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Hoegaarden bietet mehr als das gleichnamige Bier

8,8 Kilometer („Rosdelwandeling Oranje“), rund zwei Stunden, mittelschwer, zu knapp 75 Prozent befestigt.

Ausgangspunkt: Park van Hoegaarden, Houtmarkt 1, 3320 Hoegaarden.

Sechseckige Beschilderung mit kreisrundem orangefarbenem Symbol.

Anfahrt ÖPNV: SNCB-Intercity Brüssel-Tienen, De Lijn Linie 62 bis Hoegaarden Hoek Doelstraat (verkehrt montags bis freitags alle 30 Minuten, an Wochenenden stündlich); Fahrtzeit etwas mehr als eine Stunde.

Von Michael Stabenow

Wer den Begriff „Hoegaarden“ hört oder liest, denkt wohl meistens unweigerlich an das leicht säuerliche Weißbier, das inzwischen weit über die Grenzen Belgiens hinaus viele Fans gefunden hat. Gut 1,3 Millionen Hektoliter des gleichnamigen Biers verlassen alljährlich die Brauerei in dem wenige Kilometer von Tienen entfernten Ort. Inzwischen werden über 90 Prozent des in Hoegaarden gebrauten Biers außerhalb Belgiens getrunken – nicht zuletzt, weil die Brauerei seit 1990 Teil des derzeitigen Weltmarktführers AB Inbev ist, dessen Hauptsitz sich im knapp 25 Kilometer westlich gelegenen Löwen befindet.

Natürlich gibt es am Hauptplatz (Gemeenteplein) mehrere Gaststätten, in denen man sich vor, besser aber nach einer Wanderung an dem Gerstensaft laben kann. Ausgangspunkt für die Rundwanderung ist der einige Schritte entfernte Houtmarkt mit der imposanten Sint-Gorgoniuskerk. Man hat hier die Wahl zwischen drei unter der Bezeichnung „Rosdelwandeling“ firmierenden Rundwegen mit Längen von sieben, neun und zwölf Kilometern. Sie führen aus dem Zentrum des knapp 7000 Einwohner zählenden Städtchens in das westlich gelegene, von Wiesen, Feldern und Hohlwegen geprägten sowie weitgehend unbesiedelte Rosdel-Areal. Es wird von der Umweltschutzorganisation „Natuurpunt“ betreut. Hier ließ die Provinz Flämisch-Brabant 1993 zunächst ein Rückhaltebecken anlegen, das den Ort vor gelegentlich auftretenden Wassermassen bewahren soll. Entsprechend hat das Gebiet zum Teil einen sumpfigen Charakter mit einer vielfältigen Fauna und Flora erhalten.

Wir haben uns bei der Wahl der Rundwanderung für die mittlere Variante, die knapp neun Kilometer lange „Rosdelwandeling Oranje“, entschieden. Sie ist durch kleine sechseckige Schilder mit einem orangefarbenen kreisrunden Symbol gut gekennzeichnet. Wer an der Informationstafel einen Hinweis auf die aus vielen Landstrichen vertrauten Wanderknotenpunkte entdeckt, sollte sich dadurch nicht irritieren lassen. Die kleinen rechteckigen Schilder sind, aus welchem Grund auch immer, irgendwann abmontiert worden. Wer daher bei der Suche nach der jetzt gültigen Beschilderung etwas verwirrt ist, sollte sich einfach zur nahegelegenen Walestraat begeben und danach den orangefarbenen Hinweisen folgen.

Wer nach Hoegaarden kommt, sollte ein paar Blicke in die vom Anfang März bis Ende September täglich sowie an Wochenende ganzjährig tagsüber zugängliche Kirche Sint-Gorgoniuskerk | Lokaal bestuur Hoegaarden werfen. Das gegenüber einer schönen Parklage gelegen mächtige Bauwerk, die größte Rokoko-Kirche Belgiens, ist zum Teil aus dem einheimischen Gobertange-Sandstein erbaut worden. Im Inneren sind einige Kunstschätze wie ein kupfernes Chorpult sowie ein gotisches Taufbecken zu sehen. Dass die Kirche vergleichsweise groß ist, liegt auch daran, dass sie zu einem Zeitpunkt entstanden ist, als das fruchtbare, vielfach durch kalkhaltige Böden geprägte Gebiet im 18. Jahrhundert die Entstehung einer florierenden Brauereiwirtschaft begünstigte.

Dass Hoegaarden im 16. Jahrhundert im Zeitalter des protestantischen Bildersturms und der katholischen „Gegenreformation“ Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen und Zerstörungen war, lässt sich nur erahnen. Heute mutet der leicht abschüssige Hauptplatz im Schatten der Kirche von Hoegaarden mit seinem putzigen Konzertpavillon in der Mitte durchaus idyllisch an.

Nach einigen hundert Metern auf der Walestraat verlassen wir den Ort und gelangen auf – offiziell – meist befestigten Wegen in die weitgehend unberührte Natur. Neben Wanderern und Radfahrern sind die menschlichen Lebewesen, die sich hier tummeln, offenbar Landwirte, die mit schweren Nutzfahrzeugen dafür gesorgt haben, dass Kopfsteinpflaster und Betonflächen weitgehend mit einer matschigen Schicht bedeckt sein können. Glücklicherweise sind an den Rändern Trampelpfade entstanden, die es erlauben, einigermaßen trockenen Fußes voranzukommen.

Auch wenn niederschlagsärmere Zeiten für diese Rundwanderung zu bevorzugen sind, kommt man auch in Feuchteperioden auf seine Kosten. Der Reiz besteht in einer Mischung aus Hohl- und offenen, mal von Wäldern, dann wieder von Wiesen und Feldern gesäumten Wegen. Noch kurz kommt man nach einem abschüssigen Stück und der Überquerung eines Bachs in einen Außenbezirk von Hoegaarden, den wir nach einigen Schritten wieder verlassen.

Wir befinden uns jetzt mitten im Rosdel-Gebiet, das ein große Ruhe ausstrahlt. An mehreren Stellen des Rundwegs gibt es Bänke, die zu einer kleineren oder größeren Pause einladen. Nach einem längeren Stück geht es nach rechts in den nördlichen Teil des Gebiets hinein. Nach einem längeren ebenen Stück gelangen wir auf ein höher gelegenes Gebiet. Nun weitet sich der Blick auf das Brabanter Hügelland. Vor uns liegt der 1930 erbaute, eher gedrungen wirkende Wasserturm, an dem der Rundweg nach rechts abzweigt und zwischen Wiesen und Feldern auf und ab führt. Immer deutlicher können wir die Umrisse der Kirche von Hoegaarden erkennen, der wir uns mit dem einen oder anderen Schlenker und abseits von Bebauungen nähern.

Schließlich erreichen wir die Siedlung wieder und kehren nach einigen Minuten auf den Hauptplatz von Hoegaarden zurück, Nun können wir eines der Cafés aufsuchen – oder auch nicht. Nicht nur wer dem Biergenuss nicht widerstehen kann (und sich nicht ans Steuer setzen sollte), den wird eine Begebenheit aus den Jahren 2005 bis 2007 interessieren. Damals hatte man entschieden, einen Großteil des Hoegaarden-Biers in die konzerneigene „Jupiler“-Brauerei im Lütticher Stadtteil Jupiles-sur-Meuse zu verlagern. Da das dort gebraute Bier wegen des verwendeten Wassers bei der Kundschaft geschmacklich nicht gut ankam, wurde kurzerhand die Rückkehr in die angestammte Brauerei in Hoegaarden beschlossen.

 

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