
Von Heide Newson
Manchmal warten die schönsten Erlebnisse gleich um die Ecke. Davon überzeugte mich meine Freundin Bettina, die mir an einem Samstag einen Ausflug ins flämische Mechelen vorschlug. Das war die richtige Mischung aus Kultur, gutem Essen und entspannten Momenten auf der Dijle.
KULTUR AM NACHMITTAG
Unser Nachmittag begann mit einem beeindruckenden Museumsbesuch. In Mechelen bin ich bereits öfter gewesen. Ich wusste, dass die gut 25 Kilometer nördlich von Brüssel gelegene Stadt von beeindruckenden Ausstellungen über die Epoche von Margarete von Österreich bis hin zur faszinierenden Stadtgeschichte viel zu bieten hat. Aber im Museum „Hof van Busleyden“ war ich noch nie. Somit war ich begeistert, als meine deutsche Freundin Bettina den Vorschlag machte, dort mit unserer Visite zu beginnen. Mir verschlug es regelrecht die Sprache, als wir einen prächtigen Renaissancepalast erreichten, in dem ich alles andere als ein Museum vermutete. Dieser Palast, so Bettina, sei einst Treffpunkt bedeutender Humanisten, Philosophen und Künstler gewesen, darunter Erasmus von Rotterdam und Thomas Morus.
Die permanente Ausstellung des vor zwei Jahren renovierten Museums nahm uns mit auf eine Zeitreise ins 15. und 16. Jahrhundert, als Mechelen, damals und bis in die Gegenwart hinein im deutschen Sprachgebrauch auch als „Mecheln“ bezeichnet, Hauptstadt der burgundischen Niederlande war. Kaum hatten wir die ersten Ausstellungsräume betreten, tauchten wir schon in die burgundische Blütezeit ein. Die Geschichte von Margarete von Österreich, einer starken Frau, die von ihrer unweit des heutigen Museums gelegenen Residenz in Mechelen aus als Statthalterin der habsburgischen Niederlande Europa mitgestaltete und ihren Neffen, den späteren Kaiser Karl V., großzog, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Museum.
Ein absolutes Highlight, so meine kenntnisreiche Freundin, seien die „Beschaulichen Gärten“ im oberen Stockwerk. Diese von Augustiner-Chorfrauen gefertigten Kunstwerke sind einfach sensationell. Die kleinen paradiesischen Gärten voll vergoldeter Details, Reliquien, Seidenblumen und feinen Schnitzereien zogen mich in ihren Bann.
Wie lange die Chorfrauen wohl an diesen so detaillierten Kunstwerken gearbeitet haben, fragte ich mich. An diesen zauberhaften Gärten konnten wir uns nicht genug satt sehen. Wertvolle Gemälde, Skulpturen, Wandteppiche veranschaulichen, wie Mechelen unter Margarete von Österreich Anfang des 16. Jahrhunderts zu einem europäischen Zentrum der Kunst und des Wissens aufstieg. Ihr Vater Kaiser Maximilian I. hatte sie im Jahr 1507 zur Statthalterin der habsburgischen Niederlande ernannt. Margarete, die Mechelen als ihren Regierungssitz gewählt hatte, machte diese Stadt zum politischen und kulturellen Herzen Europas. Schweren Herzens verließen wir das faszinierende Museum, als es um 17 Uhr geschlossen wurde.
EINE KULINARISCHE STÄRKUNG IN EINEM DEUTSCHEN RESTAURANT
Nach so vielen historischen Eindrücken meldete sich der Hunger. „Hier gibt`s ein deutsches Restaurant, und das mitten auf dem Marktplatz“, lautet Bettinas erlösender Vorschlag. Ein deutsches Restaurant in Mechelen? Ich konnte es kaum glauben. Umso weniger, da es seit der Schließung der „Maxburg“ selbst in Europas Hauptstadt Brüssel weit und breit keines mehr gibt – was sehr bedauerlich ist. Gleich war ich Feuer und Flamme. Auf der Terrasse mit Panoramablick auf die historische Altstadt ließen wir uns inmitten belgischer Gäste nieder. „Sie sprechen aber gut Deutsch”, meinte ich zur Frau des Hauses, von der wir in unserer Muttersprache freundlich begrüßt wurden. Sie sei Deutsche, erwiderte sie lachend. Also lag ich mit meiner Vermutung, dass es sich hier um ein von Flamen geführtes deutsches Restaurant handelte, falsch.
Unsere Wirtin, so erzählte sie uns, stammt aus Berlin. Sie habe sich vor Jahren in einen Flamen verliebt, koche gerne und liebe Mechelen. Voller Stolz erklärte uns ihr aus der Stadt stammender Ehemann, dass er das Eis, das uns in allen erdenklichen Variationen, darunter ein Schwarzwälder Kirschbecher, den Mund wässrig machte, selbst herstelle. Beim Anblick der Speisekarte, vollgespickt mit herzhaften deutschen Klassikern wie Bratwurst, Spätzle, Currywurst, Kartoffelsalat oder Brezeln fiel uns die Wahl schwer. Zunächst löschten wir unseren Durst mit Rhabarberschorle.
„Ich habe noch Pflaumenkuchen, alles selbstgebacken,“ sagte die reizende Berlinerin. „Aber dann bitte mit Sahne“ erwiderten wir lachend. Dann unterhielten wir uns mit ihr über Gott und die Welt. Der deutsche Botschafter Martin Kotthaus sei schon öfter hier gewesen, sehr sympathisch sei er. Schade, dass er mit seiner Familie in Brüssel wohne, denn die belgische Hauptstadt sei ihr unheimlich, mache ihr Angst, obwohl sie aus einer Großstadt komme. Aber demnächst wolle sie mal das „Wagnis Brüssel“ eingehen. Zum Abendessen verdrückte Bettina eine knackige Bratwurst, ich ein leckeres Gericht mit Pfifferlingen und Spätzle mit einem erlesenen deutschen Wein.
Das deutsche Restaurant scheint gut in Mechelen anzukommen. Offenbar so gut, dass das sympathische deutsch-flämische Ehepaar auf der Suche nach größeren Räumlichkeiten ist. „Warum sehen Sie sich nicht in Brüssel um“, so unser Vorschlag. „Da fehlt so ein gutes deutsches Restaurant.“ Aber keine Chance, die Berlinerin fühlt sich in Mechelen pudelwohl. Mit dem Versprechen, bald wiederzukommen, verabschiedeten wir uns von den netten Restaurantbesitzern.
EINE WEITERE ÜBERRASCHUNG ZUM ABSCHLUSS: BOOTSTOUR AUF DER DIJLE
Bettina, die den Ausflug geplant hatte, hatte noch eine weitere Überraschung für mich: eine gemütliche Bootsfahrt zum Sonnenuntergang auf der Dijle. Vom Wasser aus wirkte die historische Altstadt noch einmal ganz anders. Während das kleine Boot sanft über das Wasser schipperte, erfuhr ich, dass der Fluss im Mittelalter der wichtigste Transportweg für Mechelen war. Zahlreiche Brauereien entstanden, die das Wasser direkt für den Brauprozess und den Transport nutzten. Wir fuhren die Flusspromenade entlang, sahen die Brauereien, den mächtigen Turm der St. Rombouts-Kathedrale, der über den Fluss und die Stadt hinausragt.
Wir bewunderten die renovierten Häuserreihen, aus deren Fenstern uns der eine oder andere Bewohner zuwinkte. Auch an schief anmutenden historischen Häusern, die an der Dijle stehen, fuhren wir vorbei. Sind sie wirklich schief, oder liegt es am Cava, rätselte ich. Und jedes Mal, als das Boot unter einer Brücke durchfuhr, herrschte für einige Sekunden romantische Dunkelheit. Aber aufgepasst! Wir mussten schnell den Kopf einziehen, um uns nicht an der Brücke zu stoßen.
Über den Diljepfad, einem schwimmenden Holzsteg auf dem Fluss, der direkt über dem Wasser an den alten Speicherhäusern und Gärten vorbeiführt, flanierten wir nach der eindrucksvollen Flussfahrt gemächlich zum Bahnhof, derzeit eine gigantische unübersehbare Baustelle. Bestimmt kommen wir bald zurück, und das nächste Mal besuchen wir den Palast von Margarete von Österreich, der diesmal leider geschlossen war.








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