
Von Thomas A. Friedrich
Gemischte Bilanz fast drei Jahre nach dem Ostende-Gipfel: Wie realistisch ist die Aufbruchstimmung für den weiteren Ausbau von grünem Strom bis 2040 vor Belgiens Küste nach dem dritten Treffen der Nordsee-Anrainerstaaten Ende Januar in Hamburg?
Belgiens Regierungschef Bart De Wever verbreitete unter den angereisten acht Staats- und Regierungschefs sowie Energieministerinnen der Nordsee-Staaten in der Hansestadt Optimismus.
Ein wichtiger Akteur für den Ausbau von Wind an Land und auf See (Offshore) an der belgischen Küste fehlte in Hamburg jedoch: Energieminister Mathieu Bihet (MR, frankophone Liberale). In Vertretung war die Ministerin für Justiz und Nordsee, Annelies Verlinden von den flämischen Christdemokraten (CD&V), angereist.
Nordsee soll zum größten Energiehub der Welt für grünen Strom werden
Nach einem ersten Treffen der Nordsee-Anrainerstaaten Belgien, Deutschland und Niederlande im Mai 2022 im dänischen Esbjerg konnte Premierminister Alexander De Croo in Ostende ein knappes Jahr später fünf weitere Länder bei der zweiten Zusammenkunft der Offshore-Community begrüßen. Mit Frankreich, Großbritannien, Irland, Norwegen und Luxemburg als einzigem Nichtküsten-Land wurden die Ausbauziele für grünen Strom angesichts des Angriffskrieges Russlands in der Ukraine hoch gesteckt.
Die Nordsee solle zum größten grünen Energie-Hub der Welt werden und Europa unabhängig von russischen Energielieferungen werden. Die neun Länder verabredeten, bis 2030 gemeinsam die Kapazität der Windenergie auf See bis auf 134 Gigawatt nutzbarer Elektrizität auszubauen. Bis 2050 sollen gar mehr als 300 Gigawatt Strom mit Offshore-Windkraftanlagen in der Nordsee produziert werden.
„Die bisher gesteckten Ziele sind ambitioniert, müssen aber so schnell wie möglich umgesetzt werden“, so Belgiens Premierminister De Croo damals beim `North Sea Summit`.
Nordsee-Wind soll kohlenstoffneutralen Kontinent Europa bis Jahrhundertmitte beflügeln
Die ebenfalls anwesende EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen komplettierte damals das Bild bei strahlendem Sonnenschein an Bord eines Auslegerschiffes für Windturbinen auf See mit dem Versprechen, dass die EU bis zur Jahrhundertmitte als erster Kontinent klimaneutral sein werde. Doch bereits 2023 zeigte die für den Ausbau der Windkraft auf See geforderte Offshore-Industrie die Schwachstellen bei der praktischen Umsetzung auf.
Windenergie-Branche zeigte bereits 2024 Schwachstrellen auf
In einem offenen Brief an die Staats- und Regierungschefs warnten rund 100 Unternehmen der Energiebranche vor zahlreichen Schwachstellen bei der Ausweitung der Windkraft. Es hapere etwa im Bereich der Zulieferer bei der Kapazität für den Bau von Unterwasser-Fundamenten für Windräder auf hoher See. Auch eine ausreichende Lieferung von anspruchsvollen Untersee-Kabeln und Transformatoren sei nicht gewährleistet.
„Die europäische Windenergieindustrie ist derzeit noch zu schwach und nicht groß genug, um den ambitionierten Zielen der Politik in dieser Frage entsprechen zu können“, lautete die mahnende Botschaft der Energiewirtschaft.
Um die Kapazität der Windenergie bis 2050 tatsächlich in der Nordsee zu vervierfachen und zum weltweit größten Offshore-Hub für grüne Energie zu machen, bestehe ein erheblicher Nachholbedarf. Dazu sei neben kräftigen Investitionen der Wirtschaft ebenso ein stärkeres finanzielles Engagement der Politik erforderlich, um die Schwachstellen in den Lieferketten und der Produktion zu überwinden.
Arizona-Regierung angesichts Haushaltsproblemen unter Zugzwang
Die seit einem Jahr antierende belgische Arizona-Regierung unter De Wever steht angesichts der seit Jahren von der Europäischen Kommission geforderten Einhaltung der EU-Verschuldungskriterien budgetär enorm unter Druck und in einer Art Zwickmühle. Nach dem sonnigen Treffen in Ostende mit euphorischer Aufbruchstimmung machte sich unter dem regnerischem und nasskaltem Himmel Hamburgs Ende Januar beim Nordsee-Gipfel eher Ernüchterung breit.
Zwar gilt Belgien als Pionier beim Ausbau der Offshore-Windenergie in der Nordsee, und es genießt mit den erfahrenen einheimischen Bauunternehmen DEME und Jan De Nul Weltruf. Doch die Arizona-Regierung hat beim geplanten Ausbau der sogenannten Prinzessin Elisabeth-Insel vor der belgischen Küste im Haushalt 2026 den Rotstift angesetzt.
Die Fertigstellung der ersten künstlichen Energieinsel weltweit, von der aus der auf der Nordsee generierte Wind zur Elektrizitäts-Produktion ans Festland gebracht werden soll, ist ins Stocken geraten. Die nach der jungen belgischen Thronfolgerin Prinzessin Elisabeth benannten High-Tech-Insel soll einerseits mittels Hochleistungskabeln hundertausende Haushalte und Unternehmen in Belgien mit Strom versorgen. Andererseits soll sie auch als Verteiler für die Vernetzung mit Offshore-Anlagen anderer Anrainerstaaten dienen.
Belgien plante mit Dänemark eine Offshore-Zwillingsinsel
So unterzeichneten Belgien und Dänemark bereits 2021 eine Vereinbarung, um die belgischen Energie-Insel auf See mit einer vergleichbaren Insel vor Dänemark zu verbinden. Bis 2030 sollte das als “Triton-Verbindung” bezeichnete Vorhaben realisiert werden. Zugleich unterzeichneten auch die Niederlande und Großbritannien ein Abkommen über den Bau einer Hochspannungsleitung zwischen ihren Windparks.
Die Zwischenbilanz ist nicht rosig
Doch knapp vier Jahre vor dem gesteckten Zwischenziel 2030 sieht die Zwischenbilanz wenig rosig aus. Kein Wunder, dass der belgische Ressortchef für Energiefragen, Mathieu Bihet, beim Treffen in Hamburg fehlte.
Mit der Erklärung von Hamburg wollen die Anrainer-Staaten die russische Energieerpressung abschütteln und bis 2040 weitgehend unabhängig von russischen fossilen Energien werden. Die europäischen Partner bekräftigten in Hamburg das Engagement für Offshore-Windenergie und ihre Bereitschaft, die Investitionen für Offshore-Wind zu steigern.
Weltweit sind derzeit rund 83 Gigawatt Offshore-Windkapazität installiert. Zugleich wächst seit dem Ausbruch des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine seit 2022 die Sorge um den Schutz kritischer Energieinfrastrukturen.
Die Energieminister aus Deutschland, Großbritannien, Belgien, Dänemark, Frankreich, Island, Irland, Luxemburg, den Niederlanden und Norwegen verpflichteten sich bei ihrem Treffen in der Hansestadt auf Einladung von Bundeskanzler Friedrich Merz dazu, ab 2030 gemeinsam jährlich 5 Gigawatt neue Offshore-Windkapazitäten in der Nordsee zu bauen. Bis 2050 sollen insgesamt 100 Gigawatt grenzüberschreitend nutzbare Windenergie in der Nordsee installiert werden.
Ambitionen der Nordsee-Anrainer reichen weiter
„Die Entwicklung des Wasserstoffmarkts, der Aufbau einer leistungsfähigen, vernetzten Offshore-Infrastruktur soll im gesamten Nordseeraum ambitioniert vorangetrieben werden“, heißt es in der Hamburger Erklärung.
Angesichts der zunehmenden Bedrohung kritischer Infrastrukturen wollen die Länder künftig verstärkt sicherheitsrelevante Daten austauschen. Damit sollen sie sich besser gegen Cyberattacken und physische Bedrohungen von Untersee-Kabeln sowie Installationen über dem Meeresspiegel in Nord- und Ostsee wappnen. So sollen beispielsweise Komponenten von Windturbinen Stresstests unterzogen werden. Die Teilnahme der Nato und der Europäischen Kommission am Nordseegipfel unterstreicht den Fokus auf sicherheitsrelevante Fragen angesichts hybrider Bedrohungen aus Russland.
Was kann und will Belgien zu diesem Vorhaben beitragen?
Die im Januar vom belgischen Branchenverband “Belgian Offshore Platform – Het Belgian Offshore Platform (BOP)” veröffentlichte Bilanz des abgelaufenen Jahres 2025 verdeutlicht, dass Belgiens Ausbauziele und Stromgewinnung aus Offshore vor der belgischen Küste verfehlt wurden. Die Bilanz 2025 fällt im Vergleich zu den Vorjahren unterdurchschnittlich aus.
Demnach haben die belgischen Nordsee-Windparks im vergangenen Jahr messbar weniger Strom produziert als in den Jahren davor. 2025 wurden insgesamt 6,6 Terrawattstunden (TWh) in das belgische Stromnetz eingespeist. Zum Vergleich: 2023 gab es mit gut acht TWh ein Spitzenergebnis, und 2024 waren es 7,1 TWh. 2025 deckte die Offshore-Windenergie gerade 8,2 Prozent des gesamten belgischen Stromverbrauchs, wie die Statistik des Branchenverbandes ausweist.
Die bisher installierten belgischen Offshore-Windparks Belwind, C-Power, Mermaid, Nobelwind, Northwind, Northwester 2, Norther Rentel und Seastar verfügen über eine Gesamtkapazität von 2,2 Gigawatt (GW).
Realisierung der Prinzessin Elisabeth-Insel entscheidender Baustein
Drei neue Windparks in der Prinzessin-Elisabeth-Zone sollen die Offshore-Windkapazität im belgischen Teil der Nordsee auf 5,8 GW erhöhen, so der Plan. Belgien steht bei der Offshore-Windenergie in Europa derzeit (2025) auf Platz fünf. Spitzenreiter ist das Vereinigte Königreich (16,6 GW). Dahinter folgen Deutschland (9,1 GW), die Niederlande (4,7 GW) und Dänemark (2,7 GW).
Beim Nordseegipfel von Ostende hatten sich die neun europäischen Länder 2023 darauf verständigt, bis 2030 mindestens 120 Gigawatt Offshore-Windkapazität zu schaffen und für 2050 gar 300 Gigawatt als Ausbauziel formuliert. Nun lautet das neu aufgestellte Hamburg-Ziel der neun Anrainer-Staaten, 100 Gigawatt Offshore-Windkapazität über internationale Projekte vernetzt zwischen Dänemark, Großbritannien und über verstärkte Investitionen der Benelux-Staaten bis hin nach Deutschland zu verwirklichen.
Mit der Prinzessin Elisabeth-Zone verfügt Belgien über ein einzigartig innovatives Gebiet in der Nordsee, in dem in den kommenden Jahren weitere Windparks entstehen sollen. Doch das Ausschreibungsverfahren für das erste Los hierzu liegt derzeit nach den von den Arizona-Koalitionären beschlossenen Haushalts-Einsparungen für den Föderalstaat derzeit auf Eis. Das Energieministerium unter Führung des frankophonen Liberalen Bihet muss sich bald erklären, wie es mit den hochtrabenden Plänen Belgiens weitergehen soll.
Die Stunde der Wahrheit für die Prinzessinnen-Insel schlägt im März
So lautet die jüngste Kunde aus dem Energieministerium, „spätestens bis Ende März“ wolle die föderale Regierung dem Prinzessin Elisabeth-Inselprojekt neues Leben einhauchen. Auf der dazu geplanten Pressekonferenz dürfte Energieministrr Bihet sich der Fragen stellen müssen, die er in Hamburg offenbar nicht imstande war zu beantworten. Vielleicht äußert er sich dann auch zu einem Thema, für das er ein Strategiepapier angekündigt hat: die Zukunft der Atomenergie in Belgien.







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