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“Present, then silent” – Fred Eerdekens, eine Retrospektive

Von Anne Kotzan

Eins kann man Belgien nicht vorwerfen, und zwar, dass das kleine und so widersprüchliche Land keine guten Künstler hervorbringt. Der Limburger Fred Eerdekens gehört zweifelsohne zu denen, die auch international ihre Qualität bewiesen haben. Die Ausstellung im Cultuurcentrum Maasmechelen (CCMM) von alten, neuen und noch nie gezeigten Arbeiten ermöglicht es, in den Kosmos von Fred Eerdekens einzutauchen, und man wird etwas mitnehmen, keine Muschel, aber vielleicht einen Gedanken, ein Gefühl, einen anderen Blick.

Anfangs hat mich der Titel der vor gut einer Woche eröffneten Ausstellung „Gegenwärtig, dann schweigend“ von Fred Eerdekens irritiert, aber vielleicht fasst er eine Tatsache in nur drei Worten zusammen, und Sprache ist ein zentrales Element seines künstlerischen Schaffens. In Belgien hat er mit seiner Outdoor-Arbeit „Twijfelgrens“ (Zweifelgrenze) von 2011 in der Landschaft rund um Borgloon einen Standpunkt gesetzt. Das Werk ist ein überdimensionaler Schriftzug in von Rost überzogenem Stahl, der sich dem Betrachter als schwungvolle, verschnörkelte Linie zeigt, und seinen inhaltlichen Sprachschatz nur von einem einzigen Standpunkt aus offenbart. Doch erst jetzt, nach Ausstellungen unter anderem in New York, Paris und Genf, kehrt Eerdekens nach Limburg zurück mit einer Übersichtsausstellung in Maasmechelen. In seiner Heimat war er anwesend, aber international wurde er gehört. Gleichzeitig lassen die drei Worte auch andere Interpretationen zu, so die Beschreibung von Jemandem, der anwesend ist, aber nicht spricht, der stattdessen Worte zeigt.

Fred Eerdekens (geboren 1951) ist bildender Künstler und lebt und arbeitet in Hasselt. Er studierte Bildhauerei und Grafik am Provincial Higher Institute of Art and Architecturein Hasselt und war Professor an der PHL (heute: MAD Academy) in Hasselt und am HISK in Antwerpen. Seine Karriere wurde 2006 aufgrund eines schweren Autounfalls für fast vier Jahre unterbrochen. Die „Twijfelgrens“ war für ihn ein künstlerisches Comeback und zugleich der Moment, sich nach draußen zu bewegen, aus dem engen Zuhause in den weiten Raum einer Landschaft. Eine Grenze im freien Raum stimmt nachdenklich, persönlich, sozial, politisch, den Gedanken sind keine Grenzen gesetzt. Fred Eerdkens hat seine eigene Vision, zwingt sie aber dem Betrachter nicht auf.

Die Ausstellung besteht aus drei Teilen. Ein Raum ist eine Art Kupferstichkabinett mit Zeichnungen und Skizzen, aber alles auf Papier, erklärt Eerdekens. Im großen Saal sind aktuelle Werke zu sehen. Es sind nur drei Kunstwerke, aber sie sind sehr groß. Und dann gibt es einen Raum mit Werken aus der Zwischenzeit, die zwischen den alten Werken und den neueren Kunstwerken zu sehen sind.

Heute ist er weltweit bekannt für seine faszinierenden Skulpturen, in denen Sprache, Material, Licht und Schatten miteinander verschmelzen und interagieren. Er benutzt Wörter in seinen Skulpturen – zumeist aus Stahl, der als stark und nicht brechbar gilt. Doch erst Bewegung oder Licht und Schatten lassen das Wort erkennen. Manchmal sind es nur die Schatten an der Wand, die das Wort einer aufgehängten Skulptur – einer unentwirrbaren wie verkringelten Stahllinie – erhellen und lesen lassen, mal muss man sich um seine eigene Achse oder auch in der Umgebung bewegen, um Worte zu erkennen. In seinem Werk steht die Aufforderung, sich selbst und die Welt anders zu sehen. Er hinterfragt die Realität von Wort und Bild gleichermaßen. Und zugleich fordert er uns auf, andere Standpunkte einzunehmen, um zu verstehen, das Chaos, das Unverstehbare, uns selbst. Was immer vorhanden ist, sind Text und Sprache, sagt Eerdekens. In jedem Werk kommt mindestens ein Buchstabe vor, manchmal aber auch Textabschnitte oder ganze Gedichte. Die Sprache ist eigentlich der Rohstoff für meine Arbeit. Und durch das Nachdenken über Sprache entsteht die Form.

Die Ausstellung ist noch bis zum 6. März 2026 zu sehen. Informationen: https://www.ccmaasmechelen.be/nl/programma/fred-eerdekens

 

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