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Südbahnhof zeigt schlechteste Visitenkarte von Brüssel  

©  SNCB

Von Thomas A. Friedrich 

Es mutet an wie die Bronx von New York. Aber es ist mitten in Brüssel. Der Südbahnhof (Gare du Midi) ist seit Jahren zum Hotspot von Kriminalität, Drogenmilieu und Taschendieben verkommen. Zu Wochenbeginn tagte das  Nationale Krisenzentrum. Die föderale Innenministerin Annelies Verlinden (CD&V) kündigte einen Aktionsplan zur Bereingiung der Misere am Südbahnhof an. 

Am Wochenende hat die Brüsseler Polizei durchgegriffen. 56 Personen wurden festgenommen, wie das Kabinett von Ministerin Verlinden bestätigte. Die meisten hatten keine Aufenthaltsgenehmigung oder waren von der Polizei zur Fahndung ausgeschrieben. Es habe auch Festnahmen wegen Störung der öffentlichen Ordnung und Trunkenheit gegeben, so die Polizei. 

Anwohner des in den vergangenen zehn Jahren großräumig sanierten Bahnhofsviertels schlagen seit Monaten Alarm. Häufige Übergriffe auf Polizisten, Gewalttaten und Pöbeleien von Angetrunkenen eskalierten in diesem Sommer, klagten Anwohner. Städtische Straßenarbeiter stellten wegen unhaltbarer hygienischer und menschenunwürdiger Zustände ihre Arbeit ein, berichteten belgische Zeitungen.

Nationales Krisenzentrum soll Kriminalitäts-Hotspot beseitigen

Am Montag rief Premierminister Alexander De Croo (Open VLD) das Nationale Krisenzentrum zusammen. Er sorgt sich angesichts der Rückkehr der EU-Bediensteten in die europäische Kapitale nach der Sommerpause um das Image der belgischen Hauptstadt. Er erwarte “sehr bald konkrete Maßnahmen”, erklärte er gegenüber den flämischen TV-Sender VRT. 

De Croo rief die Stadt Brüssel, die Region Brüssel-Hauptstadt, die belgische Bahngesellschaft SNCB und den Eisenbahninfrastrukturbetreiber Infrabel dazu auf, „gemeinsam rasche Lösungen zu finden“. 

Am Wochenende vor der „Rentrée“, wie der Schulanfang für die Schülerinnen und Schülern im französischsprachigen Belgien nach sieben Wochen Sommerferien bezeichnet wird, waren die Ordnungskräfte am Samstag und Sonntag mit Großaufgebot im Einsatz. 

Touristen aus aller Welt angewidert, Hoteliers alarmiert 

Wir raten unseren Kunden immer, direkt ins Hotel zu kommen und auf dem Weg dorthin mit niemandem zu sprechen“, erklärte Hotelmanager Abel vom gegenüber dem Bahnhof gelegenen B&B Hotel der Nachrichtenagentur Belga. „Inzwischen ist es hier schlimmer als in Paris“, lautet sein ernüchternder Befund. 

Viele der 5,5 Millionen Touristen, die jährlich die belgische Hauptstadt und das Hauptquartier der EU-Institutionen besuchen, kommen am „Gare du Midi“ mit den internationalen Zügen Thalys, TGV, ICE oder Eurostar aus Paris, London, Amsterdam oder Köln an. Beim Verlassen des größten belgischen Bahnhofes bekommen sie einen ernüchternden Eindruck von Europas Hauptstadt. 

Viele Ausgänge sind von Matratzen und Schlafsäcken gesäumt. Wilde Müllablagerungen muten wie das Bronx-Viertel in New York an. Nichtsesshafte und Bedürftige sowie Asylsuchende kauern am Boden und hoffen auf ein paar Euro von ankommenden Reisenden. Was nicht freiwillig gegeben wird, holen sich oft organisierte Taschendiebe im Bauch des verzweigen Bahnhofes. Hinzu kommt Beschaffungskriminalität von Drogensüchtigen und Strichern. Das benachbarte Prostituiertenmilieu tut sein Übriges.  

Anwohner und Reisende fordern Ordnung und Sauberkeit 

Die neuen Bewohner des im vergangenen Jahrzehnt mit Abrissbirnen städtebaulich im großen Stil komplett sanierten Viertels fordern angesichts der unhaltbaren Zustände von der Politik Vollzug von Ordnung und Sicherheit.  

Das Nationale Krisenzentrum soll nicht nur den Kriminalitäts-Hotspot austrocknen, sondern das Bahnhofsviertel auch von Müll und Unrat befreien sowie für Ordnung und Sicherheit sorgen.  

Ein ausländischer Reisender hatte im Juli zu nächtlicher Stunde im Brüsseler Südbahnhof ein Video über die Zustände in und um den Bahnhof aufgenommen, Als die Aufnahmen auf Youtube viral gingen, bestätigten Hunderte Follower die Misere am Bahnhof.  

Das sich verschlechternde Image des größten belgischen Bahnhofes rief SNCB-Chefin Sophie Dutordoir auf den Plan. In einem offenen Brief an Politik und Behörden auf regionaler und föderaler Ebene mahnte sie geeignete Maßnahmen zur Säuberung des Südbahnhofes an.   

Daraufhin reagierte zuerst die Föderalregierung. Premierminister Alexander De Croo ließ per Pressemitteilung erklären, dass eine Taskforce zur Lösung der Probleme eingesetzt werde. 

Großreinemachen am Wochenende war erst der Anfang 

Am vergangenen Wochenende rückten rund 200 Polizisten der Lokal-, Bundes- und Bahnpolizei an und nahmen 56 Personen in Gewahrsam. Dabei handelte es sich nach Polizeiangaben vor allem um illegale Einwanderer ohne Aufenthaltsgenehmigung, unbegleitete Minderjährige, Taschendiebe sowie Drogendealer und Drogensüchtige. 

Reinigungstrupps der Bahn sowie der angrenzenden Brüsseler Gemeinden Anderlecht, Sint-Gilles, Forest sowie der Brüsseler Stadtreinigung („Net Brussel – Bruxelles Propreté“) fuhren Müll und Unrat in zwei großen Lastwagen ab.  

Innenministerin Verlinden forderte am Sonntag nach dieser Aktion mehr Engagement von der Brüsseler Hauptstadtregion. Gegenüber dem Sender VRT kündigte sie die Vorlage eines Aktionsplanes zur Bereinigung der Situation an. Schon in den nächsten Tagen sollen erste Maßnahmen ergriffen werden. 

Es wird Aktionen im Bahnhof geben, die dafür sorgen, dass nicht zu duldendes Verhalten abgestellt und die Sauberkeit verbessert wird. Wir werden dort polizeilich viel härter gegen Drogenkonsum vorgehen“, kündige Premier De Croo an.  

Aus der Stadtverwaltung Brüssel verlautete, dass die Region und die Gemeinden mehr Mittel und mehr Personal brauchten, um Abhilfe zu schaffen. In der belgischen Hauptstadt gebe es nicht nur einen Problembereich am Südbahnhof. 

 

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