
Von Michael Stabenow
Wie schön, dass 2025, bei allem Spektakel auf der politischen Bühne im belgischen Alltag so vieles beim Alten geblieben ist! Hunde und ihre Besitzer trotzen weiter unbeeindruckt dem nicht zu übersehenden Schilderwald mit dem Gebot, die Vierbeiner stets an der Leine zu führen. An Weges- und Straßenrändern häufen sich weiter mehr oder weniger achtlos weggeworfene Getränkedosen und Pappbecher. Und im Autoverkehr erweist sich beim Abbiegen das Betätigen des Blinkers weiter oft als zu lästig.
Das Festhalten an vertrauten Gewohnheiten muss doch beruhigend sein in einem Jahr, in dem die seit Februar amtierende Arizona-Koalition aus Sorge um die Staatsfinanzen den Rotstift gezückt hat und den Bürgerinnen und Bürgern hier und da das Geld aus der Tasche ziehen will. Das geht so weit, dass für die Nationalspeise Fritten, so sie denn an der Bude abgeholt wird, der fällige Mehrwertsteuersatz demnächst auf 12 Prozent verdoppelt wird. Aber das Geschehen auf der politischen Bühne Belgiens und seine großen sowie kleinen Folgen für die Bürgerinnen und Bürger sollen für uns zum Ausklang des Jahres eigentlich kein Thema sein.
Schließlich gibt es auch so genug Grund, sich über manche Gewohnheiten in Belgien zu wundern. Typisch belgisch? Als wir dieser Tage unser Auto am Waldrand in Tervuren ordnungsgemäß auf einem der vielen verfügbaren Parkplätze abgestellt hatten, staunten wir nicht schlecht, als auf der gegenüberliegenden Seite eine schmucke Jaguar-Limousine vorfuhr. An der Stelle, die als Wendeplatz dient und wo ein nicht zu übersehendes großes Parkverbotsschild prangt, kam das Gefährt zum Stehen – genaugenommen ein paar Meter weiter. Eine unvermittelt zur Rangiergehilfin mutierte Mitfahrerin entstieg, der Rückwärtsgang wurde eingelegt. Und das Fahrzeug wurde so, ehe es an den Pfahl mit dem Verbotsschild stoßen konnte, millimetergenau geparkt. Der Spaziergang konnte beginnen, der Jaguar blieb im Parkverbot stehen.
Nun sind wir aus dem belgischen Alltag manches gewohnt – aber da mussten selbst wir uns ein wenig wundern. Dass in die Pedale tretende Zeitgenossen auch dort, wo beiderseits einer Straße Radwege verlaufen, gerne entgegen der offiziellen Fahrtrichtung verkehren – geschenkt! Dass viele Fußgänger sich auf Radwegen in der Fahrtrichtung bewegen, muss auch seine Gründe haben. Vielleicht können sie es kaum erwarten, das Geklingel heransausender Radler zu hören und zur Seite zu springen. Aber Geklingel? Wer mit dem Rennrad anderen und sich selbst imponieren will, verzichtet oft auf die das Gesamtgewicht erhöhende und die Leistung von Fahrer sowie Rad mindernde Klingel und zieht es stattdessen vor, sich mit einem kurzen Schrei Gehör und ungehinderte Durchfahrt zu verschaffen.
Das alles ist doch nicht typisch belgisch, werden Sie zu Recht einwenden. Aber diese Erkenntnis hilft jetzt nicht viel weiter. Wir leben schließlich nicht an der Riviera oder in Andalusien – Belgien ist unser Kosmos. Und noch etwas. Dass man, wie es hierzulande so schön heißt, “präventiv” Unmengen von Salz auf Fahrbahnen streut, auch wenn weit und breit keine Flocke heruntergeschneit kommt – so etwas kann es an der andalusischen Küste eigentlich schon deshalb nicht geben, weil “Winter” dort ein Fremdwort ist.

Und wo streikt die Feuerwehr ausgerechnet an Silvester? Nein, nicht in Malaga oder San Remo, sondern in Brüssel. Es mangele an Personal, wird der Ausstand begründet. Aber Belgien wäre nicht Belgien, endete der Streik nicht schon mittags um 12 Uhr – zwölf Stunden, ehe es auch in Brüssels Straßen wieder knallen dürfte. Knallen dürfte? Privatleuten ist es doch in Brüssel untersagt, Feuerwerkskörper zu zünden. Das Böllerverbot gilt nicht nur für die Hauptstadt, sondern für einen Großteil des Landes.
All dies ändert aber nichts daran, dass pyrotechnisches Gerät in Belgien weiter frei verkäuflich ist. Und Hand aufs Herz: wer hortet schon freiwillig solcherlei hochexplosive Produkte, ohne die Probe aufs Exempel machen und sie zu zünden zu wollen? Aus der Regierung wird zu bedenken gegeben es, ein Verbot sei schon mit Rücksicht auf das Gebot des freien Warenverkehrs in Europa problematisch. Aber da begeben wir uns unweigerlich auf die politische Bühne – etwas, was wir an diesem Tag eigentlich tunlichst vermeiden wollen. So belassen wir es jetzt lieber in den drei Landessprachen bei “Bonne année”, “Gelukkig nieuwjaar” und “Gutes neues Jahr”!







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