
9,1 Kilometer, rund zweieinhalb Stunden, leicht, zu gut zwei Dritteln unbefestigt.
Ausgangspunkt: Sint-Jozefkerk, Hutstraat, 1910 Relst (Kampenhout)
Knotenpunkte: 122, 113, 114, 115, 118, 119, 121.
Anfahrt ÖPNV: De Lijn Linie R27 (Brüssel-Nord bis Haacht/Keerbergen). Wer mit der Brüsseler STIB/MIVB Straßenbahnlinie 7 kommt und an der Haltestelle Hôpital Paul Brien umsteigt, benötigt von dort aus bis zur Haltestelle Kampenhout Relst gut eine halbe Stunde. Die Busse verkehren auch am Wochenende recht regelmäßig.
Von Michael Stabenow
Nicht allzu viele Wanderer dürften sich in diesen rund 20 Kilometer nordöstlich von Brüssel gelegenen Winkel der Provinz Flämisch-Brabant verirren. Relst liegt südlich der von der Hauptstadt nach Haacht führenden Nationalstraße 21 und gehört zur Gemeinde Kampenhout. Sie beherbergt nicht zuletzt ein „Witlofmuseum“, das der Bedeutung der in diesem Landstrich angebauten Chicoree-Pflanze gewidmet ist. Aber auch Wanderern hat die ebene Landschaft unweit des Kanals zwischen Löwen und Mecheln einiges zu bieten.
Wir haben uns für die an der Sint-Jozefkerk in der Ortsmitte von Relst beginnende, rund neun Kilometer lange Rundwanderung mit dem vielversprechenden Namen „Aert van Beethovenwandeling“ entschieden. Dieser angebliche „Vorfahre“ des Komponisten Ludwig van Beethoven soll, so erfahren wir aus einer Broschüre der Provinz Flämisch-Brabant, in dieser Gegend vor knapp einem halben Jahrtausend als Landwirt gelebt und gearbeitet haben.
Nun bewegen wir uns, so lesen wir, auf den Spuren einer seiner sonntäglichen Wanderungen. Ob sich das alles so zugetragen hat? Auf jeden Fall ist es eine schöne Vorstellung. Der Website „Visit Mechelen“ entnehmen wir zudem, dass Lodewijk van Beethoven, der Großvater des berühmten Komponisten, in der nahegelegenen Stadt an der Dijle aufgewachsen ist. An den Spekulationen der vergangenen Jahre, wonach der 1770 in Bonn zur Welt gekommene Enkel kein echter Beethoven-Nachkomme sei, wollen wir uns an dieser Stelle nicht beteiligen.
Im 16. Jahrhundert, zu Lebzeiten des Bauers Aert van Beethoven, gab es hier keine Nationalstraße. Auch von den Flugzeugen, die dieser Tage etwas weiter südlich lärmend die Landebahn des Flughafens von Zaventem ansteuern, konnte keine Rede sein.
Mit ein wenig Phantasie kann man sich im Jahr 2026 auf diesem Rundweg in die Vergangenheit zurückversetzt fühlen. Die überwiegend beschauliche Route führt abwechselnd durch bewaldete Stücke und dann wieder zwischen Wiesen und Feldern hindurch. Auch wenn die Gegend, wie so oft in Flandern, ziemlich zersiedelt ist, strahlt sie im Vergleich zum hektischen Treiben der nahegelegenen Großstädte Brüssel und Löwen eine gewisse Ruhe und Gelassenheit aus.
Nachdenklich werden wir, als wir nach einem kurzen Abstecher in den Innenraum der neugotischen Kirche nach draußen kommen und auf eine Hinweistafel blicken. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs, so erfahren wir, hätten hier die durchmarschierenden deutschen Besatzer im Zuge des geplanten Angriffs auf Antwerpen 80 Häüser in Brand gesteckt und zwei Bewohner hingerichtet. Zwei Wochen später hätten deutsche Soldaten zunächst das Mobiliar und anschließend den gesamten Kirchbau angezündet – offenbar wegen des Verdachts, dass Einheimische von dort aus Signale an die belgischen Truppen gesendet hätten.
Nur wenige Jahre zuvor hatte der heute so friedlich anmutende Bau, der erst seit Ende des 20. Jahrhunderts in seiner heutigen neugotischen Gestalt entstanden ist, den Status einer Pfarrkirche erhalten. Zuvor befand sich an dieser Stelle, in unmittelbarer Nachbarschaft des Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen Schlossbaus „Kasteel van Opstaal” ein Kapellenbau. Das aus weißem Sandstein errichtete und etwas nördlich gelegene mächtige Gebäude mit zwei Ecktürmen ist heute hinter dichten Hecken gut verborgen und nur schwer zu erkennen.
Wir kehren aber jetzt ohnehin dem Schloss den Rücken zu und bewegen uns auf einem zunächst noch asphaltierten Weg in westlicher Richtung auf den Knotenpunkt 113 zu. Nach wenigen Minuten gelangen wir in ein waldiges Gelände und überqueren einen friedlich dahinfließenden Bach mit dem Namen Molenbeek. Wir verlassen den Wald, biegen am Punkt 113 nach links ab. Dann laufen wir an zum Teil in dieser Jahreszeit abgeernteten Feldern entlang. Linkerhand erblicken wir, nun schon ein Stück entfernt, den Kirchturm von Relst.
Wenig später stoßen wir auf eine Straße und erblicken vor uns ein umfassend restauriertes großes Gehöft. Heute dient der „Hof Ter Lonst“, dessen Ursprünge auf das 12. Jahrhundert zurückgehen sollen, ein von einem privaten Unternehmen betriebenes Konferenz- und Seminarzentrum. Wir laufen ein paar Schritte auf der Straße nach links und biegen auf den unbefestigten Weg „Paddesijp“ ab. Auf ihm bleiben wir auch nach der Abzweigung am Punkt 114 und laufen, nun zunächst in südlicher Richtung zum immerhin 2,1 Kilometer entfernten Punkt 115 weiter.
Nach einem Knick im rechten Winkel gehen wir in östlicher Richtung auf dem nun Bukenpad genannten Weg weiter, der in das Dorf Buken führt. Kurz vor dem durchaus putzigen Ort und nach Überquerung eines Rinnsals zweigen wir am Punkt 115 nach links in den Kleine Heideweg ab. Er geht in ein asphaltiertes Sträßchen über und führt uns an einigen Wohnhäusern vorbei.
An einer Marienkapelle unter einer alten Linde mit einer zu einer kleinen Pause einladende Sitzbank geht es rechts ab. Nach ein paar Minuten kommen wir an die stark befahrene Hauptstraße, die Löwen mit Mecheln verbindet. Wir überqueren sie behutsam und freuen uns, dass wir kurz darauf wieder in einer friedlichen Umgebung entlang von Maisfeldern und Baumreihen laufen können.
Hinter dem Punkt 118 heißt unser Weg Assentveldweg. Wir folgen ihm weiter nach einer Linkskurve, ehe es wieder nach rechts abgeht und wir urplötzlich und zum ersten Mal auf unserer bisher vollkommen flachen Wanderung ein paar Höhenmeter zu überwinden haben. Auf einer Treppe geht es steil nach oben. Und zu unserer Überraschung finden wir uns an einem breiten Kanal wieder.
Diese bereits seit 1752 bestehende Wasserstraße verbindet Löwen und Mecheln und wird von einem breiten Radweg gesäumt, den wir, nachdem wir nach links darauf eingebogen sind, mit mehr oder weniger rasenden Zweiradfahrern teilen müssen. Nach einigen hundert Metern erreichen wir einen Schleusenkomplex – eine offenbar bei Anglern beliebte Stelle. Jenseits der Schleuse weitet sich der Kanal und bietet genügend Platz für einen kleinen Yachthafen.
Da wir inzwischen am Knotenpunkt 119 angelangt sind, müssen wir den Kanal hinter uns lassen und in südlicher Richtung nach links abbiegen. Wir unterqueren eine Straßenbrücke und sehen rechterhand ein alles andere als verlockendes Bild von Bauschutt und Erdhügeln. Zum Glück müssen wir nur ein paar Schritte an einer vielbefahrenen Straße entlang gehen, bis wir vor einer Tankstelle nach rechts abbiegen. Nach und nach kommen wir in ruhigere Gefilde mit Wohnhäusern.
Danach laufen wir auf einem unbefestigten Weg zwischen Feldern und kurz an einem Waldstück entlang, ehe wir abermals an einer kleinen Kapelle mit einer Sitzbank vorbeikommen. Kurz hinter dem Punkt 121 sind wir wieder am Ausgangspunkt einer zwar nicht sehr spektakulären, aber doch angenehmen, flachen Rundwanderung angelangt. Wenn die schräg gegenüber gelegene Kneipe „Somewhere Else“ geöffnet ist, dann sind es zum Abschluss der „Aert van Beethovenwandeling“ nur noch wenige Schritte bis zur ersten Möglichkeit einer gemütlichen Einkehr.








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