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Mut und Handeln prägten Konrad Adenauers politisches Wirken

Von Thomas A. Friedrich

Was können wir von Konrad Adenauer im heutigen Europa lernen? Zu dieser Fragestellung versammelte die Konrad-Adenauer Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Brüssel Wissenschaftler und Politiker zu einer Podiumsdiskussion. 

Der 150. Geburtstags des am 5. Januar 1876 als drittes von fünf Kindern in Köln zur Welt gekommenen und auf den Namen Conrad Hermann Joseph getauften langjährigen Oberbürgermeisters der Domstadt war mit Recht ein historischer Moment, die Leistungen des ersten deutschen Bundeskanzlers nach dem Zweiten Weltkrieg aus zeitgenössischem Blickwinkel zu würdigen.

Westbindung, Wohlstand, Verlässlichkeit Amerikas und Stabilität der deutschen Demokratie waren nach Ansicht des Historikers Tim Geiger vom Institut für Zeitgenössische Geschichte in München für Adenauer in den fünfziger Jahren des 20, Jahrhunderts die bestimmenden Koordinaten seines politischen Handelns.

„Die zentralen Fragen in Adenauers Europapolitik stehen heute erneut auf der Tagesordnung. Wie eng soll Europa zusammenarbeiten? Wieviel Eigenständigkeit braucht Europa gegenüber den USA? Muss Europa in Gänze wachsen oder können die Willigen alleine vorangehen? Wie kann Europa in einer Welt bestehen, in der die Großmächte wieder robuste Machtpolitik praktizieren?“ So umriss Geiger die zentralen Punkte der Weichenstellungen nach zwei katastrophalen Weltkriegen in den Gründertagen der Bundesrepublik Deutschland und im aktuellen europäischen Kontext.

Adenauer habe Europa nie als Selbstzweck verstanden, erläuterte der Historiker. Die Einigung Europas sei für den 1949 zum Bundeskanzler gewählten Christdemokraten vielmehr die multifunktionale Lösungsformel für vitale Probleme von Nachkriegs-Deutschland gewesen. Dabei seien die Westbindung der Bundesrepublik, die Überwindung des Nationalismus, das Verhältnis zu den USA und die Aussöhnung mit Frankreich die herausragenden spezifischen deutschen Interessen gewesen, so Geiger.

Was ein Düsseldorfer Politiker heute über das Kölner „Schlitzohr“ von damals denkt

Nathanael Liminski, NRW-Europaminister und Leiter der Düsseldorfer Staatskanzlei, ein gutes Jahrhundert – genau 109 Jahre – nach Adenauer in Bonn zur Welt gekommen, sieht als CDU-Politiker den „Alten“, wie er ihn liebevoll nennt, aus der historischen Rückschau als politische Figur, die heute aktueller denn je daherkomme.

In seiner Einführungsrede zitierte Liminski Adenauer mit einer fulminanten und zugleich verblüffenden Antwort im Interview mit Günter Gaus aus dem Jahre 1965. Auf die Frage des damaligen ZDF-Journalisten antwortete Konrad Adenauer in seinem letzten Fernsehinterview auf die Frage, was er in seinem persönlichen Leben und politischen Laufbahn am meisten bedauere? Da habe er ohne Zögern geantwortet: „Das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft in der Französischen Nationalversammlung im Jahre 1954“.

Adenauers Antwort auf die sowjetische Bedrohung war die Idee einer europäischen Armee

Angesichts des Koreakrieges von 1950 wurden in Europa erneut Ängste geschürt, mögliches Ziel eines sowjetischen Vorstoßes zu sein. Damit war die Frage aufgeworfen, inwieweit es Soldaten in Deutschland brauche, um Deutschland und Europa zu verteidigen. 

„Adenauers Antwort war nicht die nationale Armee. Adenauers Antwort war die europäische. Deutsche Soldaten in einer europäischen Armee, eingebettet in einer gemeinsamen Streitmacht, damit niemand sich in Europa vor deutschen Soldaten fürchten muss“, sei Adenauers Vision gewesen, erklärte Liminski.

Der Mann, der häufig in der Nachkriegs-Betrachtung als großer Freund Amerikas eingeordnet wurde, habe bis zuletzt der unvollendeten Vereinigung Europas nachgetrauert, resümierte Liminski.

Europa hat zu lange an prämienfreie Versicherung durch die USA geglaubt

Adenauer habe stets betont, so Liminiski, dass die amerikanische Hilfe nach 1945 eine große Tat gewesen sei, was Deutschland nie vergessen werde. „Und er wusste, dass Europa damals ohne amerikanischen Schutz verloren gewesen wäre”, sagte der CDU-Politiker.

Aber Adenauer habe auch gewusst, dass Dankbarkeit alleine keine Strategie sei. Schon ein Interview-Zitat von 1953 belege Adenauers Weitsichtigkeit in der Außenpolitik: „Wer sich versichern lassen will, der muss eine Prämie zahlen. Wer glaubt, Europa sei bei Amerika prämienfrei versichert, befindet sich in einem verhängnisvollen Irrtum“.

Wer seine Prämie schuldig bleibe, stehe am Ende ohne Schutz da. Dies habe Adenauer sehr genau gewusst. Und Liminski weiter. „Europa ist gut beraten, sich dies heute in Erinnerung zu rufen.“

„Wir müssen immer wieder aufs Neue vermitteln, warum Europa wichtig ist“

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, das politische Vermächtnis des ersten deutschen Nachkriegs-Kanzlers in Deutschland, Brüssel und der Welt wach zu halten. „Für die Generation Adenauers war nach der Erfahrung von zwei Weltkriegen die Notwendigkeit einer europäischen Einigung unmittelbar spürbar. Heute, 150 Jahre nach seiner Geburt, stehen wir vor einer anderen Herausforderung. Wir müssen immer wieder aufs Neue vermitteln, warum Europa wichtig ist, welche Werte uns verbinden und warum es sich lohnt, für den europäischen Zusammenhalt einzutreten“, sagte die Brüsseler Leiterin der Adenauer-Stiftung, Beatrice Gorawantschy. 

Einer der Politiker, für dessen Biographie der erste deutsche Bundeskanzler eine prägende Rolle gespielt hat, ist der langjährige luxemburgische Premierminister und späterer EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Er sagte jetzt: „Ich habe zu Adenauer ein Verhältnis, das der Tatsache geschuldet ist, dass ich. im Dezember 1954 geboren, in meiner Kindheit zwei Politiker kannte: Kennedy und Adenauer. Und auch De Gaulle, aber nur am Rande. Mein Vater hat immer nur von Kennedy und Adenauer geredet.“ Es gebe ja in den zahlreichen Adenauer-Anekdoten die Frage „Kennen Sie die beiden größten Staatsmänner unserer Zeit?“, auf die er geantwortet habe: „Ich, Kennedy“.

Und Juncker weiter: „Mir ist aufgefallen in der Durchsicht der Adenauer-Biographien, dass er an sich ein Staatsmann des 21. Jahrhunderts ist und nicht so sehr des 20. war. Er hat Prinzipien formuliert über das Zusammenwirken der europäischen Staaten, was er nunanciert über die USA zum Ausdruck gebracht hat, was er über das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich zu erzählen wusste. All das passt in unsere Zeit und ist höchst aktuell. Auch was er über das Verhalten der großen Blöcke sagte. Was er über Europa formulierte, sagte er mit Pragmatismus und auch mit viel Humor.” 

Humor sei eine Eigenschaft, die der Politik heutzutage weitgehend abgehe, fuhr Juncker fort und erläuterte: „ Adenauer war ein hervorragender rheinischer Witz zu eigen.”

Der luxemburgische Politiker erinnerte an einen Wortwechsel zwischen Adenauer und dem CSU -Abgeordneten Heinrich Aigner, der zunächst im Bundestag und dann im EU-Parlament Vorsitzender des Haushalts-Kontroll-Ausschusses war.

„Als Adenauer mit der Fraktion nach Brüssel kam – was öfter vorkam – ist Aigner aufgestanden und hat gesagt: Herr Bundeskanzler, Sie können nicht von uns verlangen, dass wir zu allem Ja und Amen sagen. Worauf Adenauer antwortete: Herr Kollege Aigner, es reicht wenn Sie Ja sagen“, erzählte Juncker schmunzelnd..

Deutsch-französische Aussöhnung: Meilenstein für die europäische Vertiefung

Einen besonderen Meilenstein Adenauer‘scher Politik stellt mit Sicherheit die Aussöhnung mit Frankreich und sein persönliches Verhältnis zu Präsident Charles De Gaulle dar. Doch die Annäherung zwischen Kanzler und Präsident war zunächst vom Scheitern der Europäischen Verteidigung Gemeinschaft (EVG) überschattet.

„De Gaulle hat ganz klar daran gearbeitet, dass die EVG scheiterte, weil er das Feld der Verteidigung nicht einer übergeordneten Macht (sprich Brüssel) überlassen wollte“, ordnete die Sorbonne-Professorin Hélène Mard-Delacroix vom Institut für zeitgenössische Zivilisation Deutschlands die Phase der Annäherung zwischen den historischen „Erzfeinden“ ein. Um einen Souveränitäts-Transfers zu verhindern, habe De Gaulle Verbündete unter den Kommunisten gefunden, die mit ihrem 20 Prozent-Stimmenanteil in der Nationalversammlung das EVG-Projekt zum Scheitern brachten.

Nicht zuletzt angesichts des enormen Zeitdrucks der Gegenwart richte sich die Konzentration der heutigen Politikergeneration auf ein kurzfristiges Mandat. Auf die Frage, welche Staaten heute tatsächlich zu einem Souveränitätsverzicht im Bereich der Verteidigung bereit seien, antwortete Mard-Delacroix: „Wir leben leider in einer Zeit der Rückkehr von Nationalismus. Es unser Drama, dass die europäischen Bürger immer weniger an gemeinsame Lösungen glauben und stattdessen nach nationalen Maßnahmen rufen.“ Die öffentliche Meinung in vielen EU-Staaten sei gespalten. Man liebe Europa. wolle aber vor allem Geld aus Europa zur Sicherung der Arbeitsplätze zu Hause einkassieren.

Die Moderatorin des Abend, die frühere Brüsseler ARD-Korrespondentin Helga Schmidt. zitierte den Bonner Adenauer-Biographen Hans-Peter Schwarz mit den Worten: „Wir sollten Adenauer nicht glorifizieren.“ Adenauer sei vor allem ein pragmatischer Taktiker gewesen und manchmal auch ein Schlitzohr.

Nach Einschätzung de Historikers Geiger hat Adenauer klar gesehen, dass er das Volk nicht austauschen könne und mit diesem Volk auskommen müsse. Dies erkläre, wie er auch alte nationalsozialistischem Kräfte in der Gesellschaft integriert habe. „Er musste mit diesem Volk zurecht kommen und eine neue deutsche Demokratie aufbauen und stabilisieren als autoritärer Patriarch“. erläuterte Geiger.

Adenauers Credo war es,  den Traum von der Einheit Europas in praktische Politik umzusetzen

Dennoch war die Maxime von Adenauer zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und ebenso nach dem Rückschlag der gescheiterten EVG-Initiative unumstößlich: „Die Einheit Europas war ein Traum, sie wurde eine Hoffnung für viele und ist heute eine Notwendigkeit vor allem,“ zitierte Julia Sattler vom Goethe-Institut Brüssel als Resümee des Abends die ungebrochene Aktualität von Adenauers Europa-Vision und -Politik.

Keine Frage: Die anregende zweistündige Diskussion bot reichlich Anregung für die rund 200 geladenen Gäste, beim anschließenden Meinungsaustausch die aufgeworfene Dimension Adenauer‘scher Europa-Politik mit den Realitäten der EU 27 zu spiegeln.

 

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