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Foire du Midi – zwei Kilometer Spaß, Nervenkitzel, Fritten, Bier und vieles mehr

Von Heide Newson

Unter dem Motto „On ira tous, tous, tous….à la Foire du Midi » steht die diesjährige Ausgabe des großen Brüsseler Jahrmarkts. Die Schirmherrschaft hat, wie sollte es anders sein, der Sänger Jean-Luc Fonck übernommen, der in den neunziger Jahren mit dem Song „On ira tous à Torremolinos” für einen Ohrwurm gesorgt hatte und überdies ein bekennender Kirmesfan ist. Am 18. Juli war sie im Beisein von Pressevertretern eröffnet worden, aber ich hatte den Termin verpasst.

„Es ist ganz toll dort, es gibt viele Neuheiten, ein modernisiertes Riesenrad, eine wirklich gruselige Horror Show, die Tiki Ville, und Karussells, die deinen Adrealin Spiegel in die Höhe treiben werden, genau das Richtige für dich“, hatte ein belgischer Kollege gewitzelt. Und somit kam ich am Sonntag der Aufforderung des Sängers sowie der Empfehlung meines Kollegen nach.

Mit der Metro ging´s zum Gare du Midi, wo soeben der Sonntagsmarkt beendet war, und ordentlich gefegt und alles akribisch gesäubert wurde. Kaum hatte ich die ersten Meter auf dem Asphalt in Richtung Kirmes zurückgelegt, und schon schlug mir die berüchtigte Duftwolke entgegen, eine Mischung von Frittierfett, Schokolade und einer scharfen Note von Kräuterbrühe. Ich starrte auf das imposante Riesenrad als mir prompt eine Schale von Meeresschnecken unter die Nase gehalten wurden. „C’est bon pour la santé,“ rief der Verkäufer, was ich ihm aber nicht ganz glaubte. Ein Belgier griff dagegen beherzt zu und ließ die kleinen Meeresschnecken samt Brühe genüsslich im Mund verschwinden, und er konnte nicht verstehen, wie ich so was Leckeres ablehnen konnte.

Ich zog weiter und stellte fest, dass sich Brüssels größter Jahrmarkt, der jedes Jahr am Wochenende vor dem belgischen Nationalfeiertag beginnt, seit meinem letzten Besuch, der Jahre zurückliegt, stark weiterentwickelt und sich den technologischen Fortschritten angepasst hatte. Drehorgeln, magische Karusselle, Wahrsagerinnen, für mich seit Jahrzehnten liebgewonnene Traditionen, sind längst rein technischen „Nervenkitzelkrachern“ und spektakulären neuen Attraktionen gewichen. Anstatt, wie vor Jahren, mir von einer Wahrsagerin mein weiteres Schicksal voraussagen zu lassen, bestaunte ich die tropische Atmosphäre von Tiki Ville, einer spektakulären Attraktion im Hawaii-Stil.

Mit einer Höhe von etwa 15 Metern lädt sie Alt und Jung dazu ein, eine Reihe lustiger Hindernisse zu überwinden, bevor das Abenteuer mit einer beeindruckenden Abfahrt auf einer 9 Meter hohen Wasserrutsche endet, und man natürlich nass wird. Aber nass wurde ich auch ohne mich auf das Abenteuer mit der Rutsche einzulassen. Plötzlich öffnete der Brüsseler Himmel seine langerwarteten Schleusen, und wie!

Zusammen mit einer jungen Marokkanerin flüchte ich an einen Stand mit allen möglichen Leckereien – oder eher Kalorienbomben, wie den Beignets, denen ich nicht widerstehen konnte. „Zu dumm, dass es jetzt gerade regnen muss,“ so die Marokkanerin. Nein, auf die Karussells gehe sie nicht, sie habe Höhenangst, und da werde ihr ganz schwindlig. “Ich komme wegen der Atmosphäre, den leckeren Churros und treffe gleich meine Freunde.“

„Die Geschäfte laufen in diesem Jahr sehr gut, bislang besser als im Vorjahr,“ so die Verkäuferin auf meine Frage, während sie mir Apfelbeignets mit einem Berg von Puderzucker überreichte. Dieser landete auch prompt auf meinem schwarzen Pullover und ich sah aus, als hätte ich einen Backunfall gehabt. Und dabei hatte ich eigens betont, “nur ein wenig Puderzucker…“

Die Karussells teilen sich in zwei Kategorien auf: die kleinen, die sich langsam drehen, und dann Konstruktionen, die die Besucher hoch in die Luft katapultieren und aussehen, als hätte ein durchgeknallter Ingenieur beschlossen, die Schwerkraft abzuschaffen.

Im Jahr 1880 hatte der Brüsseler Stadtrat beschlossen, die drei parallel statt findenden Jahrmärkte auf der Grand Place, der Place des Matyrs und dem Marché aux Grains zu einem einzigen großen Jahrmarkt zusammenzulegen, der Anfang Juli auf dem Boulevard du Midi abgehalten werden sollte. Nach anfänglichem Zögern wurde dieser Beschluss ab 1885 jährlich umgesetzt. Und viele der Standbetreiber sind heute seit vier oder fünf Generationen dabei. Die Plätze auf dem Boulevard seien wie Familienerbstücke, erklärte mir ein Karussellbetreiber.

Nach zwei Kilometern auf der Foire du Midi fühle ich mich wie im Schlaraffenland. Als Deutsche kenne ich die rheinische Kirmes mit Bratwurst und Reibekuchen. Aber die Foire du Midi hat mich eines Besseren belehrt. An die Meeresschnecken habe ich mich zwar nicht herangewagt, aber ansonsten habe ich sehr viel, vor allem Süßes, ausprobiert. Mit Puderzucker auf dem Pullover und in den Haaren, dem Duft von frittierten belgischen Lieblingsgerichten in der Nase, verlasse ich die Kirmes, wo mehr als 100 Schaustellerfamilien auf einer Strecke von 1,6 Kilometern insgesamt 123 Fahrgeschäfte betreiben.

Der Jahrmarkt ist werktags von 14 Uhr bis Mitternacht geöffnet, an Wochenenden und Vorabenden von Feiertagen von 14 Uhr bis 1 Uhr in der Nacht. Das traditionelle Volksfest läuft bis zum 23. August und erwartet eine Million Besucher. Und ich werde dazu beitragen, diese Zahl bis zum Ende dieses typisch belgischen Volksfestes mit Freunden noch zu toppen.

 

 

 

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