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Abgehört: Laurence Cousseau Quintet und Guillaume Vierset

Von Ferdinand Dupuis-Panther

Laurence Cousseau Quintet – Les Groseilles de Novembre, Off Record
,Johannisbeeren im November’, so die deutsche Übersetzung, lautet der Titel des vorliegenden Debütalbums des Quintetts um die französische Flötistin Laurence Cousseau, die ihre Ausbildung am Brüsseler Konservatorium absolviert hat. Es ist an der Grenze zwischen dem Greifbaren und dem Traumhaften. Der unverwechselbare Klang der Gruppe beruht insbesondere auf der Kombination von Altflöte und Bassklarinette. Jazz-Energie (Eric Dolphy, Charles Mingus) trifft auf Klangfarben der modernen Musik (Olivier Messiaen) und die Sprache des zeitgenössischen Jazz (Magic Malik, Pierre Van Dormael, Bo Van der Werf).
Zarte Flötentupfer, ein fragil wirkender, „gläserner“ Tastenklang, die Tiefe einer Bassklarinette, ein nervös erscheinendes kurz und knappes Drumming vereinen sich aus durchaus vorhandenen Divergenzen. Widerstrebend erscheinen die hohen Flötenlinien und die eher leicht rau klingenden Basstöne. Beckenrausch, dank an Pierre Ferrand, ist allgegenwärtig. Wir vernehmen außerdem vergehenden Flötenklang und „spiraligen“ Bassklarinettenklang. Doch es gibt auch Momente des Vereinigens im ersten Track des Albums namens „Tierre de Sienne“, zu übersetzen mit Siena, einem der Brauntöne.
„Forêt de Nuages à l’Aube“ lautet der nachfolgende Titel. In den „Nebelwald im Morgengrauen“, so die dt. Übersetzung, begleiten uns der Flötist und der Klarinettist. Sie scheinen wahrlich den Nebeldunst mit ihren Klangbildern zu evozieren. Für eine gewisse Düsternis sorgen die Klaviersetzungen. Ein „Lichterflackern“ kommt auf, dank des Flötisten Laurence Cousseau. Das Moment des Dunklen, will sagen eines dunklen Waldes, liegt in den Händen des Klarinettisten Luis Miguel Aguilar. Kleine lyrische Passagen hören wir vom Pianisten Joseph Nowell, der sein Spiel auch den Basstönen widmet und diese mit dem Diskant paart. Nahtlos geht der Besuch des Nebelwaldes in den der Donau, siehe den Track „Danube“, über. Hier scheint es so, als würde ein Fluss im Nebel musikalisch umgesetzt werden. Durchdringend sonor erhebt der Bassklarinettist in einem Solo die Stimme, begleitet vom umsichtigen Drummer und abgelöst in seinen melodischen Setzungen durch den Flötisten.

Nachdem wir musikalisch dem „Le Roi des Aulnes“, dt „Erlkönig“, mit beeindruckendem Flötensolo begegnet sind, folgt zum Abschluss „Les Voussures du Tympan“ (dt. Die Gewölbe des Tympanon). In der Architektur sind das die Bogenläufe, die das Bogenfeld über den prächtigen gotischen Kirchenportalen umschließen. Auch in diesem Stück fällt der Flötistin eine entscheidende, die Klangfärbung prägende Rolle zu. Fazit: ein Album mit sehr reizvollen Klangsegmenten jenseits des Bekannten, teilweise auch durchaus ein wenig verklärt-poetische Musik.

Off Record
Musicians
Laurence Cousseau: alto flute, composition
Luis Miguel Aguilar: bass clarinet
Joseph Nowell: piano, FX
Emanuel Van Mieghem: double bass
Pierre Ferrand: drums

Guillaume Vierset EDGES – Error 404: Bug Not Found, Igloo Records

Nach seinem Studium am Brüsseler Konservatorium und der Teilnahme an zahlreichen Meisterkursen (Kurt Rosenwinkel, Mike Moreno, Jonathan Kreisberg…) sowie mehreren Auszeichnungen (Bester Solist, Octave de la musique 2015, Sabam Jazz Award 2013…) hat sich Guillaume Vierset als origineller und unkonventioneller Gitarrist etabliert, sich durch seine Alben der belgischen Musiklandschaft einen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt. Im letzten Jahr erschien dann ein EDGES Album namens „Morning Mr. Protocol“, grenzüberscheitend und inhaltlich getragen von einer scharfen Gesellschsftskritik. Die aktuelle Veröffentlichung muss als Methapher für die Gegenwart begriffen werden: Error 404: Bug Not Found! Das scheint für eine Gesellschaft zu stehen, die nur noch scheinbar funktioniert, aber längst Fehlstellen besitzt, wie ein Computerprogramm oder ein Link, der nicht funktioniert.
EDGES sind Guillaume Vierset (guitars), Matteo Mazzù (el. Bass), Dorian Dumont (keys) und Teun Verbruggen (drums). Also lassen wir uns auf die musikalische Sicht auf Error 404 ein: Eine eingängige, fast der Pop Music entnommene Melodie dringt ans Ohr der Zuhörer, anfänglich gesanglich, dann instrumental. Hier Viersets Gitarre und dort Dorian Dumonts Keyboard. Rasant sind die rockigen Riffs, und die Klangformen des Keyboards stehen als „Ergänzungen“ im Raum: „404 – Bug Not Found“, so der Tracktitel. Nach Fehlfunktionen klingt der Track jedoch nicht, obwohl ein klassischer Computerfehler „besungen“ wird.
Würde man bei einem Titel wie „System Failure“ nicht ein Gemisch aus Industrial Sound, Atonalem und Free Jazz erwarten, die die Unordnung beschreiben? Doch ganz das Gegenteil ist der Fall: Guillaume Vierset zeigt sich als begnadeter Gitarrist, teilweise im Stil von Jeff Beck. Wiederkehrendes trägt der Pianist zum Geschehen bei und zudem gibt es fast überbordendes Schlagwerk zu hören. Zugleich erleben wir einen Gitarristen, der dem Stück Struktur gibt. „The System Is Lying“ ist ein weiterer Track der EP: Dabei scheint der Gitarrist hier und da bei Fleetwood Mac Anleihen zu nehmen, oder? Zugleich zeichnet sich das Stück durch ein opulentes Klavierwerk aus, beinahe mit klassischer Attitüde vorgetragen. Da perlen die Tastenklänge, hält sich der Gitarrist im Hintergrund und lässt dann erst seine Gitarre schnurren. Rotzig-punkig ist es an keiner Stelle des Stücks! Eher meint man, die Band suche immer nach dem Ausgleich und dem Harmonischen, selbst wenn die Gitarre mal so richtig rockig fetzt.
Mit „Fatal Bug Inside“ endet die EP, eine kurze Impression von Fatalem. „Stürzender Klavierklang“ verbindet sich mit rockigen Gitarrenpassagen, die sehr dominant sind, und obendrein schnell gespielt werden. Eine elektronische Klanglandschaft trifft nachfolgend auf diskante Tastenfolgen, die an stete Tropfen denken lassen. Jaulend und wimmernd eingestellt ist schließlich die Gitarre, die auf ihrer eigenen Umlaufbahn agiert. Nun ist die „Systemkritik“ beendet. „Quo vadis?“ , fragt sich der Zuhörer.

Igloo Records
Musicians
Guillaume Vierset (guitar)
Matteo Mazzù (el. bass)
Dorian Dumont (keys)
Teun Verbruggen (drums)

 

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