Panorama, Tourismus

Der Schrott im Silbersee

Von Alexander Höhnke

Um Missverständnissen gleich vorzubeugen: es geht hier nicht um „Karl-May-Festspiele in der Mark Brabant“, sondern um eine von vielen Episoden zum Thema Wasser in Wallonien:

Vor längerer Zeit erschien in der Wochenzeitschrift „Paris Match“ ein zweiseitiger begeisterter Artikel über den See von Genval, seine landschaftlichen und architektonischen Reize sowie seine Geschichte, gespickt mit reichlich Schleichwerbung.

Der besagte See, 18 Kilometer südlich von Brüssel an der gleichnamigen Bahnstation auf der Strecke nach Luxemburg gelegen, wird unsichtbar von der Sprachgrenze zwischen dem flämischen Overijse im Norden und dem wallonischen Rixensart im Süden durchzogen. Diese Demarkationslinie zeichnet den ursprünglichen Verlauf des Flüsschens Argentine, oder Zilverbeek, nach. Es mäanderte noch bis Ende des 19. Jahrhunderts durch ein sumpfiges Tal und wurde dann im Zuge eines großangelegten Luxusimmobilienprojekts zum Freizeitsee aufgestaut, während der Silberbach seither um das Nordufer herum kanalisiert verläuft. Das ehemalige Bachbett ist heute mit zweieinhalb Metern die tiefste Stelle des 18 Hektar großen Sees.

Dieses, wenn auch künstliche, Idyll lockt zu allen Jahreszeiten Müßiggänger und Wassersportler an. Schließlich ist noch eine weitere Gattung hinzugekommen: der Tennis- und Golftrainer Vincent De Pottere, den wir vor einiger Zeit im Biergarten des Genval Yacht Clubs getroffen haben, hat eine neue Leidenschaft entdeckt: Eisenfischen. Über 15 Wochen und 150 Stunden hat er einen zwei Kilo schweren Elektromagneten durch den schlammigen Grund gezogen. Bis zu 16 Zentner lassen sich so auf einmal abschleppen.

Ein Drittel seines Fangs von sechs Tonnen Schrott wurde am Nordufer ausgestellt: das reicht von abgerissenen Ortsschildern über Computerdrucker mit Stahlachse, einen Fahnenmast, ein Fahrrad, einen Motorrollerrahmen, einen zentnerschweren Lastwagenreifen gekrönt von einem kleinen Draggenanker bis hin zu gusseisernen Abfalleimern, Schaufeln, Zangen und Seitenschneidern. Hinzu kamen fünf Registrierkassen, davon eine antik, rostige Bierdosen, die offenbar nicht nur aus Aluminium bestehen, armierte Betonteile, hundert kurze Stahlrohre, die einst den Spazierweg um den See vor Falschparkern schützten, sowie Autoschlüssel, für die man sogar die gestohlenen Fahrzeuge wiedergefunden hat.

Brisantere Beute bewahrt De Pottere in seiner privaten Asservatenkammer auf: Weltkriegsmunition, Granaten, Pistolen mit ausgefeilter Seriennummer, darunter ein Colt von 1903, der die Polizei misstrauisch machte, sowie ein Mauser-Maschinengewehr. Sein „schönstes Stück“, erzählt De Pottere, sei ein originaler SA-Dolch mit der Eingravierung „Alles für Deutschland“, „wahrscheinlich wollte jemand das Ding loswerden“.

Jahrzehntelang hielt sich die Legende, das Wrack einer dreimotorigen JU-52, die 1943 mit vier Wehrmachtssoldaten an Bord in den See abstürzte, bald darauf aber geborgen wurde, liege noch irgendwo am Grund. Dies ist allerdings bei der geringen Wassertiefe schwer vorstellbar – nach wochenlanger Dürre ist De Pottere unlängst mit Wathosen aus Ölzeug zu Fuß im See über die Sprachgrenze spaziert. Der Seegrund sei mit Flaschen übersät, erzählt er, und schwere Gehwegplatten lägen so weit vom Ufer entfernt, das sie nur mit einem Boot dorthin gekommen sein könnten.

Was lehrt uns dies: Die meisten Fundstücke sollten wohl aus diversen unlauteren Beweggründen verschwinden – im See, außer Sicht. Aber es scheint auch eine verbreitete Unkultur des „einfach ins Wasser Schmeißens“ zu geben – weil es so schön plantscht oder aus Spaß am Vandalismus?

Über die Süduferpromenade fallen ab und an vom zugewucherten Park der Villa Rotonde, wo man auch schon mal den weltberühmten Cellisten Mischa Maisky am offenen Fenster für das Musica-Mundi-Festival proben hört, alte Bäume im Sturm. Sind sie erst zu „handlichen“ Stücken zersägt, finden sie sich regelmäßig auf dem See treibend wieder. Angler und Wassersportler schleppen die vollgesogenen Baumstammrollen dann zurück an Land.

Und mittlerweile ist das Schrottmuseum, die neue Attraktion, schon wieder Geschichte. Am westlichen Ende des Sees gibt es eine großzügige Liegewiese, die, wie die gesamte Anlage, dem Betreiber des dortigen Schlosshotels „Château du Lac“ gehört. Er hatte bisher seinen Besitz den „Freunden Spaziergängern“ geöffnet, bis zahlreiche Tagesgäste zu weit gingen: Sie hielten sich nicht an die Abstandsregeln und ließen massenhaft Müll zurück. Seither ist die Uferpromenade an dieser Stelle gesperrt und damit auch der Zugang zu unserem „Museum“ – Glanz und Elend eines Kleinods im wallonischen Brabant.

© Fotos: Destination BW – Fédération et Maison du Tourisme du Brabant wallon

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