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„Tacheles“ – Jüdisches Leben in Sachsen

Von Reinhard Boest

„Tacheles“ – mit diesem aus dem Jiddischen stammenden Wort verbindet man gewöhnlich „Klartext reden“. Aber es steht für viel mehr: Freie Meinungsäußerung, offene Gespräche und Diskurse, ein Dialog auf Augenhöhe.

Ein passender Titel also für das „Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen“, das im Freistaat 2026 begangen wird, genau 100 Jahre nach der Gründung des ersten sächsischen Landesverbandes der jüdischen Gemeinden. Unter dem Motto “Jüdisch – Sächsisch – Mentshlich” gibt es seit dem 14. Dezember 2025 – dem Chanukka-Fest – Projekte, Veranstaltungen und Ausstellungen in ganz Sachsen, mit denen die reichhaltige jüdische Kultur und Geschichte in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Landes zugänglich gemacht werden.

Mit der Veranstaltung „Jüdisches Leben in Sachsen – eine musikalisch-literarische Annäherung“ stellte die EU-Vertretung des Landes am 6. Oktober diese bemerkenswerte Initiative dem Brüsseler Publikum vor, das der Einladung zahlreich gefolgt war.

Nach der Begrüßung durch den Leiter der Vertretung, Kai Mindel, kamen die Koordinatorin für die Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens der Europäischen Kommission, Katharina von Schnurbein, sowie Anja Lippe, die Projektleiterin „Tacheles“, zu Wort. Im Mittelpunkt des Abends stand eine musikalisch umrahmte Lesung aus dem Buch „Jüdisches Sachsen – 99 besondere Geschichten“ des 2024 viel zu früh verstorbenen Henner Kotte. Den Abschluss bildete ein Gespräch mit dem Beauftragten der Sächsischen Staatsregierung für das Jüdische Leben, Thomas Feist.

Katharina von Schnurbein übt ihr Amt bei der Kommission seit über zehn Jahren aus. Sie stellte heraus, dass ausgerechnet  am Vorabend des 7. Oktober, jenem Tag, an dem sich der Überfall der islamistischen Hamas auf ein Festival und mehrere Dörfer im Süden Israels zum dritte Mal jährt, erstmals nach dem Ende des zweiten Weltkriegs mit der Wahl des AfD-Abgeordeten Tobias Rausch zum Präsidenten des Landtags von Sachsen-Anhalt ein rechtsextremer Politiker in Deutschland wieder in ein hohes Amt gekommen sei.

Seit dem 7. Oktober 2023 habe sich die Situation jüdischer Menschen in der ganzen Welt verschlechtert, beklagte von Schnurbein. Auch in Brüssel hätten sie immer mehr Angst, als Jüdinnen oder Juden erkannt zu werden, nicht nur in der Öffentlichkeit, insbesondere in einigen Gemeinden, sondern sogar bei der Arbeit im Kollegenkreis. Die europäische Integration als Antwort auf Krieg und auch auf den Holocaust stehe unter Druck, sie sei – wie die Demokratie – davon abhängig, dass sich die Menschen stetig dafür engagierten. Für den Kampf gegen Antisemitismus könne die EU nur einen Rahmen und Hilfestellung geben; die eigentliche Arbeit müsse aber auf der regionalen und lokalen Ebene erfolgen. Dafür sei „Tacheles“ ein herausragendes Beispiel, meinte die Koordinatorin für die Bekämpfung des Antisemitismus.

“Tacheles”-Projektleiterin Anja Lippe zeichnete die Vorgeschichte des Themenjahres nach, die auf das Jahr 2024 zurückgeht. Damals sei es auch um die Frage gegangen, ob es in Sachsen ein jüdisches Museum geben sollte, um die reiche Geschichte zu veranschaulichen. Letztlich habe man sich entschieden, statt einer ortsfesten Einrichtung den Reichtum jüdischen Lebens im ganzen Land zu zeigen, also dort, wo es stattgefunden habe und auch heute wieder anzutreffen sei, „von Annaberg-Buchholz bis Zittau und von Ausstellung bis Zirkus“. Sei man ursprünglich von 365 Veranstaltungen ausgegangen, also einer pro Tag, sei man inzwischen bei 1500 Terminen – darunter dem „westlichsten“ hier in Brüssel.

Auch Lippe zeigte sich besorgt über den Anstieg antisemitischer Vorfälle in Sachsen. Sie erinnerte etwa an die von der CDU und der AfD getragene Entscheidung des Stadtrats von Heidenau, die Stolpersteine in der Stadt zu entfernen und stattdessen ein Mahnmal – nicht nur für die jüdischen Opfer – auf dem gemeindlichen Friedhof zu errichten. Gerade die Stolpersteine seien ein häufiges Ziel von Übergriffen. Nicht nur würden regelmäßig Blumen entfernt oder gleich die Steine selbst; manche Menschen parkten auch ihr Auto gezielt über einem Stein. Die Veranstalter seien ständig mit der Polizei in Kontakt, um die Aktivitäten zu sichern. Von größeren Übergriffen sei man aber verschont geblieben, berichtete Lippe. Vor der Sachsen-Vertretung in Brüssel waren übrigens nur zwei Männer einer privaten Sicherheitsfirma anwesend – und keine Demonstranten.

Der Schauspieler Axel Thielmann nahm das Publikum mit auf eine literarische Reise durch Sachsen und die Schauplätze jüdischen Lebens – von der Zeit Ottos des Großen bis Viktor Klemperer kurz vor dem Untergang Dresdens im Februar 1945. Das Buch, aus dem er vorlas – „Jüdisches Sachsen – 99 besondere Geschichten“ – ist auch eine Art Reiseführer, denn es lädt dazu ein, besondere Orte zu besuchen.

In Erinnerung bleibt die Geschichte eines jungen Feuerwehrmanns, der in der Reichsprogromnacht am 9. November 1938 den Davidstern aus der brennenden Dresdner Synagoge – einem Schinkel-Bau – rettet und sie nach Kriegsende an die jüdische Gemeinde zurückgeben kann. Heute ziert der Stern wieder den Eingang der neu erbauten Synagoge.

Begleitet wurde die Lesung vom Kammerjazz-Ensemble „KlezzJazz“ mit Thomas Feist (Keyboard), Thomas Kempe (Saxophon) und Andreas Schemmel (Schlagzeug). Mit seiner Mischung aus Klezmer, Sinti Swing und Jazz riss es das Publikum mit. Als die Musiker den Swing-Klassiker „Bei mir bistu shein“ anstimmten, konnte kaum jemand ruhig sitzen bleiben.

Für das abschließende Gespräch mit Kai Mindel zog sich der Keyboarder Thomas Feist sein Jackett über und war jetzt der „Beauftragte der Sächsischen Staatsregierung für das Jüdische Leben“, ein Amt, das er seit 2019 ehrenamtlich ausübt. Er berichtete aus seiner eigenen Familiengeschichte, wie wichtig der Zusammenhalt sei. Sein Urgroßvater Albert Hirschfeld war einer der letzten jüdischen Rauchwarenhändler am Leipziger Brühl – bis 1933 eines der wichtigsten Zentren des Pelzhandels weltweit – und der einzige, der den KZ-Aufenthalt überlebte und nach Leipzig zurückkehrte. Feist unterstrich die große Bedeutung, die Jüdinnen und Juden über die Jahrhunderte für die wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Entwicklung Sachsens gehabt hätten. Es sei unermesslich, was man durch die Barbarei der Nationalsozialisten verloren habe. Heute jüdisches Leben zu ermöglichen, sei eine ständige Herausforderung. Am Ende der DDR lebten nur noch 40 jüdische Menschen in Sachsen, seither sei die Zahl durch Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion wieder auf 2000 gestiegen. Allerdings sei natürlich die Tradition ganz anders. Man solle aber die Erfolge nicht kleinreden. Das zeige sich auch an diesem Themenjahr, sagte Feist. Sein bescheidener Wunsch an die Staatsregierung sei, das „Tacheles“ eine nachhaltige Zukunft habe. Die anregende, aber auch sehr nachdenklich stimmende Veranstaltung in der sächsischen EU-Vertretung ging mit einem koscheren Büffet zu Ende.

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