
Eine Studie des EU-Ministerrats zeigt Veränderungen der Brüsseler Presselandschaft auf
Von Michael Stabenow
Brüssel, Hauptarbeitsort der EU-Institutionen und der Nato, ist nach wie vor ein Tummelplatz für Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt. 917 festangestellte Redakteure und freie Mitarbeiter waren im Februar dieses Jahres bei den EU-Einrichtungen akkreditiert – weit weniger als im Jahr 2014, als noch 1310 Journalisten über den von Europäischer Kommission, EU-Parlament und EU-Ministerrat gemeinsam vergebenen gemeinsamen Zugangsausweis verfügten. In den vergangenen Jahren hat sich die zwischen 2014 und 2018 drastisch gesunkene Anzahl jedoch relativ konstant zwischen 800 und 900 gehalten.
Diese Statistiken finden sich in einer jetzt vom Generalsekretariat des EU-Ministerrats veröffentlichten und unter maßgeblicher Beteiligung eines Teams unter Leitung der an der Universität Wien tätigen Kommunikationswissenschaftlerin Sophie Lecheler erstellten Studie. Die Untersuchung beruht insbesondere auf den Antworten von 143 Journalistinnen und Journalisten auf einem umfangreichen Fragenkatalog.
Bereits 2022 hatte es eine erste, ebenfalls vom Wiener Team federführend erstellte und auf einer entsprechenden Umfrage unter dem bei den EU-Institutionen akkreditierten Pressekorps beruhenden Umfrage gegeben, über die Belgieninfo berichtet hat. Die neue Studie trägt den Titel „Live from Brussels II – Changing Dynamics of the Brussels Press Corps”. Sie zeigt – insbesondere auf der zunehmenden Digitalisierung beruhende – Veränderungen, aber auch Konstanten der Brüsseler Korrespondentenlandschaft auf.
Aus den Antworten geht hervor, dass sich unverändert eine große Mehrheit der Korrespondenten als „Generalisten“ versteht, die nicht nur über eine breite Palette von EU-Themen, sondern in nicht wenigen Fällen auch über die Nato sowie Belgien und die Nachbarländer Niederlande und Luxemburg berichten. Das Durchschnittsalter der in Brüssel akkreditierten Journalisten liegt bei 45 Jahren. Auch wenn der eine oder andere bereits seit Jahrzehnten aus Brüssel berichtet, bleibt derzeit über die Hälfte der Korrespondenten weniger als fünf Jahre im Umkreis der EU-Institutionen auf Posten.
Der Anteil von Frauen auf den EU-Akkreditierungslisten ist zuletzt weiter gestiegen. Nach wie vor sind jedoch Männer mit einem Anteil von zuletzt 59 Prozent gegenüber 63 Prozent im Jahr 2020 klar in der Mehrheit. Gut 25 Prozent der akkreditierten Korrespondenten haben die belgische, zwölf Prozent die französische, zehn Prozent die deutsche sowie neun Prozent die italienische Staatsangehörigkeit. Die Anzahl der in Brüssel vertretenen deutschen Medien ist seit 2020 von 44 auf 40 gesunken.
Einen tiefen Einschnitt hat es bei der Zahl von Journalisten mit britischer Staatsangehörigkeit gegeben. Ihr Anteil ist – als Folge des Brexits – von zehn auf vier Prozent gesunken. Mitarbeitende von klassischen Zeitungen (gedruckt und „online“) stellen mit einem Anteil von 28 Prozent (drei Prozentpunkte weniger als 2020) das größte Kontingent. Der Anteil der Fernsehjournalisten ist von 16 auf 23 Prozent gestiegen. Erstaunlich ist, dass der Anteil der für allein online veröffentlichenden Medien arbeitenden Journalisten mit 17 Prozent konstant geblieben ist.
Dies ist umso überraschender, als die Umfrage die wachsende Bedeutung der Digitalisierung und die damit für die Medien einhergehenden Chancen und Risiken aufzeigt. Schon in der 2022 erschienenen Studie wurde die wachsende Bedeutung der sozialen Medien thematisiert. Vier Jahre später zeigt sich, dass Online-Plattformen wie WhatsApp und Signal aber auch X (ehemals Twitter) und Bluesky bei der Informationsbeschaffung eine erheblich wichtigere Stellung eingenommen haben.
Mit diesem ersten in der Studie aufgezeigten Trend in enger Verbindung steht eine zweite Entwicklung: der Umgang mit Desinformation sowie die Verantwortung von Journalistinnen und Journalisten bei der Überprüfung und Einordnung von Informationen. Eine dritte, im Vergleich zu 2022 entscheidende Verschiebung bei der Arbeit Brüsseler Korrespondenten ist der Einsatz künstlicher Intelligenz (KI). „Sorgen über Desinformation und KI haben Einfluss darauf, wie Journalisten in vielerlei Hinsicht arbeiten, auch in Brüssel“, heißt es in der Studie.







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