
Von Heide Newson
Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal nach Dinant kam, war mein Blick auf die Vergangenheit gerichtet. Es ging mir wie vielen: Ich stieg zur Zitadelle hinauf, tauchte tief in die Geschichte ein und ging den Spuren des Ersten Weltkriegs nach, der sich so tief in das Gedächtnis dieser Stadt eingebrannt hat. Das Grauen jener Tage sowie die des Zweiten Weltkriegs standen dort überall im Vordergrund. Das hatte mich damals unendlich nachdenklich und traurig gemacht.
Doch an einem sonnigen Tag, genauer am 25. August, sollte der Schatten der Vergangenheit verblassen. Ich wollte ein anderes Dinant kennenlernen – ein Dinant, das lebt, atmet und trotz dieser bewegenden Vergangenheit eine unbeschwerte Lebensfreude ausstrahlt. Und wir fanden diese Stadt mit dieser ganz besonderen Atmosphäre.
EINE STADT VOLLER LEBENSFREUDE
Als meine Freundin Elisabeth und ich mit dem Auto auf der Suche nach einem Parkplatz in Dinant am Ufer der Maas entlangfuhren, spielgelte sich das Sonnenlicht im glitzernden Wasser, während die bunten Fassaden der Häuserreihe eine fast mediterrane Wärme ausstrahlten. Überall auf dem Wasser zogen Elektroboote und Ausflugsschiffe an uns vorbei. Heute ging es uns wie den meisten Menschen, deren fröhliches Stimmengewirr und Lachen von den Terrassen auf der Promenade in unsere Ohren drang. Es ging nicht um die Geschichte, sondern um die Entdeckung einer Stadt, welche die Vergangenheit auch mal ruhen lässt, sie durch Leichtigkeit ablöst und das Leben feiert.
Wir erfreuten uns an einer Kulisse, die wie eine lebendige Postkarte zwischen mächtigen Felsen und der Maas liegt. Ihr Pegel gab trotz der jüngsten Hitzewelle keinen Anlass zur Sorge. Auf unserer Wandertour erreichten wir die Stelle, an der auf der Lesse die Kajak-Abenteuer beginnen. Ich erinnerte mich daran, wie mein Mann und ich vor etlichen Jahren mit den Kindern an grünen Wäldern und Wiesen vorbeipaddelten, bei Strömungsstellen kenterten, bis auf die Haut nass wurden und gerade deshalb einen Riesenspaß hatten.
EIN ENTZÜCKENDER YACHTHAFEN WIE AUS DEM NICHTS DAHINGEZAUBERT
Elisabeth und ich wanderten weiter am Flussufer entlang und erreichten nach einiger Zeit einen kleinen entzückenden Yachthafen. Dort stärkten wir uns auf der Terrasse eines netten Restaurants mit Kaffee und Kuchen und beobachteten das emsige Treiben auf dem Wasser mit den unterschiedlichsten Booten.
„Schwimmen ist im Augenblick in der Maas verboten“, erfuhren wir von einem Gast unter Hinweis auf die vielen Algen. Diese hätten sich wegen der Hitze stark vermehrt. Aber unser Schwimmzeug hatten wir ohnehin nicht dabei, auch nicht unsere Tennisschläger, was ich fast ein wenig bedauerte, da ich von der Terrasse aus auf einen riesigen, sehr einladenden Tennisplatz schaute. Nachdem wir unsere Seele nur ein paar Meter von der Maas entfernt zwei Stunden lang baumeln gelassen hatten, war es an der Zeit, wieder nach Dinant zurückzuwandern, zumal wir in der Brasserie Leffe um 18.30 Uhr einen Tisch reserviert hatten.
UNVERGESSLICHE IMPRESSIONEN
Die große imposante Kirche, die „Collégiale Notre-Dame de Dinant“, besticht durch ihren charakteristischen Zwiebelturm und ragt markant aus dem Stadtbild heraus. Dabei steht sie unmittelbar vor der steil aufragenden Felswand, auf der die imposante Zitadelle steht. Und nach so viel frischer Luft geht nichts über die lokale wallonische Gastronomie, die, wie es mir vorkam, den bodenständigen herzlichen Charme der Ardennen widerspiegelt.
Herzlich wurden wir in der Brasserie Leffe empfangen. Ich kenne die Kellner seit mehr als 20 Jahren. Es sind immer noch dieselben, was heutzutage selten ist. Wir brauchten weder lange auf die Speisekarte zu schauen noch lange zu überlegen, was wir nun bestellen. Natürlich Forellen, ein Klassiker in der Brasserie. Die knusprigen Fische, die so köstlich waren, als seien sie vor einigen Minuten frisch aus der Maas geangelt worden, schmeckten wie die Fritten einfach himmlisch. Und der trockene Weißwein war für uns der ideale Begleiter.
Entlang der bunten Promenade direkt an der Maas zu sitzen, mit Blick auf die eindrucksvolle Charles de Gaulle-Brücke mit den farbenfrohen Saxophon-Skulpturen, ist eine Augenweide. Dinant ist ja bekanntlich die Geburtsstadt von Adolphe Sax (1814-1894), dem Erfinder des Saxophons. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass die gesamte Stadt dieses Erbe stets feiert. Benannt ist die Brücke allerdings nicht nach Adolphe Sax, sondern nach dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle, der hier im August 1914 während einer Schlacht im Ersten Weltkrieg verwundet wurde. Und leider kehrte uns de Gaulle, natürlich seine Statue, die auf der anderen Seite der Brücke steht, den Rücken zu.
Mit einem letzten Blick auf die imposante Stiftskirche, die hohen Zitadelle und die im Abendlicht schillernde Maas fiel uns der Abschied von Dinant schwer – einer Stadt, in der wir trotz ihrer traurigen Vergangenheit überall eine herrliche, entspannte Lebensart und Leichtigkeit angetroffen und genossen haben. Voller lebendiger Bilder der Erinnerung an eine traumhafte Naturlandschaft im Kopf, an sehr gastfreundliche Menschen und eine exzellente Gastronomie ging es dann gemächlich nach Brüssel zurück. Ein wunderschöner Tag neigte sich leider zu seinem Ende – und das viel zu schnell!








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