
Was der deutsch-französische Brüsseler Hörfunkkorrespondent und Buchautor Jean-Marie Magro als radelnder Reporter über Land und Leute erfahren hat
Von Michael Stabenow und Thomas A. Friedrich
„SPIEGEL Bestseller“ – der kleine rechteckige Aufkleber auf dem Buchdeckel macht schon einmal Lust auf eine Lektüre, bei der es rund gehen soll. Auf mehr als 300 Seiten breitet Jean-Marie Magro aus, wie er in Frankreich drei Wochen lang in die Pedalen tritt und vor allem das, was er als gebürtiger Münchener im Heimatland seines Vaters an mehr oder weniger Kuriosem erfahren hat.
An diesem Abend präsentiert Magro, ein schlaksiger Mittdreißiger, der seit wenigen Monaten zum Team der ARD-Hörfunkkorrespondenten in Brüssel gehört, in der EU-Vertretung von Rheinland-Pfalz sein im vergangenen Jahr erschienenes Buch „Radatouille“. Mit dem Erlebnisbericht „Meine Tour de France zu Burgund, Baguette und Banlieues“ will er Frankreich-Liebhabern und solchen, die es noch werden wollen oder sollen, ein authentisches Frankreichbild der heutigen Zeit mit Entdeckungen vermitteln, die in keinem klassischen Reiseführer zu finden sind.
Die Lesung des radelnden Reporters bestätigt, was der Titel verspricht. Er schildert seine Erlebnisse, mal ernst, wenn es um die gesellschaftlichen Veränderungen in Frankreich geht, aber durchaus auch augenzwinkernd mit einer ordentlichen Prise deutsch-französischen Humors.
„Auch mal absteigen und mit Menschen ins Gespräch kommen“, lautet die Devise des begeisterten Rennradfahrers. Gut 3000 Kilometer in 21 Tagesetappen und gegen den Uhrzeigersinn hat er im Mai und Juni, ganz nach dem Muster der Profis bei der legendären „Tour de France“, mit seinem Carbon Rennrad des Modells Look 765 zurückgelegt – aber nicht mit Ziel, sondern Start in Paris. Eine Serviceinfo für Übersetzungs-Freaks: mit einer Zahnkranzpalette 50-34 vorne sowie 11-30 hinten.
Bevor es jedoch in den Räumlichkeiten der Brüsseler Vertretung um solcherlei technische und andere Feinheiten gingen konnte, stellt Staatssekretärin Heike Raab (SPD) als Bevollmächtigte des Landes Rheinland-Pfalz beim Bund und für Europa die besondere Stellung ihres Landes in den deutsch-französischen Beziehungen heraus. Die Städtepartnerschaft zwischen der Landeshauptstadt Mainz und dem burgundischen Dijon sowie die Freundschaft der Weinregionen links und rechts des Rheins hätten eine lange Tradition. Raab würdigt Magro als Autoren, dem es gelungen sei, in seinem Buch mit „Humor und Esprit“ dieses Band der Freundschaft zwischen den ehemaligen Erzfeinden auch in den aktuellen europäischen Wirren zu kultivieren und anschaulich zu beschreiben.
Zum Radprofi habe ihm das Zeug gefehlt, verrät der Reporter kurz darauf. Eines Tages hat er aber offenbar den „Bergfloh“ in sich entdeckt. Das war in der idyllischen südostfranzösischen Alpenlandschaft der Gorges du Verdon, wo Magro regelmäßig bei „Mamie und Papy“, den Großeltern, die Sommerferien verbracht hat. Elf Jahre sei er alt gewesen, als er im Trüffelstädtchen Aups sein schweres Kinderrad gegen ein leichteres der italienischen Traditionsmarke Bianchi eingetauscht und plötzlich ziemlich mühelos einen giftigen Anstieg gemeistert habe.
Leider ist es uns nicht gelungen, über Nacht sein Buch durchzulesen. Von einer Rezension kann hier daher keine Rede sein, allenfalls von ein paar Eindrücken beim Durchblättern. Da sind, was natürlich nicht fehlen darf, die Erlebnisse beim auch von Profis gefürchteten Anstieg zum legendären Mont Ventoux in der Provence. Wir leiden in den Serpentinen mit Magro mit und freuen uns auf Seite 313 des Buchs mit ihm, wie er am Ende seiner mehrwöchigen Tour der Qualen auf dem in fast 2000 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen kahlen Gipfel erschöpft in sich zusammensackt, aber dann sein Rennrad stolz in die Höhe reckt.
„So bequem lag es sich in keinem der Betten der vergangenen vier Wochen!“, fährt Magro, zweifellos schmunzelnd, fort. Doch nur wenige Sätze später kommt er, das schier grenzenlose Panorama auf dem Mont Ventoux vor Augen, nochmals zu seiner – neben dem Radeln – eigentlichen Sache. Er schreibt: „Egal in welche Richtung mein Blick wandert, es gibt so vieles zu entdecken, ich könnte mich in Frankreich wohl niemals satt sehen, hören, riechen und schmecken“.
Auch bei seinem launigen Vortrag in der rheinland-pfälzischen Vertretung, bei dem er im Gegensatz zu manchen von ihm als Journalist beobachteten Politikern zur weiteren Auflockerung und Aufklärung gerne Zwischenfragen und -antworten zulässt, schildert Magro, wie er das Land seiner Vorfahren neu sowie oft anders entdeckt habe. Fast klingt er wie ein Beauftragter eines Fremdenverkehrsamts, als er in höchsten Tönen von den Reizen des anders als in vielen anderen Regionen den ursprünglichen Charakter bewahrenden Baskenlandes, der Auvergne mit ihren erloschenen Vulkankegeln und natürlich dem ihm seit Kindesbeinen vertrauten Nationalpark Mercantour im Südosten des Landes schwärmt.
Wer das Buch aus der Warte eines Radlers lesen möchte, kommt bei der Lektüre bestimmt auf seine Kosten. Wir sehen die „Pavés“, vor uns, jene berüchtigten Kopfsteinpflasterpassagen des Radklassikers Paris-Roubaix. Magro hat auch sie gemeistert, befindet aber: „Wie sich Menschen an einem Tag eine solche Pein mehr als 50 Kilometer antun könne, übersteigt allerdings meine Vorstellungskraft“. Dass Magro seine Tour solo, in der Regel ohne den kräftesparenden Windschatten von Mitstramplern absolviert hat, nötigt uns zusätzlich Respekt ab.
Ganz auf sich allein gestellt sei er nicht gewesen, erzählt Magro. Auch er habe ein Begleitfahrzeug gehabt, gesteuert von seinem Kumpel Peter und gespickt mit Ersatzteilen sowie Trank und Riegel. Einmal, in der Auvergne, ausnahmsweise im Windschatten von Peter fahrend, sei er, wohl halb vor sich hinträumend, bei Tempo 35 von der Fahrbahn abgekommen und – sehr schmerzhaft – im Kiesbett gelandet.
Meist muss Magro aber auf seiner Fahrt hellwach gewesen sein. Er gibt manche Anekdoten preis wie eine Begegnung mit dem fanatischen Radsportfan und Autogrammsammler Patrick im Zentralmassiv. Besonders beeindruck hat ihn der zuweilen skurril auftretende Politiker Jean Lassalle. Er sei ein in seiner Pyrenäenheimat tief verwurzelter Landwirt und Sohn eines Schäfers, habe aber auch einst innerhalb von acht Monaten 6000 Kilometer in Frankreich zu Fuß zurückgelegt. Außerhalb Frankreichs sei Lassalle weitgehend unbekannt. Aber auf die Frage, mit welchem Politiker sie sich am liebsten auf einen Drink treffen würden, habe Lassalle bei den Antworten auf Meinungsumfrage an erster Stelle gelegen – vor Präsident Emmanuel Macron und der rechtsnationalen Marine Le Pen.
„Das Frankreich, das ich als Kind kannte, ist nicht mehr existent. Wie schnell sich das Land entwickelt“, berichtet Magro. Wo es einst in einem Dorf drei Bäckereien und einen Metzger gegeben habe, finde sich heute in den meisten Gegenden des Landes vielleicht noch ein Optiker sowie in der weiteren Umgebung Supermärkte unterschiedlicher Größe. Auch Aups, der Wohnort der Großeltern, stehe nicht mehr für „das richtige Frankreich“, an das der Buchdeckel mit seinen Abbildungen von Baguette, Croissant, Rotwein oder Lavendel erinnert.
Ausführlich kommt Magro, nur ein paar Tritte in die Pedalen von den Hauptgebäuden der europäischen Institutionen entfernt, auf die sich verändernden politischen Befindlichkeiten zu sprechen, die Frankreich, aber auch Deutschland, seine andere Heimat, in dieser Zeit prägen. „Früher wollte niemand zugeben, dass er für den Front National stimmt. Heute ist das etwas, zu dem man sich ohne weiteres bekennt“, sagt Makro, nicht nur aus den Erfahrungen seiner Rundfahrt heraus, zur Beliebtheit der rechtsnationalen Nachfolgepartei Rassemblement National. Eine „Normalisierung der Landschaft“ habe auch dazu beigetragen, dass inzwischen der Linkspopulist Jean-Luc Melenchon mit seiner bei den französischen Kommunalwahlen durchaus erfolgreichen Partei La France Insoumise (LFI) in den Augen vieler Französinnen und Franzosen an vorderster Stelle einer Radikalitätsskala rangiere.
Und noch etwas sei ihm bei der Reise durchs Land besonders aufgefallen: das Gefühl in vielen Regionen, durch das nach wie vor zentralstaatliche Gefüge links liegengelassen zu werden. „Um uns kümmert sich Paris nicht“, lautet einer der Sätze, dem Magro auf seiner Entdeckungsfahrt auf zwei Rädern wohl sinngemäß häufiger begegnet sein dürfte. Da trifft es sich vielleicht gut, dass seine Tour de France in Paris begonnen hat und nicht, wie die der Profis, in der Hauptstadt an der Seine geendet ist.
Das Jean-Marie Magro nun regelmäßig in Belgien, einer Hochburg für Zweiradfans auf jeglichem Gelände, Land und Leute erkunden kann, dürfte sich gleichermaßen gut für den Rennradler und Journalisten treffen. Kulinarisch folgten dem „Radatouille“-Lesung im Brüsseler Länderbüro übrigens nicht die üblichen rheinland-pfälzischen Speisen, sondern, mit einem Augenzwinkern der Gastgeber, einem südfranzösischen Gemüseeintopf namens…Ratatouille.
Jean-Marie Magro, Radatouille. Meine Tour de France zu Burgund, Baguette und Banlieues, dtv Verlagsgesellschaft, München, 3. Auflage 2025, 320 Seiten, ISBN : 978-3-423-44712-6 , Preis (in Deutschland) 15 Euro
Fotos: Thomas A. Friedrich







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