
Von Heide Newson
Eigentlich wollten wir nur der Brüsseler Hitze entfliehen und uns am Strand von Blankenberge eine frische Meeresbrise um die Nase wehen lassen. An ein (Sonnenfinsternis-)Spektakel am Strand hatten wir bei unserer spontanen Planung überhaupt nicht gedacht. Das hatte schon etwas damit zu tun, dass zwei meiner besten Freunde eigens nach Spanien aufgebrochen waren, um die totale Verdunklung zu erleben und mir vor ihrem Abflug prophezeit hatten, dass es hier in Belgien weder sonderlich prickelnd noch interessant sei. Aber es gibt Momente im Leben, da alles anders kommt als man denkt.
Als wir am späten Vormittag per Zug Blankenberge erreichten, lag eine eigentümliche Spannung in der Luft. Auch der Zug war viel voller als an den Tagen zuvor. „Die meisten sind Schaulustige, die am Strand das besondere Naturereignis beobachten wollen,“ so der gesprächige Schaffner, während ich meine belgische Freundin Tanja vielsagend ansah. „Was für eine tolle Idee, wir ändern unsere Pläne und machen das auch“, sagten wir. Aber dazu brauchten wir Spezialbrillen, und bereits in Brüssel gab es keine mehr, wie ich von Freunden wussten. „Vielleicht haben wir hier mehr Glück“, so Tanja optimistisch. Anstatt in Richtung Strand zu laufen, klapperten wir alle möglichen Optiker, Apotheker, Supermärkte auf der Suche nach einer Spezialbrille ab. Zu unserer Enttäuschung stand an allen Türen die Notiz, dass sie ausverkauft seien. Dann eben nicht. So gingen wir zum Wahrzeichen Blankenberges, dem Pier. Und wow… ein etwa 350 Meter langer Steg führte direkt hinein in die Nordsee – eine perfekte Stelle, um das Meer, weit ab vom Ufer, fast unter den Füßen zu spüren. Wir liefen zum Yachthafen, bewunderten die Belle Epoque-Häuser, begutachteten die stylischen Beach-Clubs und genossen einen langen Strandspaziergang.
Derweil wurde der Strand immer voller. Zwischen Sonnenschirmen und Strandmuscheln sah man bereits gegen 17 Uhr überall Menschen mit den typischen dunkel beschichteten Sonnenfinsternis-Brillen. Und wir hatten keine, und es bestand auch kaum Aussicht, noch irgendwo eine aufzutreiben. Und der Wunsch, die Sonnenfinsternis zu beobachten, wurde stärker und stärker. Zum Trost steuerten wir ein imposantes Restaurant mit Meeresblick an und stärkten uns mit Pfannekuchen, Kaffee und viel Sahne. Aber der Frust, keine Schutzbrille aufgetrieben zu haben, blieb. Auch die Angst, später ohne spezielle Schutzbrille automatisch ungeschützt in die verdunkelte Sonne zu schauen. Natürlich wussten wir, dass man dann Gefahr läuft, seine Augen schwer zu schädigen und sogar zu erblinden.
ES GIBT NOCH WUNDER
Und dann geschah ein Wunder, so kam es uns zumindest vor. Nach 18 Uhr machten wir Halt vor einer Bühne, wo flämische Ohrwürmer alle außer uns in Stimmung versetzten. Kein Wunder, sie hatten ihre Spezialbrillen auf der Nase, machten Selfies ohne Ende in Erwartung eines Naturereignisses. Plötzlich sahen wir eine nimmer endende Schlange von Menschen, denen etwas ausgehändigt wurde. Ich konnte es kaum fassen. Es waren Spezialbrillen. „Die werden gratis verteilt“, erfuhren wir und hatten angesichts der langen Schlange kaum Hoffnung, eine zu ergattern. Dennoch stellten wir uns in die Reihe, wobei wir übersehen hatten, dass sie weit hinter uns endete. Aber keiner beschwerte sich, und innerhalb einer halben Stunde waren wir im Besitz einer Brille und konnten es kaum glauben.
DAS LICHT VERSTELLT SICH
Mit gleich zwei Brillen ausgestattet, die wir wie einen Goldschatz hüteten, suchten wir nun einen geeigneten Platz zur Beobachtung der schon bald beginnenden Sonnenfinsternis. Dank optimaler Wetterverhältnisse ließ sich das Ereignis von vielen Orten beobachten. Da unser Magen knurrte und ich unbedingt Muscheln mit Fritten in Begleitung eines kühlen Weißweins trinken wollte, gingen wir in ein Strandcafé. Ein kühler Wind strich über die Terrasse, der Dampf über unserem Muscheltopf schien sich schnell zu verziehen, und für einen Moment schienen alle Schaulustigen im Strandcafé die Gläser gleichzeitig in die Hand zu nehmen. Dabei lag eine fast ehrfürchtige Stille über dem Strand.
Es wurde etwas dunkler. Wir schauten auf die Uhr: 19.15 – Beginn der Sonnenfinsternis. Schnell setzte ich wie die anderen Gäste die Schutzbrille auf die Nase. Was für ein surrealer Anblick. Ich sah, wie sich der Mond langsam vor die Sonne schob. So etwas hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. „Pass auf deine Tasche auf, es wird gleich dunkel“, rief jemand warnend.. Aber es wurde nicht so ganz dunkel, denn nur partiell verdeckte der Mond die Sonne, von kurz nach 19 bis 21 Uhr. Als die Verfinsterung am Strand von Blankenberge ihren Höhepunkt erreicht hatte, kehrte das Sonnenlicht nicht mehr an den Strand zurück. Er tauchte jetzt in die natürliche Dunkelheit ein.
Und nun erwachte wieder der gewohnte Trubel von Menschen, die angesichts dieses Naturereignisses ein wenig den Atem angehalten hatten. Und wie wir auf dieses einmalige Erlebnis anstießen! Mit einem kühlen Glas Wein in der Hand, Muscheln und Fritten auf unseren Tellern sowie einer Schutzbrille auf der Nase kann man solch ein besonderes Naturschauspiel an der belgischen Küste in Blankenberge wohl kaum besser genießen. So haben es Tanja und ich zumindest empfunden.








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