Aktuell, Europa

Cem Özdemir im Gespräch

Von Heide Newson

Wenn „the Länd“ rufe, dann komme er, so Deutschlands Landwirtschaftsminister Cem Özdemir. Am Montag folgte er diesem Ruf.

Der Grünen-Politiker eilte vom Ratsgebäude, wo er am EU-Agrarministerrat teilnahm, in die Landesvertretung von Baden-Württemberg. Auf heimatlichem Boden diskutierte er im Gespräch mit Sandra Parthie, Vertreterin des Instituts der deutschen Wirtschaft in Brüssel, über nachhaltige Landwirtschaft, stabile Ökosysteme, Klimapolitik, Tierschutz sowie über die Lage auf den Agrarmärkten infolge des völkerrechtswidrigen Angriffs Russlands auf die Ukraine. Im Anschluss stand er der Moderatorin Rede und Antwort über Privates, womit er schnell die Lacher der zahlreich erschienenen Teilnehmer auf seiner Seite hatte.

Leider habe er nicht so viel Zeit, er müsse gleich wieder in den Rat zurück, bedauerte Özdemir. Dennoch beantwortete alle Fragen. In der Debatte ging es zunächst um den Streit um den Import von Getreide und Ölsaaten aus der Ukraine, der die EU spalte, und sodann die perfide Strategie, die Putin mit der Blockade von Getreideexporten aus der Ukraine verfolge. Putin sei ein Verbrecher, er setze nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Getreide als Waffe ein, so der Landwirtschaftsminister. Polen habe zu Recht vor ihm gewarnt. Die Hauptausfuhrroute für Getreide aus der Ukraine habe Putin geschlossen, aber man werde alternative Routen finden und die Ukraine nicht im Stich lassen. Im Streit um nationale Einfuhrverbote für Weizen und Mais aus der Ukraine und den damit verbundenen Drohgebärden aus Polen setzt der Minister auf Dialog. Er lobte die Zusammenarbeit mit Frankreich, obwohl man nicht stets zu einhundert Prozent auf einer Linie sei und unterschiedliche Ansichten habe. Deshalb seien bilaterale Gespräche sowie das Schmieden von Bündnissen so wichtig.

Auf die Frage, ob es in der Arbeitsweise zwischen dem EU-Ministerrat und dem Bundeskabinett Unterschiede gebe, meinte er, dass er in diesem Bereich ein gutes Training durch seine fünfjährige Tätigkeit im Europaparlament gewonnen habe. Als Europaabgeordneter habe er sich in die unterschiedlichsten Meinungen, Blickwinkel, seiner Kollegen/innen hineinversetzen, Brücken bauen sowie Kompromisse schließen müssen. Bei dieser schwierigen Aufgabe sei für ihn das Europaparlament ein optimaler Lehrmeister gewesen. Besorgt zeigte sich der Schwabe über die vielen Falschmeldungen und Desinformationen, die in seinem Arbeitsbereich im Umlauf seien. Stets müsse er sich zu diesen erklären. Das gelte auch für seine Kollegen. Knapp zwei Jahre sei er im Amt als Landwirtschaftsminister – und schon ein Senior. „Dieser Job ist ein Schleudersitz,“ fuhr er fort.

Auf die Frage, welches Thema ihn am meisten begeistere, sagte er, dass sich nun vielleicht alle sehr wundern würden. Seit seinem 17. Lebensjahr sei er überzeugter Vegetarier, was seine Eltern damals nicht gerade begeistert habe. Weder begeistert noch erfreut war er wiederum nicht von einem Besuch im Schlachthof, den er als eingefleischter Vegetarier in seinem jetzigen Amt besuchte. Und das Wurstmachen behagte ihm auch nicht. Tierfabriken habe er schon immer furchtbar gefunden. Vegetarier zu werden, sei für ihn die richtige Entscheidung gewesen, er mache das für sich, nicht für andere. „Wie es ein jeder damit hält, muss jeder selbst wissen.“ Der Grünen-Politiker unterstrich, dass die Tierhaltung eine Zukunft habe. Er wolle nicht die Schweinezucht abschaffen, was ihm, da er dem Islam angehöre, oft zum Vorwurf gemacht werde. Zwischen den unterschiedlichen Polen müsse er Politik machen, schmunzelte er. Schwätzen, so richtig schwätzen müsse man halt mit den „Leut“, sagte er. Und mit klügeren Worten hätte er ein spannendes Interview wohl kaum besser beenden können.

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