
Von Anne Kotzan
Es ist Frühling, und die Vögel wissen ihn mit ihren fröhlich trällernden Konzerten einzuläuten. Als besonders gute Sänger gelten Finken, die heutzutage zu den seltenen Gartenbesuchern zählen. Ein passender Moment, das traditionelle flämische Gericht „Blinde Vinken“ vorzustellen.
Nein, keine Sorge, serviert werden keine Singvögel. Es handelt sich um kleine gewürzte Hackfleischröllchen im Fleischmantel, ursprünglich Kalbfleisch. So findet man sie auch schon vorbereitet beim Metzger oder an der Fleischtheke im Supermarkt.
Natürlich drängt sich die Frage auf, wie das Gericht zu seinem irreführenden Namen kam. Die Geschichte reicht zurück bis ins späte Mittelalter, dem Beginn von Gesangwettstreiten mit Finken (vinkenzetten). Der Ursprung geht zurück auf Vogelmärkte, wo Singvögel auch als Delikatesse verkauft wurden. (Mozarts Papageno ist damit keine romantisch ersonnene Figur.) Das Geschäft mit den Vögeln war so groß, dass sogar Vogelfängerzünfte gegründet wurden. Die Paarungs- und Brutzeit waren eine jagdfreie Zeit, und zur Unterhaltung begannen die Zünfte mit den gefangenen Lockvögeln Gesangwettstreite zu organisieren, bei denen sich besonders die streitlustigen männlichen Finken hervortaten, was ihnen letztlich zum Verhängnis wurde. Denn im 18. Jahrhundert verfiel man auf die Idee, dass Finken besser im Dunkeln singen und so erblindete man sie, indem man mit Eisendraht die Augenlider aneinander heftete. Der Eingriff konnte zwar rückgängig gemacht werden, was aber wohl eher selten geschah.
Trotz ständig größer werdender Proteste gegen diese Tiermisshandlung blieb der Brauch, Finken zu erblinden, bis ins 20. Jahrhundert bei Finkenhaltern (vinkeniers) gebräuchlich. Bemerkenswert, dass erst das eigene Leid von Menschen diese an Finken verübte Grausamkeit 1921 verbot und 1929 schließlich unter Strafe stellte. Grund war die Erfahrung im Ersten Weltkrieg, wo viele Soldaten durch Gasanfälle ihr Augenlicht verloren hatten.
Die Tradition des „Finkensports“ gibt es jedoch noch heute, aber ohne blinde Finken! Stattdessen werden die Vögel zum Wettstreit in kleine Kisten mit einer Milchglasscheibe gesetzt, sodass sie zwar Licht haben, aber keine Ablenkung. Für Außenseiter unbemerkt werden vom 1. April bis 31. August jährlich rund 7000 „vinkenzettingen“ organisiert. Diese finden in abgeschlossenen Straßenabschnitten statt, wo die Vogelkästen in einer Reihe stehen, und man eine Stunde lang ihre Gesanganschläge zählt. Ein Gesanganschlag besteht aus Vorgesang und Schlussakkord, der auf „suskewiet“ endet.
Auf die Frage, woher das Hackfleischgericht „Blinde Vinken“ seinen Namen hat, wissen selbst viele Belgier die Antwort nicht mehr. Deutlich wird sie in dem französischen Namen „oiseau sans tête“ (Vogel ohne Kopf), da die kleinen Fleischröllchen in der Form nicht größer sind als ein Vogelleib. Bei mir kam sofort die Assoziation zum deutschen „Falschen Hasen“ auf und die Neugierde, so dass ich nun weiß, die Geschichte ist wenig spektakulär. Traditionell wurden einfache Hackbraten in den Formen von edlem Hasenbraten gebacken.
Lassen Sie sich von der Namengeschichte der „Blinden Vinken“ nicht abschrecken, „Blinde Finken“ sind lecker und im Internet findet man zahlreiche Rezepte. Ich mag sie besonders gerne mit Chicorée (witloof).
Guten Appetit!







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