandpavillons vor mir nieder. Eines ist sicher: Ich komme wieder!

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