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Rings um die Burg Reinhardstein

Ein Ardennen-Leckerbissen für hartgesottene Wanderer

Rund 17 Kilometer, gut fünf Stunden, anspruchsvoll, überwiegend unbefestigt.

Ausgangs- und Endpunkt: Rue Curé Beckmann (Parkplatz an der Saint Hubert-Kirche), 4960 Xhoffraix, etwa zwei Stunden Autofahrt von Brüssel; mit öffentlichen Verkehrsmittel nicht zumutbar zu erreichen.

 

 

 

 

 

 

 

Wegmarkierung: grünes Rechteck. Zur Sicherheit, da die Zeichnung etwas unübersichtlich ist: Wir biegen erst links auf die Rue Renier de Brialmont ab und folgen der Straße, die leicht im Bogen nach rechts führt und nun Sol´ Warthê heißt. Am Ende geht es im recht scharfen Winkel nach rechts auf die Rue de la Borbotte. Nach einer Kurve nach rechts geht nach links die Straße Large Voie ab. Von nun an ist die Wegmarkierung unproblematisch.

Von Michael Stabenow

Eigentlich wollten wir uns mit einer 13,8 Kilometer langen Ardennen-Rundwanderung begnügen, auf die wir in einer farbenprächtigen, freilich nicht mehr ganz druckfrischen Broschüre zu ostbelgischen „Genusstouren“ gestoßen waren. Als wir uns an der Saint Hubert-Kirche in Xhoffraix auf gut 500 Meter über dem Meeresspiegel und acht Kilometer nordöstlich von Malmedy auf den Weg machen wollten, hielten wir freilich vergeblich Ausschau nach der Wegmarkierung, einer grünen Raute. Irgendwo erblickten wir später das eine oder andere Exemplar, schon reichlich verwittert.

Daher hatten wir uns spontan entschieden, einer ebenfalls grünen Markierung, dieses Mal in Form eines Rechtecks, zu folgen. Aus den geplanten 13,8 wurden so mindestens 17 Kilometer. Nach fast fünf Stunden mit ständigem Auf und Ab (mit einem Gesamthöhenunterschied von über 800 Metern) kraxelten wir durchaus erschöpft, aber höchst zufrieden aus dem Tal der Warche steil nach Xhoffraix hinauf. Kein Zweifel: Dieser Rundweg gehört zu den reizvollsten, auf die wir uns bei unseren Streifzügen durch Belgien mit unseren Wanderschuhen begeben haben.

Eine Warnung vorweg: Dieser Rundweg erfordert nicht nur ein gewisses Durchhaltevermögen sowie einen angemessenen Proviant an Speis und Trank, sondern vor allem geeignetes Wanderschuhwerk und am besten ein Ersatzhemd. Trotz der überaus trockenen Witterung des Sommer 2026 ist der Untergrund an vielen Stellen feucht. Nicht nur die Vielzahl der Anstiege hat es in sich. Immer wieder geht es über Stock und Stein entlang eines tiefen Abgrunds. Und wer den Weg bergab vorzieht, sollte wissen, dass Schotter und Geröll an einigen Stellen die Wanderfreuden trüben.

Dennoch: die schönen Ausblicke auf die Mittelgebirgslandschaft, das tief eingeschnittene Warchetal, der Gang über die Staumauer des malerisch gelegenen Lac de Robertville sowie die schattigen Passagen im Staatsforst „Forêt Domaniale de la Warche“ entschädigen für manches Ungemach. Ein kleiner Wermutstropfen: Nachdem wir gefühlte Ewigkeiten vergeblich nach einer geeigneten Picknickbank Ausschau gehalten hatten. entschieden wir uns schließlich für einem Baumstumpf mit Panoramablick.

Das war gut eine Stunde, nachdem wir nach einem eher gemächlichen Abstieg von Xhoffraix in das Tal der Warche und einem sehr steilen Anstieg rechterhand die hoch über dem Tal thronende, mittelalterlich anmutende Burg Reinhardstein erblickt hatten. Die Gründung des mächtigen Bauwerks, so konnten wir erfahren, geht auf das Jahr 1354 zurück. Damals erteilte Herzog Wenzel von Luxemburg einem gewissen Reinhard von Weismes die Genehmigung zur Errichtung einer Burg.

Sie war von 1550 bis zur Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts im Besitz des Metternich-Adelsgeschlechts. 1812, kurz vor dem von ihm in den Jahren 1814 und 1815 geleiteten Wiener Kongress, beschloss der damalige österreichische Staatskanzler Clemens von Metternich, das Bauwerk zu verkaufen. Nach jahrzehntelangem Verfall gelang es erst von 1965 an, die aus Schiefer und anderem Gestein aus der Region errichtete Burg in ihrem ursprünglichen spätmittelalterlichen Erscheinungsbild zu restaurieren. Besitzer und Verwalter ist heute die “Vereinigung ohne Gewinnerzielungsabsicht” (VoG) Reinhardstein. Sie organisiert nicht nur ein jährlich stattfindendes mittelalterliches Fest, sondern auch Konzerte, Ausstellungen sowie – im Sommer – fast stündlich angebotene Besichtigungen der Burg.

An der Burg gibt es eine Gaststätte. Einer zweiten Einkehrmöglichkeit begegnen wir gut eine halbe Stunde nach Verlassen des Burggeländes. Die Gastwirtschaft befindet sich rechterhand nach Überquerung des 54 Meter hohen Staudamms des Lac de Robertville. Dieser 67 Hektar große See entstand durch den Bau der Staumauer in den Jahren 1925 bis 1928. Er dient heute nicht zuletzt zur Trinkwasserversorgung der Stadt Malmedy. Außerdem gibt es ein kleines Kraftwerk zur Stromerzeugung.  

Hinter dem Staudamm bleiben wir, jetzt oberhalb des südlichen Ufers der Warche, auf der Höhe – zumindest hat es auf den ersten Blick diesen Anschein. Tatsächlich führt der Weg in den kommenden gut anderthalb Stunden unablässig und zuweilen recht steil auf und ab.  Er bietet zunächst eine spektakuläre Ansicht der unterhalb gelegenen Burg Reinhardstein. Anschließend verläuft die Route überwiegend durch schattiges bewaldetes Gelände. Immer wieder eröffnen sich jedoch Ausblicke auf das Warchetal und die nördlich gelegenen Höhenzüge.

Recht unvermittelt erreichen wir einen als „Nez de Napoléon“ bezeichneten Felsvorsprung, der an die napoleonische Zeit erinnern soll. Mehr als zwei Jahrhunderte später eröffnet sich hier ein lohnender Ausblick, der bis zum Hohen Venn und damit zum geographischen „Dach Belgiens“ reicht.

Wer sich lange genug bei der Suche nach Sitzmöglichkeiten geduldet hat, wird etwas später mit einer überdachten Picknickbank rechterhand belohnt. Und wenig später kommen wir an zwei weiteren Bänken vorbei. Nun beginnt der weit mehr als hundert Höhenmeter in die Tiefe reichende Abstieg in das Tal der Warche. Anfangs ist der Weg recht breit und gut zu begehen. Das letzte, mit kleineren und größeren Geröllstücken übersäte Stück legen wir leicht fluchend und im Schneckentempo zurück.

Am Talboden gelangen wir zu einem vergleichsweise friedlich wirkenden Campingplatz, der sich beiderseits der Brücke über die Warche erstreckt. Wer jetzt Lust auf ein Getränk oder mehrere sowie Appetit auf etwas Herzhaftes verspürt, kann hier, falls sie geöffnet ist, in der Gastwirtschaft „Au Moulin“ einkehren. Noch stehen uns nämlich zwei besondere Höhepunkte unserer langen Rundwanderung bevor.

Rechts laufen wir zunächst an mehreren Fischteichen entlang, ehe wir verstehen, warum wir in der Höhe zeitweise einen ziemlich lauten, aus dem Tal kommenden Lärm vernommen haben. Des Rätsels Lösung ist ein zum Teil rötlich schimmernder und weit in die Höhe reichender Steinbruch. Wo heute Maschinen mit ohrenbetäubenden Rattern Gestein verkleinern und bei trockenem Wetter Staubwolken in der Luft hängen, soll mit Hilfe eines europäischen und belgischer Förderprogramme die Renaturierung, einschließlich der Schaffung von Gewässern zum Schutz von Flora und Fauna, gelingen.

Noch kommt uns das vor dieser Lärmkulisse wie säuselnde Zukunftsmusik vor. In der Gegenwart hat der Steinbruch zur Folge, dass die Wanderroute offenbar angepasst wurde und wir oberhalb eines breiteren Wegs auf einem schmalen, mit Wurzelwerk und Gestein gepflasterten Pfad steil in die Höhe schrauben müssen. Dann mündet der Pfad in den Weg ein.

Noch geht es aber weiter in die Höhe – auch als es wieder auf einem deutlich breiteren Weg in den Wald hineingeht. Dann liegt Land oder – genauer gesagt – die Kirche von Xhoffraix von unseren Augen und wir sind, durchaus auch körperlich, am Ende einer beeindruckenden Rundwanderung angelangt. Wer jetzt noch ein paar hundert Meter zu Fuß (oder mit dem Auto) zurücklegen will, kann das örtliche Lokal „Chez Remy“ an der von de Rue de la Borbotte abgehenden Rue Adam aufsuchen.

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