Freizeit, Panorama

Auf den Hund gekommen

 

Von Michael Stabenow

Welch ein schöner Anblick neulich in Wallonisch-Brabant! Eine Rotte Wildschweine, sieben an der Zahl, rast – zum Glück in sicherer Entfernung – über die Felder. Wenige Minuten später folgen, in sehr sicherer Entfernung und in deutlich gemächlicherem Tempo, drei Rehe. Und das alles am helllichten Tag.

Ja, es war ein schöner Anblick! Begegnen wir sonst bei unseren Spaziergängen Vierpfotern in freier Wildbahn, kommen wir meistens schnell auf den Hund. Oft ist er nicht angeleint, genau wie Wildsau, Meister Lampe und Reh. Dabei steht doch am Ortsausgang von Longueville, auch zur Erinnerung an Hundebesitzer, ein schönes buntes Schild mit der Aufschrift „Charte du promeneur“ („Charta des Spaziergängers“). An oberster Stelle heißt es da schwarz auf weiß: „Je garde mon chien en laisse!“ („Ich behalte meinen Hund an der Leine!“).

Auch anderswo, ob im Wald oder in offener Natur, lassen sich die Hinweistafeln auf das in Belgien fast überall geltende Verbot, Hunde in der Öffentlichkeit frei herum laufen zu lassen, schwerlich übersehen. Sind, so frage ich mich unweigerlich, manche Zeitgenossen des Lesens nicht mächtig? Andererseits: Es gibt doch vielerorts auch Schaubilder, die Hund und Leine zeigen, beide offenkundig unzertrennlich miteinander verbunden.

Erklären also Lese- und Sehschwächen die offensichtliche Unbekümmertheit, mit der bei weitem nicht alle, aber doch eine erkleckliche Anzahl von Hundebesitzern das Gebot „Hunde an die Leine“ schlichtweg ignoriert? Geldbußen – bis zu 350 Euro in Brüssel und in Wallonien – drohen all jenen, die sich nicht an die Regeln halten. Drohen, mehr wohl nicht. Die Chance, dass Ordnungs- oder Wildhüter in einem Land, in dem die Devise „leben und leben lassen“ nur zu gerne ausgelebt wird, das „Hunde-nicht-an-der-Leine-Führen“ ahnden, tendiert offenbar gegen Null.

Viel wahrscheinlicher ist es, dass ein frei laufender Vierbeiner freudig auf einen Spaziergänger zustürmt und dessen Hosenbeine ansabbert. Macht nichts! „Il est gentil, vous savez. Il ne veut que jouer“ („Wissen Sie, er ist lieb, er will nur spielen“). Ich gebe es zu: Ich habe mich schon dabei ertappt, dass ich in auf derlei Bemerkung einer Hundebesitzerin spontan erwidert habe: „Ja, er ist vielleicht lieb, Sie aber nicht.“

Solcherlei Sarkasmus war natürlich nicht nach dem Geschmack jener Dame. Wenn ich mich dennoch doch mal wieder traue, an das geltende Verbot zu erinnern, fliegen mir oft prompt – in der einen oder anderen Landessprache – Unflätigkeiten um die Ohren. Meistens halte ich mich daher mit derlei – wohl typisch deutschen oberlehrerhaften – Bemerkungen gegenüber leinelosen Hundebesitzern im Zaum. Ich will – „à la belge“ und getreu der Devise „leben und leben lassen“ – auch meinen Frieden haben. Ich schaue einfach weg. Und ich freue mich, wenn ein Kaninchen unbeschwert über ein Feld hoppelt oder ein frei laufendes Reh sich neugierig umschaut – aus sicherer Entfernung.

Und dennoch – et pourtant: Glaubt man einer – nicht mehr ganz taufrischen – Erhebung der Stiftung „Fondation Forêt de Soignes/Stichting Zoniënwoud“, so ist der Rehbestand zuletzt deutlich geschrumpft. Nach der Messmethode, bei der die Anzahl Rehe auf einer vorgegebenen Strecke erfasst wird, ist der Bestand zwischen dem Zeitraum 2008 und 2013 sowie dem Jahr 2021 von einem auf 0,5 Exemplare pro Kilometer halbiert worden. Nicht nur der sich ausbreitende Wildschweinbestand, auch das Eindringen von Vier- und (!) Zweibeinern in ihre natürlichen Lebensräume sei eine Bedrohung für die Rehe. Das gilt besonders in der Schonzeit.

Ja, es stimmt: Viele Hundebesitzer, nach meinem Eindruck als Vielwanderer aber nicht die Mehrheit, halten sich brav an die Regeln und lassen ihren geliebten Vierbeiner beim Spaziergang nicht von der Leine. Daher dürfte folgende Feststellung zutreffen: Nicht wenige Zeitgenossen – und wohl auch beide Augen zudrückende Ordnungshüter – sorgen dafür, dass die Leinenpflicht in Belgien nur auf dem Papier besteht – beiderseits der Sprachgrenze.

 

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