
Von Rainer Lütkehus
Der Hafen Antwerpen entwickelt sich seit zwei Jahren zu einem der wichtigsten Knotenpunkte (Hubs) in Europa für das Treibhausgas Kohlendioxyd (CO₂). Für den Hafen von Antwerpen-Zeebrugge ist die Abtrennung und Speicherung von CO₂ (Carbon Capture and Storing, CCS) von strategischer Bedeutung, denn ohne CCS droht die Wettbewerbsfähigkeit der chemischen Industrie am Standort Antwerpen langfristig zu sinken. Immerhin beherbergt der Hafen den größten integrierten Chemie-Cluster Europas. Deshalb fällt dort bei der Produktion von chemischen Erzeugnissen viel CO₂ an. Das kann aber nur abtransportiert werden, weil Belgien selbst kaum geeignete geologische Formationen zu dessen Speicherung besitzt. Das ist der Grund, warum das Land voll auf eine CO₂-Transportinfrastruktur und den Export von Kohlendioxyd setzt.
CO₂ abscheiden, sammeln und in Länder mit Untergrundspeichern exportieren
Erst vor wenigen Tagen hat die EU-Kommission eine belgische Staatsbeihilfe in Höhe von 260 Millionen Euro an Air Liquide Large Industry und BASF Antwerpen für ein Projekt im Hafen Antwerpen genehmigt. Das gemeinsame Projekt dieser beiden Unternehmen (“Kairos@C”) zielt darauf ab, eine integrierte, grenzüberschreitende CCS-Wertschöpfungskette im industriellen Maßstab zu schaffen. Die soll dazu führen, dass innerhalb von 15 Jahren rund 20 Millionen Tonnen Netto-Treibhausgasemissionen vermieden werden. „Dieses innovative Projekt wird es den Begünstigten ermöglichen, kohlenstoffarmen Wasserstoff und kohlenstoffarmes Ammoniak zu produzieren“, heißt es bei der EU-Kommission. Das Projekt ist eines der größten seiner Art weltweit. Es kombiniert die Abscheidung von CO₂ aus verschiedenen Produktionsprozessen, etwa solchen für Wasserstoff, oder Ethylenoxid, das zur Herstellung anderer Chemikalien verwendet wird, mit der Verflüssigung von CO₂ für dessen Export.
Bei einem anderen Projekt geht es um den Bau einer Sammelinfrastruktur für CO₂. Dieses Projekt (“Antwerpen@C”) wird von einem Konsortium aus Air Liquide, BASF, ExxonMobil, Shell und weiteren Partnern durchgeführt. Das CO₂ wird von Industrieanlagen verflüssigt, gesammelt und anschließend per Schiff oder Pipeline zu den großen Speichern in Norwegen (Northern Lights) oder Dänemark transportiert. Belgien hatte dafür bilaterale Verträge mit diesen beiden Ländern unterzeichnet. Sie bieten günstige geologische Bedingungen unter der Nordsee – insbesondere erschöpfte Gasfelder. Ziel ist es, bis 2030 jährlich rund 10 Millionen Tonnen CO₂ dorthin zu exportieren.
Deutsch-belgische „CO₂-Autobahn“ wird konkreter
Auch der belgische Gasfernleitungsnetzbetreiber Fluxys nimmt an der CCS-Wertschöpfungskette teil. Er baut gerade ein landesweites CO₂-Kernnetz. Das Netz soll industrielle Zentren wie Gent und Lüttich mit dem Hafen von Antwerpen verbinden. Es gibt auch fortgeschrittene Pläne mit dem deutschen Fernleitungsnetzbetreiber OGE, dieses Netz an das deutsche CO₂-Netz anzuschließen. Dann könnten auch deutsche Industrieemissionen über Belgien exportiert werden. Beide Fernleitungsnetzbetreiber planen den Bau einer rund 220 Kilometer langen Pipeline zwischen Eynatten (Ostbelgien) und Scholven (Gelsenkirchen). Das Projekt “Ruhr-Belgium-Nordsea” kurz “Ruhbens” zielt darauf ab, abgeschiedenes Kohlendioxyd aus industriellen Prozessen im Ruhrgebiet per Pipeline zu Speicherstätten zu transportieren, etwa unter der Nordsee.
Öl- und Gasindustrie in der Pflicht
Es hat auch rechtliche Gründe, warum zurzeit viel bei CCS unternommen wird. Denn die EU hat im Mai 2024 die Netto-Null-Industrie-Verordnung (Net Zero Industry Act, kurz NZIA) verabschiedet. Die Verordnung enthält unter anderem ein rechtsverbindliches Ziel von mindestens 50 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr an unterirdischer Injektionskapazität bis 2030. Und hierfür soll die Öl- und Gasindustrie zur Verantworung gezogen werden, von der viele Unternehmen in Antwerpen tätig sind. Dazu hat die EU-Kommission im Mai 2025, wie im NZIA vorgesehen, 44 in der EU tätige Öl- und Gasproduzenten verpflichtet, anteilig zur jährlichen CO2-Einspeicherkapazität von 50 Millionen Tonnen beizutragen. Die Beiträge werden auf Basis der Öl- und Gasförderung in den Jahren 2020 bis 2023 ermittelt. Die Liste betrifft hauptsächlich Unternehmen, die während dieser Zeit pro Jahr mehr als eine bestimmte Menge (610 Kilotonnen Öläquivalent) produziert haben.
Einige Unternehmen, darunter Exxon Mobil und Shell, haben inzwischen vor dem europäischen Gericht (EuG) in Luxemburg Klage dagegen eingereicht. Sie fordern, den Beschluss der EU-Kommission mit den Mengenvorgaben für nichtig zu erklären.
Das Problem für die Unternehmen ist die unbedingte Verpflichtung, in CO2-Speicherkapazität zu investieren, ohne dass dafür ein Geschäftsmodell besteht. Zudem besteht die Verpflichtung auch, wenn sie in ihren eigenen ehemaligen Lagerstätten nicht umsetzbar ist. Für die Unternehmen besteht ein wirtschaftliches Risiko, da die Nicht-Erfüllung mit einer Strafzahlung verbunden ist.







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