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James Ensor – viel mehr als „nur“ ein Künstler, der Masken und Skelette malte

© Peter Cox BOZAR

Von Heide Newson

Dieses Jahr jährt sich James Ensors Todestag zum 75. Mal. Dies nahm bereits Ostende zum Anlass für ein ehrgeiziges, ganzjähriges Kulturprogramm sowie eine Ensor Ausstellung (siehe Beitrag in belgieninfo) zu Ehren des großen belgischen Künstlers. Und nun hat das Ensor-Jahr auch Brüssel erreicht. Bis zum 23. Juni widmet der Palast der Schönen Künste (BOZAR) dem belgischen Meister eine Ausstellung unter dem Motto „ James Ensor Maestro“. Und diese Ausstellung hebt sich von der in Ostende ab.

Im Kulturtempel BOZAR wird herausgestellt, dass James Ensor viel mehr war, als „nur“ ein Künstler, der Masken, Seebilder oder Skelette malte. „James Ensor Maestro“ befasst sich mit der Musik in dessen Werk. Dabei handelt es sich unter anderem um musikalische Motive in Zeichnungen und Gemälden sowie von ihm verfasste Partituren. Gezeigt werden 100 Werke, darunter auch viele, die wenig bekannt sind. In dieser einzigartigen Ensor-Retrospektive wird auch ein Film über sein Leben und sein Wirken in Ostende gezeigt. Die Besucher können so den großen Meister im O-Ton hören, was faszinierend ist. „Musik befriedigt mich stets spirituell. Sie muss für mich delikat sein, um meinen etwas melancholischen Charakter zu inspirieren und mich zum Zeichnen heller und zärtlicher Farben anzuregen,“ teilt er den Besuchern mit. Strahlend verkündet er, dass er einen Walzer komponiert habe, der im Kursaal in Ostende unter dem Titel „Umarmungen“ erfolgreich aufgeführt worden sei.

Obwohl James Ensor (13.April 1860 bis 19. November 1949) untrennbar mit seiner geliebten Heimatstadt Ostende verbunden ist, spielt Brüssel ebenfalls eine wichtige Rolle in seinem Leben und seiner Laufbahn. Ensor studierte dort drei Jahre lang an der Königlichen Akademie der schönen Künste. Fernand Khnopff und andere Nachwuchstalente zählten zu seinen Freunden und Kommilitonen. Ensor kehrte zwar nach Ostende zurück, hatte jedoch sein ganzes Leben lang eine besondere Bindung zu Brüssel. Die wichtigsten Brüsseler Werke entstanden zwischen seiner Anmeldung an der Akademie im Jahr 1877 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914.

In dem Ausstellungsteil „Fêtes galantes – Fantasy and Music“ wird veranschaulicht, dass Ensor schon in seiner Jugend großes Interesse an Musik hatte. Er spielte Klavier und Flöte, ohne jedoch Unterricht genommen zu haben. Von seinem musikalischen Talent können sich die Besucher während der Ausstellung überzeugen. Ebenso davon, dass Ensors Werk inhaltlich und stilistisch ausgesprochen vielseitig ist. Teile der Ausstellung lassen sich dem Expressionismus, Surrealismus oder Symbolismus zurechnen. Über seine Karriere hinweg schuf er Landschaftsmalerei, Stillleben, Selbstbildnisse, religiöse Motive und Karikaturen, die er mit autobiografischen Bezügen verband. Die Bilder in der Ausstellung erzählen häufig Geschichten mit einer Wendung ins Groteske oder Makabre. Mit satirischen Zeichnungen etablierte er sich als Gesellschaftskritiker. Seine Zeichnungen thematisieren auch die künstlerische Zurückweisung, unter der er lange litt. Erst spät in seiner Karriere fand er Anerkennung, die 1929 in der Ernennung zum Baron mündete.

Ein besonderes Highlight der Ausstellung ist Ensors Gemälde „Der Einzug Christi in Brüssel“ aus dem Jahr 1889. Es versetzt den Einzug Jesu Christi in Jerusalem zeitlich in die Gegenwart des Malers und räumlich nach Brüssel. Ensors Darstellung verknüpft eine religiöse Prozession mit Elementen eines Karnevalumzugs, einer Militärparade und einer politischen Demonstration. Die abgebildeten Figuren tragen Masken oder sind Karikaturen. In ihrer Gesamtheit repräsentierten sie die belgische Gesellschaft, während Ensor sich selbst mit dem Erlöser identifizierte. Prominent überschrieben ist die Szenerie auf einem Banner mit den Worten „Vive la Sociale“ – „es lebe das Soziale“. Das Bild gilt als Ensors Opus magnum, wurde aber auch aufgrund seiner Größe zu seinen Lebzeiten selten ausgestellt und hing in seiner Wohnung in Ostende. Eine Reverenz an dieses Werk findet sich in der von Roger Raveel gestalteten Dekoration in der Brüsseler Metro-Station Merode aus dem Jahr 1976.

Info und Eintrittskarten www.bozar.be 

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