
BelgienInfo-Interview mit der seit vergangenen Jahr amtierenden Intendantin des Brüsseler Opernhauses La Monnaie/De Munt, Christina Scheppelmann
Frage: Vorneweg die Frage an die gebürtige Hamburgerin (Eine Hamburgerin wird neue Generaldirektorin der Brüsseler Oper – Belgieninfo) und Brüsseler Neubürgerin: wie fühlen Sie sich in Belgien? © La Monnaie/De Munt – Simon Van Rompay
Brüssel sei in ihrem Berufsleben „Stadt Nr. 9 im Land Nr. 6“, hatten Sie uns im vergangenen April gesagt (Ehrgeiziges Kulturprogramm unter Spardruck – Belgieninfo).
Christina Scheppelmann: Ich fühle mich hier sehr wohl, habe eine Wohnung direkt im Zentrum mit einem fünfminütigen Fußweg zum Theater. Bei einer Sieben-Tage-Woche ist diese Nähe sehr praktisch. Leider bin ich noch nicht sehr viel herumgekommen. Ich habe allerdings schon viele meiner Kollegen und Kolleginnen besucht – etwa in der Lütticher und der Antwerpener Oper, dem Kulturzentrum in Brügge und dem Internationalen Kunstzentrum deSingel in Antwerpen. Ich war aber auch in Hasselt und Charleroi. Ich finde, es gehört zum Einleben dazu, zu wissen, was einen im kulturellen Bereich umgibt. Und in meinem Haus bin ich auch sehr gerne und von einer tollen Belegschaft umgeben.
Frage: Warum braucht die herausragende Monnaie Austausch mit der Konkurrenz?
CS: Zunächst gilt auch hier der Spruch „Hochmut kommt vor dem Fall“. Auch die Monnaie kann nicht allein leben, sondern braucht das gesamte Ökosystem der Kultur. Ich sage immer: „Die Flut hebt oder senkt alle Boote zusammen.“ Man sollte sich kennen, Informationen austauschen und vom jeweiligen Netzwerk profitieren. Die Kontakte sind nicht nur auf mögliche und notwendige Zusammenarbeit ausgerichtet, sondern auch auf Kollegialität und Respekt voreinander. Es gibt viele Möglichkeiten, sich gegenseitig zu unterstützen.
Frage: Zum Beispiel?
CS: Sänger, die in der einen Oper eine größere Rolle singen, sind vielleicht interessiert, in der Monnaie zusätzlich auch noch eine kleinere Rolle zu singen. Oder, wie im vergangenen Jahr, als wir die Lütticher Oper personell unterstützen und damit eine Vorstellung retten konnten.
Frage: Was erachten Sie bei der Monnaie für bewahrenswert, was möchten Sie ändern? In unserem Gespräch vor Jahresfrist hatten sie gesagt, dass Sie das Repertoire an Opern erweitern möchten. So können wir uns ja bereits in diesem Mai auf die Weltpremiere der vollständigen Neuerzählung der mythologischen Figur „Medusa“ des Komponisten Iain Bell und der Regisseurin Lydia Steier freuen.
CS: Erweitern heißt nicht nur neue Uraufführungen, sondern auch zu fragen, was wurde in den vergangenen Jahrzehnten nicht oder gar noch nie in der Monnaie aufgeführt, wie jüngst „Benvenuto Cellini“ von Hector Berlioz. Wenn alle Häuser nur auf Uraufführungen setzen, ist dies meiner Meinung nach eine Geld- und Ressourcenverschwendung.
Frage: Was dann?
CS: Wir müssen auch dafür sorgen, dass wir Stücke wiederholen. In den kommenden Spielzeiten werden wir auch Stücke des 21. Jahrhunderts bringen, die es ebenfalls verdienen, von mehr Publikum in anderen Städten gesehen zu werden. Wiederholen, nicht nur – Ego ?? – Uraufführungen. Und wie lässt sich dieses mehr und mehr Uraufführungen, mehr neue Produktionen bringen – mit der Diskussion um das Umweltbewusstsein in der Opernbranche vereinbaren?
Jedes Mal, wenn man ein Stück produziert, gibt es ja hunderte Häuser und Publikumsgruppen, die dieses Stück nicht gesehen haben. Wir sind auch davon abhängig, dass andere Häuser unsere Produktionen quasi mieten; das ist ein wichtiges Einkommen für uns.
Frage: Können Sie Beispiele nennen, was an der Monnaie nach Ihrer Meinung an Stücken bisher zu kurz gekommen ist?
CS: Zum Beispiel die Oper „Billy Budd“ von Benjamin Britten. Es fehlen auch Opern aus der Barockzeit. Dabei glaube ich, dass man mit unserem Orchester durchaus bis zu den Werken von Christoph Willibald Gluck und Georg Friedrich Händel zurückgehen kann. Entscheidend ist nicht, was ich mir wünsche, sondern was für das Publikum und die Stadt wichtig ist.
Pflichtprogramm Tanz
Frage: Zur Freude von sicherlich manchen Monnaie-Besuchern kommt jetzt der Tanz wieder ins Programm?
CS: Ja, das muss so sein, auch weil es in unseren Statuten steht. Es wird zwei Mal im Jahr Tanz geben, zunächst die belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaker und im Herbst eine andere Künstlerin.
Frage: Neu ist jetzt auch das gelegentliche Angebot für die Zuschauer, unmittelbar nach den Vorstellungen im Saal mit einigen der Sänger und dem Dirigenten zu diskutieren?
CS: Sinn und Zweck der Übung ist es, dem Publikum die Chance zu geben, mit den Künstlern zu sprechen. In Seattle, wo ich vorher war, haben wir das nach jeder Vorstellung gemacht. Es hat auch etwas Demokratisches: wer oben oder weiter hinten im Saal gesessen hat, kann sich bei dem Gespräch ganz vorne platzieren. Das ist mir wichtig.
„Wir müssen umdenken – finanzielle Grenzen stimulieren Kreativität“
Frage: Wie gehen Sie mit den Sparvorgaben um, die in Belgien ja auch den gesamten Kulturbereich treffen?
CS: Tatsache ist, dass Geld knapp ist. Wir müssen ohnehin umdenken. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind aus dem Nichts fabelhafte Dinge entstanden. In den achtziger und neunziger Jahren haben viele gedacht, nur mit unendlich viel Geld könne Fabelhaftes entstehen. Das glaube ich nicht. Meines Erachtens wird die Kreativität am stärksten stimuliert, wenn man Grenzen setzt. In Deutschland wird es irgendwann heißen, dass es zu viele Opernhäuser gibt. Man kann nicht unendlich Budgets kürzen, irgendwann wird man sich grundsätzlichen Überlegungen stellen.
Frage: Wo gibt es Sparpotential?
CS: Auch für die Regisseure und Produktionsteams gilt, auch mal weniger grandios zu denken und die Erfahrung nutzen, etwas szenisch und visuell umzusetzen, ohne über alle Mittel dieser Welt zu verfügen. Nicht vergessen werden sollte allerdings, dass 80 Prozent unserer Kosten auf das Personal, Gebäude, Energie und Instandhaltung entfallen. Wir müssen beim Personal den Gürtel enger schnallen und gewisse Privilegien überdenken. Bei den Gagen für die Künstler, die nur einen sehr kleinen Teil des Budgets ausmachen, können wir kaum sparen. Und schon gar nicht mit Ländern wie Italien und Spanien mithalten, wo an einigen Häusern sehr hohe Gagen gezahlt werden.
Frage: Wie können die Berührungsängste mancher Menschen gegenüber der Oper überwunden werden? Manche, selbst gut Verdienende, empören sich auch über die hohen Eintrittspreise.
CS: Die gelegentliche Kritik an den Eintrittspreisen ist meines Erachtens Schwachsinn. Das sind oft die gleichen Leute, die am Samstagabend mindestens 100 Euro ausgeben für einen Cocktail, Dinner und das Taxi nachhause. Und wenn ich zu Popkonzerten gehe, da kosten die Karten oftmals viel mehr.
Frage: Manche Opernliebhaber, die nicht so vorausschauend sind wie die Monnaie-Abonnenten, müssen beim spontanen Ticketkauf leider oft mit der Auskunft „Ausverkauft“ vorliebnehmen. Was tun?
CS: Ich würde mir raten, mehr Vorstellungen anzubieten. In den vergangenen beiden Jahren gab es relativ wenige Vorstellungen. Kein Wunder, dass viele dann auch ausverkauft sind. Mehr Vorstellungen ist aber auch eine Kalenderfrage, wie zum Beispiel die terminliche Verfügbarkeit von Künstlern. Und es bedeutet mehr Druck, dann auch alle Eintrittskarten zu verkaufen.
Frage: In der gegenwärtigen Diskussion über Gefährdungen der Demokratie und bröckelnden Institutionen wird immer wieder auch die Stärkung der mentalen und kulturellen Voraussetzungen der Gesellschaften hingewiesen. Wie sehen Sie das?
CS: Was meines Erachtens auch bröckelt, das ist die kultivierte Mittelklasse. Das hat auch mit unserem Erziehungssystem und den Zielen zu tun. Berufswege mit hohen Gehältern sind oftmals das Ziel. Die Allgemeinbildung und das Verständnis für die Kultur, das größere Weltbild, wird, wenn überhaupt, nur unzureichend vermittelt.
Frage: Was bringt das denn, lautet dann oft die ketzerische Frage?
CS: Zum Beispiel die Erkenntnis, dass wir nicht der Mittelpunkt der Welt sind. Egal, ob Literatur, Theater, Oper oder Symphonie – alles kann Gedanken und Gefühle ansprechen und manchmal auch zu neuen Meinungen und anregenden Gesprächen führen. Wir, die Kulturschaffenden, sind aber auch dazu da, den Menschen gelegentlich Angebote zu machen, sie aus der Realität herauszuziehen.
„Etwas schönes, ästhetisches möchte ich dem Publikum nicht vorenthalten“
Frage: Sie wollen also nicht nur als tiefsinnig und kompliziert angesehen werden?
CS: Nein, Kultur ist auch dazu da, um zu unterhalten. Auch das kann Gedanken und Diskussionen anregen. Übrigens: gute Unterhaltung ist viel schwerer auf die Bühne zu bringen als eine Tragödie. Kluge Komik oder auch Romantik ist schwierig, weil die Grenze zu Kitsch oder Slapstick schnell überschritten werden kann. Kurz: etwas schönes, ästhetisches möchte ich dem Publikum nicht vorenthalten.
Frage: Im Blick von Europa auf die Vereinigten Staaten, wo Sie lange gelebt und gearbeitet haben, dominiert gegenwärtig der – gelinde gesagt – Schrecken über den Präsidenten an der Staatsspitze. Wie sehen Sie die USA, nicht zuletzt aus Sicht der Opernintendantin?
CS: Ich mag Amerika, ich habe auch einen amerikanischen Pass. Es wäre absurd, die USA jetzt über einen Kamm zu scheren. Dann kennt man das Land nicht. Mein letzter Arbeitsort, Seattle, ist fünf Flugstunden von Washington DC entfernt. Anders mag es im Bildungssektor sein. Der steht im Augenblick unter Beschuss. Dennoch, die Kultur ist weiterhin da, die Musik wird nach wie vor von Amerika geprägt.
Frage: Auch die klassische?
CS: Ja, Amerika hat in den vergangenen 40 Jahren – angefangen mit dem auch ‚Vater der amerikanischen Oper‘ genannten Carlisle Floyd – mehr zum Repertoire der amerikanischen Opernhäuser beigetragen, als die europäischen Komponisten zum europäischen Repertoire. Ein Beispiel: David Gockley, der ehemalige Leiter der Houston Grand Opera, brachte in seiner Amtszeit (zwischen 1972 und 2005) 35 Weltpremieren (Quelle: Wikipedia) auf die Bühne, wovon viele Eingang ins Opernrepertoire gefunden haben. Ja, die amerikanische Musik ist oftmals melodischer, was manche besonders mögen, manche weniger goutieren.

Frage: Ende kommender Woche werden Sie zusammen mit Alain Altinoglu, dem Chefdirigenten der Monnaie, das Programm für die kommende Saison 2026/27 vorstellen. Können Sie uns darüber schon etwas verraten?
CS: So viel darf ich verraten: die kommende Spielzeit wird vielseitig sein und dürfte für jeden Geschmack etwas bieten. Wir werden viele Vorstellungen haben, darunter auch zwei Kammeropern. Von den traditionellen Rezitalen möchte ich in Zukunft etwas wegkommen, auch weil die Nachfrage des Publikums nicht so groß ist. Bei dem Konzert des mitreißenden Amerikaners Joshua Stewart, der in diesem Monat auch in der Monnaie die Titelrolle in Mozarts Idomeneo gesungen hat, gab es stehende Ovationen. Die vierte Wand des Theaters muss verschwinden, das Publikum soll zu dem Sänger – ohne Maske und Kostüm – auch einen direkten Bezug haben.
Die Fragen stellte Hajo Friedrich







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