
Von Reinhard Boest
In Zeiten der Haushaltskonsolidierung haben es neue Verkehrsprojekte schwer.
Leidliche Erfahrungen in Lüttich und Brüssel
Diese Erfahrung hat man in Lüttich gemacht. Dort sind drei Viertel der Nutzer der neuen Tram neun Monate nach ihrer Eröffnung zufrieden; eine – ursprünglich vorgesehene – Verlängerung bis Herstal im Osten und Seraing im Westen wurde aber von der seit 2024 amtierenden Regionalregierung aus Liberalen (MR) und Zentristen (“Les Engagés”) schon im Zuge einer der ersten Sparmaßnahmen gekippt.
In Brüssel könnte – wenn es denn irgendwann doch noch eine neue Regionalregierung gibt – der neuen Metrolinie 3 in den Norden der Stadt ein ähnliches Schicksal drohen. Die zunehmend aus dem Ruder gelaufenen Kosten sind für die in einer tiefen Haushaltskrise steckenden Region Brüssel-Hauptstadt kaum noch zu stemmen. Schon seit vielen Monaten ruhen die Arbeiten. Vor allem Anlieger der Avenue Stalingrad, die seit Beginn der Arbeiten im Frühjahr 2020 unter der Baustelle leiden (wenn sie nicht schon lange aufgegeben haben), werden sich fragen, ob sie noch weitere Jahre mit einer offenen Baugrube und einer halb fertigen Metrostation (“Toots Thielemans”) leben müssen.
In Flandern trifft es die Sneltram
In Flandern wurde jetzt ein weiteres Verkehrsprojekt mehr oder weniger klammheimlich, jedenfalls ohne großen öffentliche Aufschrei, beerdigt. Es handelt sich um die Stadtbahnlinie (“Sneltram“), die entlang der Autobahn A 12 (Brüssel – Antwerpen) in der Provinz Flämisch-Brabant die Stadt Willebroek mit dem Brüsseler Norden verbinden sollte, mit Zwischenhalten in Londerzeel, Wolvertem, Meise und Strombeek-Bever.
Mit einer Fahrtzeit von 35 Minuten sollte die Tram 40 Minuten schneller sein als die bestehenden Busverbindungen und so den Umstieg für Pendler attraktiv machen, die täglich lange im Stau in und um Brüssel feststecken. Vor ziemlich genau zwei Jahren wurden die Planungen unter der damaligen Verkehrministerin Lydia Peeters von den flämischen Liberalen (Open VLD) konkret, im Jahr 2028 sollte die erste Tram fahren.
Auch die flämische Region will sparen
Vor einigen Tagen verkündete die regionale Verkehrsministerin Annick De Ridder von den flämischen Nationalisten (N-VA) im Regionalparlament nun die Beendigung des Vorhabens. Schon im Juni 2025 hatte sie das Projekt vorläufig eingefroren, sehr zum Unwillen ihrer Brüsseler Amtskollegin Elke Van den Brandt von den flämischen Grünen (Groen). Zur Begründung verwies De Ridder auf die Kosten, die auf rund 450 Millionen geschätzt wurden. Etliche Millionen sind allerdings schon für Planungen und Grundstücksankäufe ausgegeben worden.
Man werde jetzt Alternativen prüfen. Genannt werden gesonderte Busspuren und ein Schnellweg für Fahrräder entlang der Autobahn. Ein solcher “fietssnelweg” ist ohnehin Teil des flämischen Verkehrskonzepts für das Brüsseler Umland (“Werken aan de ring”). Zwischen Grimbergen und Meise sind einige Kilometer des “fietssnelwegs F 28” seit Herbst 2019 fertig; ansonsten befindet sich das Projekt in der Planungsphase. Als wirkliche Alternative kommt der Radweg aber wohl angesichts der Gesamtstrecke kaum in Frage; gedacht war er bisher vor allem als Zubringer zu der geplanten Tram.
Finanzielle Probleme hatten das Tramprojekt schon in der Vergangenheit aufgehalten. Die an der Strecke liegenden Gemeinden wollten sich an den Kosten nicht beteiligen. Als Mitte 2023 die damalige Regionalregierung die volle Übernahme der Kosten zugesagt hatte, schien dieser Widerstand überwunden. Aber jetzt zeigt sich, dass es offenbar nicht nur um Geld ging.
Aber es liegt nicht am Geld allein
Wie die Zeitungen “De Standaard” und “Le Soir” berichten, kritisierte Ministerin De Ridder, dass die Tram nicht bis ins Brüsseler Zentrum führen, sondern nur in Heysel an die Tramlinien der Brüsseler Nahverkehrsgesellschaft STIB/MIVB anschließen sollte. „Es gab Unklarheiten über den Brüsseler Teil des Projekts und zu wenig Unterstützung seitens der lokalen Behörden“, sagte sie. Die verkürzte Variante sei für Nutzer aus dem Umland nicht attraktiv.
Mindestens genauso wichtig ist aber anscheinend die Befürchtung, dass die Gemeinden mit einer guten Verkehranbindung als Wohnsitz für Brüsseler zunehmend interessant werden. “Schon jetzt sehen wir immer mehr Kinder in unseren Schulen, die schlecht Niederländisch sprechen, und die Zahlen nehmen zu. Das macht unseren Bürgerinnen und Bürgern Angst”, zitiert “De Standaard” die Bürgermeisterin von Londerzeel, Nadia Sminate. In gleichem Sinn äußert sich ihre Kollegin aus Meise, Gerda Van den Brande: „Viele Leute sagen: Wir fahren nach Brüssel, aber wer kommt dann hierher?“ Beide Bürgermeisterinnen, die wie die Ministerin der N-VA angehören, zeigten sich erleichtert, dass die Tram nicht kommt.
Bedauernd äußerte sich dagegen der Bürgermeister von Willebroek, Eddy Bevers (ebenfalls N-VA). “Jetzt fangen wir mit unseren Mobilitätsproblemen wieder bei Null an”, sagte er der “Gazet van Antwerpen”.
Gegenseitiges Misstrauen behindert eine abgestimmte Verkehrspolitik
Der Fall ist ein weiteres Beispiel für die Schwierigkeiten, an denen ein umfassendes Verkehrskonzept für die Metropolregion Brüssel immer wieder scheitert. Die für die Verkehrsplanung zuständigen Regionen scheinen sich wenig bis gar nicht untereinander abzustimmen. Das gilt etwa für die flämischen Planungen zum Ausbau des Brüsseler Autobahnrings, eine Citymaut für Brüssel oder aber einen Verbund zwischen den öffentlichen Verkehrsmitteln in und um Brüssel mit einheitlichen Tarifen und abgestimmten Linienplänen.
Es zeigt sich aber auch, wie Brüssel bei einigen politischen Vertretern im flämischen Umland wahrgenommen wird, nämlich eher als Bedrohung denn als Partner. Dieses gegenseitige Misstrauen spielt offensichtlich auch bei den jetzt seit mehr als anderthalb Jahren andauernden, immer noch erfolglosen Verhandlungen über eine Brüsseler Regionalregierung ständig mit.
Eine andere flämische Tram im Brüsseler Umland könnte dagegen vielleicht doch noch Realität werden: die “Luchthaventram” zwischen dem Sitz der NATO in Evere und dem Flughafen Zaventem als Verlängerung der bestehenden Tramlinie 62. Die Arbeiten sollen im Februar 2026 mit einer kombinierten Tram/Radweg-Brücke über den Autobahnring beim Kreuz Sint-Stevens-Woluwe beginnen und 2030 abgeschlossen sein.







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