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Ungebetener nächtlicher Besuch

Von Michael Stabenow

Während der Hitzewellen dieses Sommers ist man für jedes Lüftchen, selbst wenn es nicht kühlend ist, dankbar. Nach Sonnenuntergang reißen wir daher in unserem südlich an Brüssel angrenzenden flämischen Wohnort sämtliche Fenster auf. Später, zu vorgerückter Stunde, erlangen wir dann die Gewissheit, dass es um uns keineswegs einsam und still ist. Wir erkennen mittlerweile, wenn wir nachts mal wach liegen, mühelos die geheimnisvollen Klänge von Eulen, das Schmatzen von Igeln, aber auch das durch Mark und Bein gehende Geschrei von Füchsen und Mardern.

Dass wir neulich auch einen anderen ungebetenen Besuch hatten, haben wir dagegen nicht gleich mitbekommen, sondern erst am nächsten Morgen beim Blick in den Garten mit ziemlichen Grausen entdeckt.  Die Grasnarbe war an mehreren Stellen herausgerissen, das Erdreich dort, wo sonst ein mehr oder weniger gepflegter Rasen das Auge des Betrachters erfreut, regelrecht umgepflügt worden. Die Wildschweine sind wieder da, schoss es mir durch den Kopf. Sie müssen wieder aus südöstlicher Richtung über das Getreidefeld, vielleicht auch wieder über die nur drei Kilometer entfernt gelegene Grenze zu Wallonien gekommen sein, wo Keiler, Bachen und Frischlinge sich schon seit langem austoben und rasant vermehren.

Auch in Flandern ist das Schwarzwild längst auf dem Vormarsch. Das gilt vor allem für die auch häufiger von Wölfen heimgesuchte Provinz Limburg, den nordöstlichen Zipfel der Provinz Antwerpens sowie Teile Flämisch-Brabants – dort vor allem für die südlich von Löwen gelegenen Wälder, aber auch für das Gebiet der Gemeinden Hoeilaart, Overijse, Huldenberg, Bertem und Tervuren. Ein Spaziergang durch das dortige Arboretum reicht aus, sich ein Bild des Vormarsches der Vierbeiner zu machen, die sich offenbar nicht um Belgiens Sprachgrenzen scheren. Ob Sanglier (in Wallonien), Everzwijn (in Flandern) oder Sanglier/Everzwijn (im zweisprachigen Brüssel) – ein Wildschwein bleibt ein Wildschwein!

Wir wurden das erste Mal vor zwei Jahren von den Biestern heimgesucht. Nach einem Blick ins Internet griffen wir zum Telefonhörer und riefen bei der Naturschutz- und Forstbehörde Natuur en Bos an. Schon nach gut einer halben Stunde standen zwei freundliche Mitarbeiter vor der Haustür und inspizierten umgehend die aufgewühlten Stellen im Garten. Dort, meinte einer der Wildschweinexperten mit Kennermiene, auf einen Komposthaufen deutend, habe es sich wohl eine Bache gemütlich gemacht und dem eifrigen Wirken ihres wohl ziemlich zahlreich erschienenen Nachwuchses zugeschaut. Er versprach, einen Käfig als Falle aufzustellen und ließ sich anschließend nicht mehr blicken – übrigens ebenso wenig wie unsere nächtlichen Besucher, die wohl anderswo ihr (Un)Wesen trieben.

Dann, nach gut zwei wildschweinfreien Jahren, war es wieder so weit.  Und wir fackelten, da wir ja nun wussten, woran wir waren, wieder nicht lange.  Über E-Mail meldeten wir der wohl Natuur en Bos angegliederten Dienststelle „Samenleven Met Wilde Dieren“ wahrheitsgemäß: „Heute Nacht sind wieder Wildschweine in unserem Garten gewesen, nun dichter an unserem Haus. Das Gras wurde an verschiedenen Stellen umgegraben.“

Nicht eine halbe Stunde, wie 2026, sondern acht Tage vergingen, ehe wir vom „Team Samenleven Met Wilde Dieren“ eine Nachricht erhielten, die mit der unbestreitbaren Feststellung begann: „Wir haben Ihre Nachricht gut empfangen.“ Was dann folgte, war eine Reihe gut gemeinter Ratschläge  – wie das Anbringen einer „bewegenden Puppe“, wohl statt einer Vogel- einer Wildschweinscheuche, von Zäunen, Gaskanonen oder Geräuschsystemen „mit abschreckenden Klängen“. Vielleicht, so dachten wir, sollten wir einfach das Marder- und Fuchsgeschrei aufnehmen und so in einer nächtlichen Schleife über Lautsprecher den Garten beschallen. Aber dann dachten wir uns, dass es vielleicht nicht die beste Idee sei, es sich auf diese Weise mit den Nachbarn zu verderben.

Elektrozäune, so erfuhren wir weiter bei der Lektüre der E-Mailnachricht, seien „komplex“.  Das klang durchaus einleuchtend – zumal dann, wenn sich nicht nur Vierbeiner, sondern regelmäßig auch kleine Zweibeiner aus dem Familiennachwuchs gerne auf unserem Grundstück umtun. Und geradezu etwas mulmig wurde uns, als wir lasen, dass wir uns die Ratschläge zur Vermeidung „häufig verkommener Fehler bei einer elektrischen Einzäunung“ des sogenannten „Wolf Fencing Team Belgium“ zu Herzen nehmen sollten.  Bedeutete das etwa „Isegrim ante portas“? Nicht auszudenken!

Immerhin bekamen wir noch den freundlich klingenden Ratschlag, uns bei etwaigen Fragen an die Organisation „Regional Everzwijnbeheer Ondersteuning (REBO)” unter der E-Mailanschrift everzwijn@vlaanderen.be  zu wenden. Da sich unserer Schwarzwildgäste bisher nicht nochmals haben blicken lassen, haben wir uns vorgenommen, dies auf den Tag nach dem nächsten ungebetenen nächtlichen Besuch zu schieben. Etwas gespannt sind wir dabei natürlich, ob dann weniger oder gar mehr als die acht Tage vergehen werden, die wir auf eine Antwort nach unserer jüngsten Wildschweinmeldung gewartet haben.

 

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