
Die 53. Jahrestagung des Belgischen Germanisten- und Deutschlehrerverbands(BGDV fand in Louvain-la-Neuve statt
Von Jürgen Klute
Belgien gilt als das Ursprungsland der Comics. 1929 veröffentlichte Hergé – mit bürgerlichem Namen Georges Remi – die ersten Abenteuer von Tim und Struppi (Tintin), die heute neben Bier, Pralinen und Pommes nicht nur als Symbol für Belgien gelten, sondern auch zu den einflussreichsten Comics der Welt zählen.
Da überrascht es nicht, dass der Belgische Germanisten und Deutschlehrerverband (BGDV – https://www.bgdv.be) sich auf seiner diesjährigen Jahrestagung am 9. Mai im „Learning Center Christine de Pizan“ in Louvain-la-Neufe mit diesem Thema beschäftigt hat und der Frage nachgegangen ist, wie Comics den Deutschunterricht bereichern und befruchten können.
Doch zunächst gab es in aller Kürze die nötigen Formalien abzuhandeln. Der Präsident des BGDV, Torsten Leuschner, Professor für Germanistik an der Universität Gent (UGent), berichtete über die Arbeit des BGDV im zurückliegenden Jahr. Ein Höhepunkt war ein Besuch der im Bauhausstil errichteten ehemaligen Steinkohlenzeche Zollverein in der Ruhrgebietsstadt Essen. Heute ist die Schachtanlage ein Industriemuseum und beliebtes touristisches Ziel sowie Standort eines renommierten Design-Zentrums. Ein zweiter Höhepunkt war, wie schon in den Vorjahren, die Woche für Deutsch und das Deutsch-Quiz, an der der BGDV neben dem Goethe-Institut Brüssel, der deutschen Botschaft und weitere Institutionen als eine der tragenden Säulen beteiligt ist.

Anschließend gab der Schatzmeister, Oliver Holz, einen kurzen und pointierten Überblick über die Finanzlage des BGDV, der als Verein nach belgischem Recht organisiert ist. Grund zur Sorge, so der Schatzmeister, bestehe nicht.
Nach Abarbeitung dieser Formalien ging es dann einen Tag lang in die Tiefen der Comic-Welten hinunter.
Zunächst erläuterte Florian Trabert, Lehrbeauftragter am Institut für Germanistik der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, den Aufbau und grundlegende Kategorien zum Verständnis von Comics. Trabert ist Mit-Gründer des interdisziplinären Comicforschungs-Netzwerks (icon Düsseldorf) an der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf sowie der Comicforschung am Rhein.
Im nächsten Teil wurde es dann praktischer. In einem von May Blank moderierten Werkstatt-Gespräch mit MoTessen (René Heinen, Christophe Schommer), Christoph Bohn und Nele Heaslip berichteten die Teilnehmer über ihre Arbeit als Comic-Zeichner und Filmemacher.
René Heinen (Zeichnungen) und Christophe Schommer (Text) sind zwei ostbelgische Comic-Autoren, die unter dem Pseudonym „MoTessen“ die regionale Geschichte Ostbelgiens auf unterhaltsame Art und Weise in Comicform einem – nicht nur, wie sie betonten – jüngeren Publikum zugänglich machen wollen. „Motessen“ ist eine, so die beiden Autoren, liebevolle regionale Bezeichnug der Bewohner des südlichen Teils der belgischen Ostkantone.
Die Masterstudentin der Anglistik Nele Heaslip hat sich Goethes „Faust“ gewidmet. In mittlerweile zwei jeweils mehrere hundert Seiten umfassenden Bänden hat sie Goethes „Faust“ in Bildsprache übersetzt und mit Originaltexten des Klassikers versehen. In ihren ausdrucksstarken schwarz-weißen Zeichnungen lässt die Zeichnerin Mittelalter, NS-Zeit und Gegenwart, klassische Texte und moderne Bilderwelten verschmelzen.
Christoph Bohn fiel etwas aus dem Rahmen: Er ist kein Comic-Autor, sondern Filmemacher und Regisseur. Der Bezug zum Thema der BGDV-Tagung lag darin, dass auch ein Film Bilder zeigt: aber eben bewegte Bilder. Am Vorabend der Jahrestagung wurde sein Film “The Boy is Gone” gezeigt. Der Film erzählt die Geschichte des Vaters des Regisseurs. Dieser wurde 1927 in Eupen geboren und erlebte seine Jugend während der Annektierung Ostbelgiens durch Nazi-Deutschland. Da er vom Fliegen träumte, trat er – zeitbedingt – einem Segelfliegerclub bei, den die Nazis gegründet hatten, um junge Ostbelgier anzusprechen und mit ihrer Ideologie zu indoktrinieren. Bohn erläuterte, dass über diese Zeit und das, was damals in Ostbelgien passierte, mehr geschwiegen als gesprochen wurde. Mit seinem Film will er dazu beitragen, das Schweigen endlich zu brechen.

Nach der Mittagspause ging es weiter mit einer Reihe von Workshops. Sie boten den Teilnehmenden der Jahrestagung die Möglichkeit, sich im Gespräch mit den Referenten und Referentinnen und untereinander über eigene bisherige Erfahrungen der Nutzung von Comics im Deutschunterricht auszutauschen. Gemeinsam dachte man darüber nach, wie man die Anregungen des Vormittags zukünftig im Unterricht nutzen kann, um Schüler und Schülerinnen zu motivieren, ihr Sprech- und Schreibvermögen zu fördern und auch ganz klassisch ihren Vokabelschatz zu vergrößern.
Nach einer Show-and-Tell-Session mit einem kleinen Umtrunk und einer Präsentation von Unterrichtsmaterialien endete die Jahrestagung.







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