
Von Heide Newson
Ich dachte stets, dass Straßen zum Fahren und Bürgersteige zum Gehen da seien. Weit gefehlt. An den Teichen von Ixelles, genauer in der Avenue des Klauwaerts, wo ich seit etlichen Jahren wohne, werde ich seit etwa zwei Jahren eines Besseren belehrt. Aus einer wunderschönen, von Kastanienbäumen gesäumten Einbahnstraße, wo vor einigen Jahren die Gänse gemächlich über die Straße flanierten und mich vor meiner Haustür freundlich anschnatterten, ist ein Experimentierfeld für die belgische Kompromisslosigkeit beim Aufreißen von Asphalt und Kopfsteinplaster geworden.
Aktueller Hauptdarsteller im Dauer-Spektakel: Vivaqua. Es ist natürlich eine hervorragende und beruhigende Nachricht, dass wir im 21. Jahrhundert mit gesundem Trinkwasser und neuen Leitungen versorgt werden. Was allerdings weniger nach dem 21. Jahrhundert klingt, ist die Logistik dahinter. Das Prozedere folgt einem faszinierenden ungeschriebenen Gesetz der lokalen belgischen Baustellen-Kultur.
Das Prinzip der kollektiven Überraschung: Anstatt die Bewohner vorab darüber zu informieren, dass mal wieder die Bürgersteige total aufgerissen werden, wurden wir alle morgens um 7.00 Uhr vom lautstarken Dröhnen eines Presslufthammers geweckt.
DIE KUNST DER FEHLENDEN KOORDINATION
Das eigentliche belgische Meisterwerk ist dabei die Kunst der fehlenden Koordination bei der zeitlichen Abfolge der Bauarbeiten. Vor einigen Monaten kam Proximus und legte Glasfaserkabel, womit der Telefonanbieter nicht nur in meinem Haus vor eine Herkulesaufgabe gestellt wurde. Also wurde nicht nur der Bürgersteig aufgerissen, sondern auch mein Vorgarten, der sich von dem radikalen Eingriff bislang noch nicht erholt hat. Kaum war Proximus nach Wochen einer Lösungsfindung für die Verlegung der Glasfaser in meinem angeblich so komplizierten Haus fertig, kam Sibelgas. „Die Stromleitungen sind veraltet, sie müssen erneuert werden,“ hieß es plötzlich. Und schwups rollten die Bagger wieder an. Mit großem Aufwand wurden nach Wochen die tiefen Baugruben wieder geschlossen.
Dann erinnerte sich Vivaqua vor der Sommerpause im Juni daran, dass die Wasserleitungen total veraltet seien. Alle Autos mussten über Nacht verschwinden und das für einen Monat. Mein Problem: ich hatte keinen blassen Schimmer und war nicht vorgewarnt worden. Ich befand mich in meinem Haus auf der griechischen Insel Kythnos, während mein kleiner Peugeot nichtsahnend vor meiner Garage stand, die ich aber wegen der Steigung nie benutze. Zum Glück – es war ein reiner Zufall – spazierte eine belgische Freundin an den Ixeller Teichen entlang und informierte mich umgehend. „Der Wagen muss sofort weg, sonst wird er abgeschleppt,“ warnte sie. Gott Dank fand sie für mein Auto einen Stellplatz.
Als ich dann nach meinem Urlaub nach Hause kam, konnte ich mein Haus nur durch einen akrobatischen Kraftakt erreichen. Vivaqua hatte mich total von der „Außenwelt“ abgeschnitten. Erst ein paar Tage später wurden ein paar Holzbretter über die großen Baulöcher gelegt, so dass sich zumindest ein- und ausgehen konnte.
Man muss diese Hingabe der nicht existierenden Zusammenarbeit fast bewundern. Die Vorstellung, dass Vivaqua, Proximus und der Stromversorger sich einfach mal an einen Tisch setzen, bevor man eine Straße oder einen Bürgersteig aufreißt, ist in Brüssel wohl zu viel verlangt, und reine Science Fiction. Das würde ja Synergien schaffen, Bauzeiten verkürzen, viel Geld, verwirrende Straßensperren und die Nerven der Bewohner schonen!
Und jetzt, als ich dachte, dass alles erledigt sei und es nichts mehr zu buddeln und zu verlegen gebe, wurden meine Nachbarn und ich ein weiteres Mal überrascht. Es war vor einigen Tagen. Plötzlich klingelte es. Als ich zur Tür ging, sagte ein immerhin sehr freundlicher Arbeiter, dass er von Vivaqua komme, und er sich in meinem Keller mal die Wasserleitungen ansehen müsse. Bei meiner Tochter, die ich gerade aus Zürich in der Telefonleitung hatte, schrillten die Alarmglocken. „Lass keinen ins Haus, das kann ja jeder sagen, dass er von den Wasserversorgern kommt,“ warnte sie mich. Erst als ich mich überzeugt hatte, dass der Wagen von Vivaqua vor meiner Haustür stand, ließ ich den netten Arbeiter rein und fühlte mich wegen meines anfänglichen Misstrauens fast ein wenig schuldig.
“Wir müssen wieder alles aufreißen,“ entschuldigte er sich. Die Wasserleitungen seien zwar im Juni erneuert worden, aber jetzt müsse die Verbindung zum Haus geschaffen werden. Bei mir sei mal wieder alles kompliziert, der Öltank versperre den Weg, man müsse wie bei den Nachbarn wieder den Bürgersteig aufreißen. Und während dieser Arbeiten würde das Wasser oft abgestellt. Ich solle mal gleich ein paar Eimer füllen. Und dann ging´s vor ein paar Tagen wieder los. Die Bürgersteige wurden in der Avenue des Klauwaerts aufgerissen, staubige Autos, Frust, Lärm und ein Slalomparcours zur Haustür waren die Folge. Das einzig Gute an allem: Auf dem Weg zum Tennisplatz wurde ich von den Arbeitern jeden Morgen in aller Frühe mit einem netten „Bonjour Madame, comment ça va“ begrüßt. Und mit meinen Nachbarn, darunter sehr viel zurückhaltender belgischer Adel, kam ich mehr als sonst in Gespräch. Schließlich gab es keinen besseren Gesprächsstoff als mit ihnen weiter zu rätseln, wer wohl nächste Woche vor unsere Haustür gräbt.









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