
Nach Streichungen regionaler Mittel aus dem Norden und Süden Belgiens steht das Ansehen der föderalen Vorzeigeeinrichtung auf dem Spiel
Von Michael Stabenow
In Belgien regiert dieser Tage, wie fast überall in Europa, der Rotstift. An diesem Wochenende versucht sich die Kernmannschaft der föderalen Regierung daran, Entlastungen für den belgischen Staatshaushalt in einer Größenordnung von zehn Milliarden Euro bis 2029 auf den Weg zu bringen und somit den EU-Defizitregeln einigermaßen zu entsprechen. Die flämische Regionalregierung hat in der Zwischenzeit schon ihr Ziel erreicht, einen Haushaltsplan zu präsentieren, der bei Minderausgaben von jährlich drei Milliarden Euro ein Gleichgewicht zwischen Ausgaben und Einnahmen garantieren soll.
So stolz der flämische Ministerpräsident Matthias Diependaele (von der flämisch-nationalistischen N-VA) am Mittwoch das Zahlenwerk präsentierte, so verärgert wurde vielerorts darauf reagiert. Die Gebühren bei Immobilienkäufen steigen, im öffentlichen Dienst soll eingespart werden. Auch die Gelder für Forschung und Wissenschaft und – im Jahr von Rekordtemperaturen – einen Klimafonds werden gekürzt. Für viel Unverständnis sorgt auch die geplante Mittelstreichung im Umfang von 47 Millionen Euro für Kultureinrichtungen – von Bibliotheken über denkmalgeschützte Stätten bis hin zu Museen.
Pikant ist dabei, dass das Brüsseler Kulturzentrum Bozar, eine föderale Einrichtung, fortan keine Mittel mehr aus dem flämischen Haushalt erhalten soll. Die Ankündigung kam just zum Zeitpunkt der Eröffnung einer bis zum 31. Januar 2027 laufende Retrospektive mit Gemälden des belgischen Malers Jean Brusselmans (1884 -1953). Dieser zunächst dem Impressionismus, später dem Expressionismus zugerechnete Künstler wurde in Brüssel geboren und starb im flämischen Dilbeek.
Etwas untergegangen ist in der Aufregung über die Mittelstreichungen eine Tatsache: Die französischsprachige „Fédération Wallonie-Bruxelles“ hatte schon 2024 ihre Zuwendungen für die föderale Einrichtung Bozar gekappt.
Man dürfte in der Annahme nicht ganz falsch liegen, dass das Angebot von Bozar nicht nur ausländische, sondern auch einheimische Besucher anzieht – ob niederländisch-, französisch- oder deutschsprachig. Auf der Internet-Plattform „LinkedIN“ machte Roger Christmann, seit Ende 2023- Hauptgeschäftsführer des Bozar, seinem Ärger Luft. Jenseits der „sehr schwerwiegenden finanziellen Auswirkungen“, so gab Christmann zu bedenken, stelle sich ihm die Frage, welche Vision die mit Sitz nicht weit vom Kulturzentrum entfernten Regionalregierungen von Brüssel hätten – „ihrer jeweiligen Hauptstadt“.
Der künstlerische Leiter Christophe Slagmuylder erklärte: „Die Brusselmans-Ausstellung wird weitgehend durch Zuwendungen finanziert, die uns jetzt entzogen werden.“ Bozar habe zwischen 2019 und 2026 bei einem Budget von jährlich acht Millionen Euro Kürzungen von 1,9 Millionen Euro hinnehmen müssen. Für 2027 sei mit einer weiteren Verringerung um eine Million Euro zu rechnen. Dies werde Folgen haben, warnte Slagmuylder und führte aus: „All dies unterhöhlt die Förderung örtlicher Kultur sowie das Ansehen der Hauptstadt und Belgiens insgesamt.“
Einen faden Beigeschmack hat die flämische Mittelkürzung für Bozar zudem. Für den 24. November ist im großen Saal des Palais des Beaux-Arts ein Konzert der Münchner Philharmoniker mit Werken von Dimitrij Schostakowitsch und Modest Mussorgsky unter Leitung seines israelischen Chefdirigenten Lahav Shani angekündigt.
2025 hatte das „Gent Festival van Vlaanderen“ einen Auftritt des Orchesters – und vor allem Shanis – in Gent mit der Begründung abgesagt, dass sich der Dirigent nicht klar genug vom brutalen israelischen Vorgehen im Gaza-Streifen distanziert habe. Für einen „echten kulturellen Boykott“ Israels, so berichtete die Zeitung „De Standaard“, habe sich die jetzt für die Streichung der Bozar-Mittel zuständige Ministerin Gennez Anfang September 2025 ausgesprochen. Sie hatte das Vorgehen Israels zuvor als „Völkermord“ bezeichnet.
Angesichts von Differenzen innerhalb der flämischen Regierung zur Absage des Konzerts in Gent hatte sich Gennez im Parlament Ende September nuancierter geäußert: „Wer ein Zeichen setzen kann und will, kann und darf das tun. Das ist genau, was das Gent Festival van Vlaanderen getan hat: es hat selbstständig und wohl überlegt eine Entscheidung getroffen.“
Einige Tage zuvor, am 13. September, hatte Belgiens Premierminister Bart De Wever (N-VA), ein Parteifreund des flämischen Ministerpräsidenten Diependaele, demonstrativ ein Konzert der Münchner Philharmoniker unter Leitung des Lahav Shani in Essen besucht.









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