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Belgiens Brauer forschen intensiv am 0,0 Promille-Bier  

Foto: TAF

Von Thomas A. Friedrich

Die Belgier haben der Welt Bier, Pommes und Pralinen geschenkt. Belgieninfo widmet sich in einer dreiteiligen sommerlichen Serie den drei Säulen belgischer Tradition und des Nationalstolzes.

Teil I: Weltkulturerbe Belgisches Bier

Bevor in Belgien die Sommerferien enden und wieder Arbeit und Broterwerb an der Tagesordnung sind, stehen Ende August zwei regelrechte  Pflichttermine auf der Agenda: Die „Belgian Beer Week 2026“ –  # BBW26 – vom 24. bis 30. August sowie das „Belgian Beer Weekend“ auf der Brüsseler Grand’ Place vom 4. bis 6. September.

 

Ein Königreich für ein Blanche

Gibt es bei der anhaltenden Sommerhitze ein erfrischenderes Getränk als ein kühles Glas Blanche oder Witbier mit einer Scheibe Zitrone obenauf? Die belgische Version des deutschen Weißbiers, jedoch ohne die von der Weißbier-Hefe herrührende Bananen- und Nelkennoten, ist meine absolute Sommer-Präferenz auf den Terrassen in Brüssel, an der flämischen Küste und anderswo in belgischen Landen. 

Das belgische Gebräu wird mit einer obergärigen Witbier-Hefe vergoren und während der Würzekochung zusätzlich mit gemahlenem Koriander und der Schale von Curacao-Orangen aromatisiert. Der Hopfen spielt für die belgischen Brauer dabei eine untergeordnete Rolle. Hinzu kommt, dass Witbiere unfiltriert und schon nach kurzer Lagerzeit von etwa einem Monat abgefüllt werden und daher besonders spritzig die Kehle runter zischen.

Foto: Michael Stabenow

Hoegaarden gilt das Mekka der Witbiere

Als ideale Trinktemperatur werden sechs bis acht Grad angegeben. Dabei wäre der Top-Durstlöscher bei Sommerhitze in der belgischen Brauereigeschichte fast für immer versiegt. 

Aber da gab es einen Milchmann in der Provinz Flämisch-Brabant, 40 Kilometer östlich vor den Toren Brüssels. Er war es, der Jahre nach der Schließung der letzten Witbier-Brauerei im Jahre 1950 für die durstige Nachwelt von Bierfreundinnen und -freunden das leicht trüb im Glas daher kommende süffige Getränk ins 21. Jahrhundert hinübergerettet hat. 1965 – so heißt es in den Bier-Annalen – erweckte Pierre Celis (1925 bis 2011), der  Milchmann, die unnachahmliche, eigentümliche Biersorte in der Scheune seines Vaters wieder zum Leben. 

Die aufkommende Nachfrage ermunterte Celis, ein altes Brauerei-Anwesen zu erwerben und seinen eigenen Sud zu brauen. Die heute weit über die belgischen Grenzen hinaus bekannte Biermarke trägt den Namen der flämischen Gemeinde Hoegaarden, dem Geburtsort von Celis. 

Historische Verwandtschaft von Witbier und Kölsch

Hoegaarden war schon zu  Römerzeiten besiedelt, erfahren wir auf Wikipedia. Jüngste Ausgrabungen römischer Villen in den 1980er Jahren zeigen, dass der Ort und das Kapitel von Hoegaarden rechtlich zum Kölner Domkapitel gehörten. Demnach wurde der Ort von Gräfin Alpaïdis/Alpeide, der letzten Herrscherin der Grafschaft Brunengruz/Bruningerode, gegründet. 

Die Brautradition in Hoegaarden reicht bis ins Mittelalter zurück und ist über sechs Jahrhunderte belegt. Gab es im 19. Jahrhundert im Ort noch 13 Brauereien und neun Schnapsbrennereien, zeichnete sich mit der Schließung der letzten Brauerei vor über 70 Jahren eine tiefgreifende Zäsur ab. 

Löschwasser für durstige Kehlen im Hitzesommer 2026

Ein ganzes Jahrzehnt rollte kein einziges Bierfass mehr aus den Brauereihöfen von Hoegaarden. Dem pfiffigen Bauernjungen mit Unternehmergeist Pierre Celis sei Dank, dass im Hitzesommer 2026 ein Löschwasser der besonderen Art aus Hoegaarden wieder die Kehlen durstiger Bierfans landauf und landab durchströmen kann. Mit der Neugründung im Jahr 1965 setzte Celis dem Ort Hoegaarden in der idyllischen Landschaft der Region Haspengouw (Hesbaye) ein nachhaltiges geschmackliches Denkmal.

Heute gehört die Brauerei Hoegaarden zum größten Brauereiverbund der Welt, der Anheuser-Busch InBev Group (AB InBev) mit Hauptsitz in Löwen. 

Ich bekenne ein libidinöses Verhältnis zum Kölsch

Als waschechter Rheinländer – geboren im Rechtsrheinischen auf der „Schäl Sick“ – verhehle ich nicht meine Affinität zum Kölsch. Aber genauso komme ich beim Stillen von Bierdurst auf belgischem Boden beim Genuss eines kühlen Hoegaarden-Witbiers voll auf meine Kosten. Eines weiteren belgischen Gebräus bedürfte es für mich nicht wirklich. Aber dies grenzte angesichts von weiteren rund 1.600 Biersorten auf belgischem Territorium wohl schier an Blasphemie.

Gott erhalt´s mit dem Segen der Brüsseler Kathedrale St. Michel und Ste. Gudule

Auch als Rheinländer ist mir nicht verborgen geblieben, dass in bayerischen und süddeutschen Kirchspielen nach der Sonntagsmesse dem goldgelben Gerstensaft in vielen Gasthäusern gerne gefrönt wird. Aber dass ein 500 Liter-Bierfass in die Brüsseler Kathedrale neben den Altar gerollt und mit gesenkten Fahnen der belgischen Brauergilde vom Priester mit dem Weihwassersprenger bespritzt wird, verdeutlicht, warum Belgiens Bierkultur nicht nur zum Unesco-Weltkulturerbe aufgestiegen ist, sondern auch als kulturelle Errungenschaft auf belgischem Boden begriffen werden muss. 

Diese einmalige jährliche Tradition, begleitet von Umzügen in historischen Kostümen und dem Ausschank von mehr als 500 Biersorten in der guten Stube der Stadt Brüssel, der Grand’ Place, markiert den Höhepunkt der Biersegnung. 

Nicht von ungefähr gehört unter den historischen goldverzierten Fassaden der Zunfthäuser an der Brüsseler Grand’ Place das Gebäude der „Belgian Brewers“ mit der Brüsseler Anschrift Grand-Place 10  zu den feinen Adressen. Dieser Kristallisationspunkt ist die institutionelle Heimat von mehr als 400 belgischen Brauereien mit über 1.600 unterschiedlichen Biermarken. Die meisten Brauereistandorte finden sich in Flandern. Die belgische Biertradition macht die DNA belgischen Selbstverständnisses aus und wurde 2016 von der Unesco als Weltkulturerbe ausgezeichnet.

Belgischer Gerstensaft: Kulturgut und Milliardenmarkt gleichermaßen

Auch wenn die belgische Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft unlängst im Viertelfinale am späteren Turniersieger Spanien scheiterte: Am Bierkonsum und Absatz belgischer Biere bis zum verpatzten Einzug ins Halbfinale kann es kaum gelegen haben. Ein neuer Trainer, der Niederländer Mark van Bommel, soll es nun richten. 

Die Geschäftszahlen der belgischen Bierindustrie sprechen für sich. Der Bierkonsum allein in Belgien unter Einheimischen und Millionen Touristen aus aller Welt summiert sich jährlich auf rund 7 Millionen Hektoliter. Mehr als doppelt soviel belgischer Gerstensaft geht in den weltweiten Export. 2023 waren es 16,4 Millionen Hektoliter. Über den Daumen gepeilt, stillt knapp ein Drittel der Bierproduktion den heimischen Durst und rund 70 Prozent gehen in den Export.

Die Anzahl der gelisteten eigenständigen Brauereien belief sich nach Branchenangaben  im Jahr 2024 auf 430. Die Investitionen der belgischen Bierbrauer beziffert die Brauergilde für dasselbe Jahr auf 267 Millionen Euro. Dies sichert derzeit 6.866 Beschäftigten in den Brauereien und Abfüllanlagen ihre Jobs. Weitere rund 50.000 Arbeitsplätze fallen in den nachgelagerten Dienstleistungen der Speditions- und Logistikbranche an.

Nach einer Marktbereinigung und Konzentration und dem Verschwinden einiger familiengeführter Brauereien in den neunziger Jahren haben sich insbesondere seit  der Jahrhundertwende junge Brauer mit innovativen Bierstilen im Segment „Crafts Beer” mit neuen Sorten am Markt etabliert. Dennoch befindet sich der europäische Biermarkt mit jährlich zwei Prozent Rückgang auf Schrumpfkurs.

Leichtbiere und alkoholfreie Gersten-Kreationen auf dem Vormarsch

Gesundheitsbewusste Angehörige der sogenannten Generation oder Gen Z der Geburtsjahrgänge 1995 bis 2010 legen nicht nur großen Wert auf ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit („Work-Life-Balance”), mentale Gesundheit und Flexibilität, nicht zuletzt im Homeoffice – und weniger auf die berufliche Karriere und Überstunden. Damit geht auch im Brauwesen eine radikale Konsumänderung einher.

Der Pfad der Zukunft heißt Leichtbiere mit wenig Kalorien und wenig Alkohol oder am besten gleich 0,0 Promille Alkohol.  Die flämische Universitätsstadt Löwen ist mit ihrer Biertradition seit dem Mittelalter heute ein Kristallisationspunkt für die Erforschung neuer Brautechniken für Leicht- sowie alkoholfreie Biere. So lässt die örtliche Traditionsbrauerei Stella Artois durch Vakuumdestillation ihre Biere für den Markt alkoholfrei umwandeln. Der Bier-Papst der belgischen Wissenschaftslandschaft an der KU Löwen ist Professor Kevin Verstrepen.

KU Löwen revolutioniert belgische Bierherstellung

Verstrepen erforscht an der Universität und am VIB-Zentrum für Mikrobiologie alkoholfreie Biere in Kooperation mit AB InBev. In kühler Nüchternheit und mit riesigen Edelstahltanks schickt er sich an, die Genetik von Bierhefen zu revolutionieren. Er züchtet mit seinem Nachwuchsteam mit Hilfe von Robotern tausende neuer Hefestämme. Das Ziel: sie sollen Aromen bilden, aber keinen Alkohol erzeugen. 

Die Biersorten und -stile der Zukunft werden auch von Künstlicher Intelligenz mit geprägt, um Geschmacksrichtungen und Aromen zu analysieren und  auf den Markt bringen zu können.  In Löwen werden neue unkonventionelle Hefestämme gezüchtet, die keinen Malzzucker verarbeiten oder Alkoholkonzentrationen stark einschränken. 

So werden mit Hilfe einer robotergestützten neuartigen Methode Millionen neuer Hefevarianten im Labor gekreuzt und getestet, um die besten Eigenschaften für den Geschmack zu isolieren.

Unter Leitung von Verstreppen entwickeln seit 2024 belgische Wissenschaftler KI-Modelle, die vorhersagen können, wie ein bestimmtes Bier von den Verbrauchern bewertet wird und welche Aromastoffe die Brauer hinzufügen können, um es auf den Markt bringen zu können. Eine revolutionäre Entwicklung neuer Produkte in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie ist damit eingeläutet.

Zukunftsmusik? Nein, schon Realität:  Bier aus eigenem Drucker

Ein belgisches Start-up ist mit der Entwicklung eines „Bier-Druckers“ für den Hausgebrauch beschäftigt. In Zeiten von 3D-Drucken lässt sich viel, bisher für unmöglich gehalten, auf Knopfdruck herstellen – auch Bier. Das junge Unternehmen an der Schelde hat etwas Unglaubliches zusammengebraut. Mit einer bahnbrechenden Neuerung und innovativer Rezeptur hat das in Antwerpen ansässige Start-up Bar.on. mit einem sogenannten One Tap ein kühles Biergetränk aus dem Kühlautomaten-Drucker entwickelt.

Die ehrbare Ritterschaft der Brauergilde mit ihren bodenlangen roten Roben und über Jahrhunderte gepflegten belgischen Biertraditionen hat derzeit ein ganz anderes Ziel vor Augen. Das „Year of Belgium Beer 2030“ zum 200-jährigen Jubiläum der belgischen Nation soll nicht nur auf der Grand’ Place, sondern weit darüber hinaus zum Europäischen Bierfest der Superlative werden. 

Na dann, Prost! Es leben Hoegaarden und mein bevorzugtes Witbier – nicht nur den ganzen Sommer 2026 über.

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