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Abgehört: Sal la Rocca und Pierre Vaiana…

Von Ferdinand Dupuis-Panther

Sal La Rocca 5tet – Consenso, Pavane Jazz

Das neue Quintett unter der Leitung des Bassisten Sal La Rocca zelebriert die Kunst des gemeinsamen Schaffens zwischen Groove, Lyrik, Funkanlehnungen und Karibikgefühlen. All das ist möglich, das der der Kontrabassisten Sal la Rocca eine exquisite Band zusammengestellt hat. Sal La Rocca ist dem einen oder anderen aus einem anderem als einem Jazz-Kontext bekannt. Einst war er Mitglied in der Band Vaya con Dios der Vokalistin Dani Klein. Das ist Jahre her. Rock und Pop steht nicht mehr aus dem Programmzettel Sal La Roccas. Jetzt musiziert er mit dem Pianisten Igor Gehenot, dem Posaunisten Phil Abraham, dem Saxofonisten Steven Delannoye und dem Drummer Umberto Odone.

Censenso“ ist der Aufmacher des Albums, auch als Statement zu begreifen. Eingängig in Rhythmik und Harmonie sind die Eingangstakte, die als „Thema“ sich im Weiteren Fortsetzung. Über diese thematischen wiederkehrenden Module setzten die Bläser ihre Setzungen, bei denen man gehalten ist an Bands wie Blood, Sweat & Tears zu denken. Sehr fein in den Schwingungen und tonalen Schleifen ist das Saxofon-Solo gehalten. Man sieht dabei im Wind tanzende Papierdrachen, oder? All das verdanken wie Steven Delannoye, der weil Igor Gehenot energievoll die Tasten des Klaviers bedient. Vollmundig ist das Solo des Posaunisten Phil Abraham. Und dazu gibt es die sensible Begleitung von Sal La Rocca, lässt Umberto Odone die Becken rauschen und die Sticks übers Drumset tanzen. Musikalisch erinnern einige Passagen nicht nur an die oben genannte Band, sondern auch an Jazz aus den 1950er Jahren. Und stehen da nicht auch die Adderleys hin und wieder Pate? Ohrenschmaus ist das erste Stück des Albums allemal.

Mit „Chris’s Faith“ entfacht das Quintett gleichsam ein orchestrales Feuerwerk wie beim Eröffnungsstück. Klanglicher Leckerbissen ist das sehr dynamisch gestaltete Solo des Posaunisten. Da ist nichts von Phlegma zu spüren, das dem Instrument oftmals innewohnt. Beinahe kristallin sind die Klangtropfen, die der Pianist zum Stück beisteuert. Markant und energievoll sind die Tastensetzen zu Beginn von „No Entiendo“. Durchdringend ist das Gebläse, das durchaus im Fokus steht. Ansonsten gleiten die Klänge dahin, scheinen wir Klangwolken, die dahinziehen. Und was hat das mit „Ich verstehe nicht“ zu tun? „Song For R.B.“ beginnt mit einer Klavier-Intro in gemäßigtem Tempo und beinahe in einem neoromantischen Gewand. Und danach übernehmen die Bläser vereint das musikalische Zepter, dabei angelehnt an Big-Band-Sound, so könnte man meinen. Fein abgestimmt sind die mit leiser Stimme gesetzten Saiten-Klänge des Kontrabassisten.

Angesichts des um sich greifenden Autoritarismus scheint der Track besonders wichtig: „Freedom Of Thought“. Ausschwingend sind die Saiten-Klänge des Basses zu Beginn, ehe der Pianist mit Tastensprüngen agiert und die Bläser ihre §Schweife des Klangs§ gestalten. Gerade in diesem Stück muss der eine oder andere an Blood, Sweat & Tears sowie Chicago denken. Nein, das Sal La Rocca ist kein Remake dieser Bands, sondern ganz eigenständig, wenn auch hier im Geist dieser Jazz-Rock-Bands agierend. Schwingt bei diesem Stück nicht auch ein wenig Calypso mit? Oder ist doch eher ein verkappter Salsa-Rhythmus, der von der Band präsentiert wird? Zum Schluss heißt es:„Not Rated“. Und dabei sind dann aus Sicht des Rezensenten die Adderley Brothers mit ihrem Sound sehr präsent. Mehr: https://sallaroccaband.bandcamp.com/album/consenso

Pierre Vaiana, Mathieu Robert, Faban Fiorini – Daedalos, Igloo Records

Die beiden Saxofonisten Pierre Vaiana und Mathieu Robert treffen auf den Pianisten Fabian Fiorini und widmen ein Album dem Vater des Ikarus , nämlich Daedalos, der in der griechischen Mythologie den Traum vom Fliegen träumte und für seinen Sohn Flügel aus Wachs und Federn schuf. Was mit Ikaros passierte, weiß jeder, der in der griechischen Sagenwelt bewandert ist. Auf dem Cover erscheint aber nicht Ikarus mit seinen dramatischen Flugkünsten, sondern ein scheinbar schwebendes Labyrinth. Das wiederum ist ganz in der Tradition des belgischen Surrealismus eines René Magritte, der in einigen seiner Werke auch der Schwerkraft widersprach.

Das Labyrinth auf dem Cover beschreibt wohl eher die verschlungenen musikalischen Wege des Trios. Die Klang-Imaginationen und das Improvisieren ist eben nicht linear, sondern bedarf der Entdeckungen von neuen Wegen. Schon die Besetzung des Trios weicht deutlich von der der klassischen Jazzformation ab. Bass und Drums fehlen. So ist zu fragen, worin eigentlich der Fokus des Trios besteht oder driftet es auf verschiedenen Orbits, verfängt es sich auf Irrwegen, findet es Gleichklang oder Gegenklang. Lassen wir uns also einfangen von der Welt des Daedalos.

Mit „Flore II“ und den Weichzeichnungen der beiden Sopran-Saxofonisten wird das Album eröffnet. Kristallklar ist der Klang der Holzbläser und dazu setzt der Pianist behutsam Tastenton für Tastenton, zerbrechlich anmutend. Derweil ist der dichte Klang der Bläser zu genießen, der das Stück definiert. „Past Lives Connections“ wird vom Pianisten eingeleitet. Dabei hat man den Eindruck, dass das Piano präpariert wurde, jedenfalls in einigen Klangbereichen. So treffen zerfließende Linien auf schrill anmutende Tontropfen. Das Titel gebende Stück des Albums namens „Daedalos“ folgt. Frei in der musikalischen Gestaltung mutet das Stück an. Man meint die drei Musiker würden tonale Puzzle-Elemente zusammensetzen und daraus ein Ganzes formen. Zugleich hat man doch auch das Bild des Fliegens und des Flügelbauens vor Augen, wenn man dem Stück folgt, das sich als klangliches Kontinuum präsentiert.

Mit „Ariadne“ vertiefen die Musiker ihre musikalische Welt in die der griechischen Mythologie. Ariadne ist die Tochter des Minos und für den sogenannten Ariadnefaden bekannt. Mit diesem fand Theseus aus dem Labyrinth. Bezug zum Albumcover, oder? Man könnte an eine Fanfareneröffnung denken, wenn man den melodischen Linien folgt. Sanft kaskadierend ist das, was Fiorini seinem Tasteninstrument entlockt. Im Weiteren sind die beiden Saxofonisten eng in einer tonalen Helix verzahnt.

Nach „Fiore III“ folgt „Twister“ mit gedämpftem „Tasten-Klong“ und Saxofonklängen, die an einen Kreisel denken lassen, der sich, nicht enden wollend, dreht. Übrigens, die deutsche Übersetzung für Twister lautet Wirbelwind und auch Zungenbrecher. Denkt man in Bildsprache, so sind die Begriffe gekonnt in Musiksprache transponiert worden. „Blues for Steve“ – für welchen Steve? – ist ein weiterer hörenswerter Track des Albums. Das Ende des hörenswerten Albums ist „Flore I“ gewidmet. Und im Rückblick fragt man sich, was all die zu hörenden Stücke eigentlich mit Daedalos zu tun haben, oder? Mehr: https://igloorecords.be/fr

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