
Das 2004 eingeführte System, dass Geringqualifizierte einen legale Beschäftigung ermöglichen und Schwarzarbeit zurückdrängen soll, stößt an finanzielle Grenzen
Von Michael Stabenow
Der Begriff ist – auf Deutsch – ein Zungenbrecher: „Dienstleistungsschecks“. Dahinter verbirgt sich ein 2004 in Belgien eingeführtes System, durch das sich gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen lassen sollen. Wer geringqualifiziert und erwerbslos ist, sollte einer vertraglich geregelten Beschäftigung als Haushaltshilfe, Fensterputzer oder auch bei der Zubereitung von Mahlzeiten nachgehen können.
Erklärtes Ziel des Systems war es, der Schwarzarbeit einen Riegel vorzuschieben und die Arbeitslosigkeit zu verringern. Zudem sollte es den Nutznießern die Chance zu eröffnen, leichter Zugang zum sogenannten ersten Arbeitsmarkt zu erhalten, Berufs- und Familienleben besser zu vereinbaren sowie renten- und krankenversichert zu sein.
Viele Jahre schien das System der Dienstleistungsschecks – auf Französisch „titres-services”,auf Niederländisch „dienstencheques“ – seinen Zweck zu erfüllen. Mitarbeiter der Katholischen Universität Löwen (KUL) kamen in einer 2021 vorgelegten Studie zu dem Schluss, dass Schwarzarbeit deutlich seltener vorkomme. „Die Einführung der Dienstleistungsschecks hat wahrscheinlich zu einer Halbierung des Schwarzmarkts geführt“, sagte damals der KUL-Wirtschaftssoziologe Stef Adriaenssens dem Rundfunksender VRT.
Zum Ausmaß und Preis von Schwarzarbeit gibt es naturgemäß keine offiziellen Angaben. Für die genannten Tätigkeiten dürften derzeit unter der Hand Preise zwischen 13 und 17 Euro pro Stunde gezahlt werden.
Belgien wäre nicht Belgien, wenn das System der Schecks ohne Züge eines Labyrinths auskäme. Während für das Arbeitslosengeld die Verantwortung beim föderalen Landesamt für Arbeitsbeschaffung (LfA/ONEM/RVA) liegt, ist die Zuständigkeit für die Schecks 2014 mit der sechsten Staatsreform auf die Regionen Flandern, Wallonien und Brüssel übergegangen.
Entsprechend unterscheiden sich die vom Endverbraucher gezahlten Gebühren. Derzeit bewegen sie sich zwischen 10 Euro pro Scheck in Flandern und 14 Euro bei Erwerb einer größeren Anzahl – plus Zuschläge. Der Trend bei den Preisen weist jedoch weiter in die Höhe, so dass sich das Übel der Schwarzarbeit wieder ausbreiten könnte.
So hat die flämische Regionalregierung unlängst ein Sparprogramm beschlossen, das höhere Preise für die Schecks umfasst. Anfang 2027 steigen sie von 10 auf 12 Euro für die ersten 175 erworbenen Schecks; für weitere 125 – bis zu einer Höchstgrenze von 300 – Schecks sind jeweils 13 Euro fällig. Hinzu kommen Gebühren, die von den über eine Lizenz verfügenden privaten Beschäftigungsgesellschaften erhoben werden und mehrere Euro pro Scheck betragen können.
Diese Kosten sollen künftig gedeckelt werden. Schon Anfang 2025 gab es eine Preiserhöhung um einen Euro, während der zuvor von flämischer Seite gewährte Steuerabzug im Gegenwert von 20 Prozent des Preises der Schecks abgeschafft wurde.
Ein Indiz für die Verschiebung auf dem „Markt“ für Dienstleistungsschecks hat ein Ende Juli vorgelegter Bericht des Landesamts für soziale Sicherheit (LSS/ONSS/RZV) ans Licht gebracht. Demnach belief sich Ende 2025 die Anzahl der unter das System fallenden Beschäftigungsverhältnisse (in Voll- und Teilzeit) auf knapp 145.000, was einem Rückgang um knapp zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Dabei gebe es Unterschiede, „die mit den beobachteten regionalen Unterschieden bei Preiserhöhungen für Dienstleistungsschecks einhergehen“, heißt es in dem Bericht.
Tatsächlich ist es in jüngster Zeit deutlich einfacher für Kunden geworden, bei der Suche nach einer Haushalts- oder Putzhilfe fündig zu werden. Zudem kommen die Gesellschaften, bei denen die Beschäftigten unter Vertrag stehen, häufiger auf Kunden zu und bieten von sich aus an, für eine Vertretung zu sorgen, wenn ein Mitarbeiter urlaubs- oder krankheitsbedingt ausfällt.
Auffallend ist, dass nach Angaben des Landesamts für soziale Sicherheit der Frauenanteil bei Beschäftigungsverhältnissen, die dem System der Schecks unterliegen, zuletzt über 95 Prozent betrug. Dies dürfte auch damit zusammenhängen, dass es in vielen Fällen um Teilzeitbeschäftigung geht, durch die sich Familien- und Berufsleben besser miteinander vereinbaren lassen.
Seit der Einführung der Dienstleistungsschecks hat es kontroverse Diskussion über Kosten und Nutzen des Systems gegeben. Im vergangenen Mai bezifferte Sybille Mertens, Leiterin des Zentrums für Sozialwirtschaft an der Universität Lüttich, im französischsprachigen Sender RTBF die Kosten für die wallonische Region auf jährlich mehr als 600 Millionen Euro. Diese Kosten seien jedoch wie eine Investition zu betrachten. Es gehe um die Entlohnung von Beschäftigten, die ihrerseits zum Beispiel Sozialabgaben abführen sowie ihre Einnahmen für Güter und Dienstleistungen nutzen. „Die Nettokosten für die Region liegen eher bei 120 bis 130 Millionen Euro“, erläuterte Mertens.
In der Region Flandern wurden bisher, wie die Wochenzeitschrift Knack unlängst berichtete, jährlich rund 1,6 Milliarden Euro an öffentlichen Geldern in das System gesteckt . Von den Kosten von 29 Euro pro Scheck übernehme der Endkunde bisher lediglich einen Anteil von jeweils 10 Euro. Eine Putzhilfe empfange derzeit einen Bruttolohn von 15 bis 16 Euro pro Stunde, was einem Nettoverdienst von 12,50 bis 14 Euro pro Stunde entspreche. In Flandern nutzten zuletzt gut 750.000 Haushalte die Schecks, die einer großen Anzahl von geringqualifizierten Menschen eine Beschäftigung ermöglicht und Schwarzarbeit zurückgedrängt hätten. „Das System kann daher als ein Erfolg betrachtet werden“, heißt es in Knack.
Die flämische Regierung erhofft sich von der Anfang 2027 in Kraft tretenden Preiserhöhungen jährliche Haushaltsentlastungen in einer Größenordnung von 300 Millionen Euro. Ob diese Rechnung angesichts einer Reihe von Unwägbarkeiten, nicht zuletzt einer wieder zunehmenden Attraktivität von Schwarzarbeit, aufgehen wird, ist allerdings keineswegs gesichert.









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