
Eine Lesung in der deutschen Botschaft in Brüssel
Von Reinhard Boest
Die „Woche für Deutsch“, die in diesem Jahr zum fünften Mal mit zahlreichen Veranstaltungen in ganz Belgien aufwarten kann, bietet auch immer wieder neue Entdeckungen. Am Donnerstag hatten die deutsche Botschaft und die Brüsseler Vertretung der Deutschsprachigen Gemeinschaft zu einer Lesung mit dem Autor Stephan Haas eingeladen. Der 1984 in Eupen geborene Haas schreibt Kriminalromane, die in seiner ostbelgischen Heimat spielen.
Seit 2020 sind drei Romane um den Kommissar Piet Donker erschienen, der aus Brüssel in die ostbelgische Provinz strafversetzt wird. Er ermittelt dort in einem Cold Case, dem Fall einer im Hohen Venn verschwundenen Familie oder dem Mord an einer Lokalpolitikerin.
Im Laufe des Abends las der Autor nicht nur aus dem dritten Buch der Serie: „Belgische Schatten“. Im Gespräch mit Peter Ernst, Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Antwerpen, gab Haas auch Auskunft über seinen Werdegang, seine Motivation und die Resonanz, auf die seine Bücher insbesondere in Belgien stoßen.
Nach der Begrüßung der zahlreich erschienenen Zuhörerinnen und Zuhörer durch Botschafter Martin Kotthaus und Fatma Girretz von der Vertretung der Deutschsprachigen Gemeinschaft lernte das Publikum den durchaus ungewöhnlichen Werdegang des Autors kennen. Nach einem Studium der Neueren Deutschen Literatur, Deutscher Philologie und Geschichte in Aachen nahm er eine Lehrtätigkeit auf, studierte daneben aber auch Betriebswirtschaft in Lüttich. Heute arbeitet er im Personalmanagement eines großen Industrieunternehmens und lebt mit Frau und Kindern in Ostbelgien.
Dass Haas daneben noch zum Schreiben kommt, ist durchaus nicht selbstverständlich. Anschaulich beschrieb er, wie seine Romane entstehen. Es sei harte Arbeit und erfordere Disziplin. Aber es reiche nicht, sich zu zwingen, jeden Morgen um 5 Uhr aufzustehen und sich an den Schreibtisch zu setzen. Zunächst müsse man ein Konzept haben und das Gerüst der Geschichte bis zum Ende entwickeln. Dafür brauche er etwa vier Monate. Dann gehe es um das Schreiben, und schließlich folge der Abschnitt, den er am wenigsten liebe: die Korrektur. Insgesamt erstrecke sich der Prozess bis zum fertigen Buch über 18 Monate. Und am wichtigsten sei das Urteil seiner Frau, die seine Texte als erste zur kritischen Durchsicht bekomme.
Die Entscheidung für das Genre des Kriminalromans erkläre sich recht einfach: er habe schon immer selbst gern Krimis gelesen. Wichtig sei ihn aber die regionale Verankerung seiner Geschichten und Figuren in seiner ostbelgischen Heimat.
Die Frage, in welchem Verlag ein deutschsprachiger Regionalkrimi aus Ostbelgien erscheinen kann, führte zu einem Gespräch über die deutschsprachige Literatur in Belgien ganz allgemein. Diese ist recht überschaubar; spontan fielen an diesem Abend nur die Namen Freddy Derwahl und Leo Gillessen. Die Literaturzeitschrift „Krautgarten“, die auch Poesie und Prosa ostbelgischer Autoren veröffentlicht hat, ist 2017 nach 25 Jahren eingestellt worden.
Stephan Haas konnte seine Bücher im Kölner Emons-Verlag veröffentlichen, der unter anderem für seine etwas anderen Reiseführer „111 Orte“ bekannt ist, darunter für Antwerpen, Brügge, Brüssel und Lüttich. Er sieht seine wichtigste Zielgruppe in der Region um Köln und Aachen – und überhaupt im Rheinland, zu dem ja auch Ostbelgien eigentlich gehöre.
Dagegen sei er in Flandern und der Wallonie auf keinerlei Resonanz gestoßen. Das sei schade, denn er spreche doch alle Landessprachen und sei daher ein „echter Belgier“. Immerhin habe er die Möglichkeit gehabt, in Schulen im Deutschunterricht aus seinen Büchern zu lesen – und verbinde damit die Hoffnung, dass der eine oder die andere vielleicht Lust bekomme, das Buch doch zu Ende zu lesen.
Zwischendurch las Stephan Haas mehrere Auszüge aus dem neuesten Roman, so dass die Teilnehmenden einen Eindruck vom Charakter der Hauptfigur, Kommissar Piet Donker, bekommen konnten. Schon im ersten Band wird er aus dem Drogendezernat in Brüssel nach Ostbelgien strafversetzt. Die Städtchen, in denen er ermitteln muss, tragen zwar erfundene Namen, sind jedoch für Ortskundige trotzdem leicht zu erkennen, was Botschafter Kotthaus in seiner Einführung verriet. Donker hat nicht nur mit seinen Fällen zu kämpfen, sondern auch mit zahlreichen persönlichen Problemen, von privaten Trennungen bis zum Alkohol. Aber er ist – wie der Autor – ein „echter Belgier“, denn er beherrscht dank seiner deutschsprachigen Mutter auch die in Ostbelgien vorherrschende Amtssprache.

Ob die Serie mit dem dritten Band zu Ende geht, ließ der Autor offen. Er plane aber eine neue Serie, die im Dreiländereck zwischen Belgien, Deutqchland und den Niederlanden spielen solle. Außerdem verriet er, dass er eine Novelle in der Schublade habe, die nichts mit einem Krimi zu tun habe. Er sei sich aber nicht sicher, ob und wann er diese hervorhole.
Mit den Auszügen machte Haas bei vielen offenbar Appetit auf mehr, denn es gab einen intensiven Austausch mit dem Publikum. Der von der Buchhandlung Gutenberg aufgebaute Bücherstand fand großes Interesse. Viele ließen sich ihr Exemplar vom Autor signieren, bevor der Abend mit einem Büffet ausklang.
Weitere Fotos der Veranstaltung in der Fotogalerie © Deutsche Botschaft Brüssel
Belgische Finsternis, 2020, 336 Seiten, ISBN 978-3-96041-648-7
Tod im Hohen Venn, 2021, 336 Seiten, ISBN 978-3-7408-1276-8
Belgische Schatten, 2023, 256 Seiten, ISBN 978-3-7408-1671-1









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