
Belgien erweist sich erneut als herausragende Radsport-Nation
Von Thomas A. Friedrich
Auch in diesem Jahr war bei der Tour de France dem Slowenen Tadej Pogačar der Sieg bei der Ankunft in Paris nicht zu nehmen. Am vergangenen Sonntag zog er mit seinem fünften Sieg beim schwersten Etappenrennen der Welt mit der belgischen Radsport-Legende Eddy Merckx gleich. Der “Kannibale” gewann die Tour insgesamt fünfmal in den Jahren 1969, 1970, 1971, 1972 und 1974.
Aber Belgien darf sich berechtigte Hoffnung machen, in den kommenden Jahren wieder einmal den Tour de France-Gesamtsieger stellen zu können. Der Hoffnungsträger heißt Remco Evenepoel. Der in Schepdaal vor den westlichen Toren Brüssels beheimatete 26 Jahre alte Profi belegte bei der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt den zweiten Platz in der Gesamtwertung mit einem Rückstand von 6:26 Minuten hinter Pogačar.
Sechseinhalb Minuten Rückstand muten wie eine Deklassierung an, doch hat der in Aalst geborene belgische Radprofi absolut das Zeug dazu, schon beim nächsten Mal als Erster über die Ziellinie auf den Champs Elysées zu rollen. Evenepoel hat bereits eine beeindruckende Erfolgsserie vorzuweisen. Er ist Straßen-Weltmeister, zweifacher Olympiasieger und Grand-Tour-Sieger (bei der Spanien-Rundfahrt). „Er ist ein Ausnahmeathlet, der Rennen prägt, Siege erzwingt und das Peloton immer wieder beeindruckt“, beschreiben ihn Sportjournalisten.
Er sei der belgische Shootingstar, so der Befund der Experten, der das Talent und den Willen habe, auch in der Königsklasse des Radsports über 3.500 Kilometer Distanz in Paris eines Tages ganz oben auf dem Siegerpodest zu stehen. Das Können und Selbstvertrauen dazu hat er jedenfalls.
Evenepoel träumt vom Tour de France-Sieg
„I`m super happy where I`m now“, resümierte der belgische Radrennfahrer kurz vor dem Start zur letzten Tagesetappe in Paris gegenüber einem Eurosport-Reporter sein Gesamtklassement auf Platz zwei. Evenepoel hat bei dieser Tour hinter dem Dauersieger Pogacar eine starke Rundfahrt hingelegt. Nach der Ankunft in Paris bekräftigte der Flame, der einst auf dem Weg zum Profifußballer zu sein schien, seine Ambitionen auf künftige Gesamtsiege. „Ich habe gezeigt, dass ich träumen darf“, sagte der 26-Jährige. Offenbar sieht er sich mit Ehrgeiz und Verve im Kopf bereits ganz oben auf dem Tour de France-Podest.
Evenepoel zählt zu den schillerndsten Figuren im internationalen Radsport. Der Straßenweltmeister von 2022 hat früher nicht nur Fußball gespielt, er ist auch ein starker Läufer. Dem Belgier wurden als Fußballer Tempo-Defizite bescheinigt, heute jagt er im Zeitfahren nahezu allen Konkurrenten davon. Nach Einsätzen als Torwart und Mittelfeldspieler beim RSC Anderlecht und dem KV Mechelen sowie beim PSV Eindhoven verlegte er sich ganz auf den Radsport. Als Sohn des ehemaligen Radsportlers Patrick Evenepoel trug er wohl dominante Gene für den Profi-Radsport in sich.
Sein Vater fuhr zwischen 1992 und 1994 für die Collstrop-Mannschaft und gewann im Jahr 1993 den Grand Prix de Wallonie. Bereits mit fünf Jahren wurde Sohn Remco Mitglied beim RSC Anderlecht. Er stand anfangs im Tor, wurde vom Trainer als Mittelfeldspieler eingesetzt und wechselte im Alter von elf Jahren als defensiver Mittelfeldspieler zum PSV Eindhoven. Sein Vater fuhr ihn fast täglich mit dem Auto zum mehr als 100 Kilometer entfernten Trainingsort.
Im Alter von 16 Jahren musste Evenepoel den RSC Anderlecht verlassen, da er aufgrund mangelnder Schnelligkeit aus dem Kader genommen wurde. Obwohl der KV Mechelen ihm einen Profi-Fußballer-Vertrag anbot, beschloss er, seine Fußballkarriere im Alter von 17 Jahren an den Nagel zu hängen, und verschrieb sich mit Leib und Seele dem Radsport.
Starke Erfolge der starken Radfahrernation Belgien
Auf der Königsetappe nach Alpe d’Huez fuhr Remco Evenepoel hinter dem Equatorianer Richard Carapaz auf Rang zwei und verteidigte damit auf beeindruckende Weise den zweiten Platz im Gesamtklassement. Auch andere belgische Radprofis konnten sich bei der diesjährigen Tour auszeichnen. Der Sprinter Jasper Philipsen gewann am 22. Juli 2026 die 17. Etappe von Chambéry nach Voiron an der Spitze einer Fluchtgruppe und beendete die Tour als zweiter der Punktewertung.
Noch mehr in Szene setzen konnte sich Tim Merlier. Mit starken Sprintleistungen und drei Tageserfolgen trug er maßgeblich zur belgischen Erfolgsserie bei. Auf der 15. Etappe musste der 33-Jährige jedoch aufgeben. Mit 31 Teilnehmern stellte Belgien das größte Fahrerfeld aller Nationen bei der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt, von denen 22 das Ziel in Paris erreichten.
Wegen der verheerenden Waldbrände um Bordeaux wurde letzte Etappe verkürzt
Die Streckenführung der diesjährigen Tour umfasste 21 Etappen über insgesamt 3.321 Kilometer von Barcelona nach Paris, mit Highlights wie dem “Grand Départ” in Spanien, Doppelankünften in Alpe d’Huez sowie – wie üblich – dem Finale in Paris, erneut mit einer dreimaligen Passage über den Butte de Montmartre.
Seit dieser Saison fährt Remco Evenepoel im deutschen Radsport Team Red-Bull-Bora-Hansgrohe aus dem oberbayerischen Raubling. Das weiß-blaue Team konnte nach dem dritten Rang des deutschen Fahrers Florian Lipowitz im Vorjahr mit Evenepoel in diesem Jahr nun einen Platz höher in der Gesamtwertung platzieren. Lipowitz musste – auf dem 5. Platz der Gesamtwertung liegend – nach einem Sturz aufgeben, sonst wäre das Ergebnis für das Team noch besser ausgefallen.
Der Deutsche Radsportverband bewirbt sich für 2029 um den Start der Tour de France in Berlin. Anlass ist der 40. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer. Die offizielle Bewerbung für die Streckenführung der Tour in Berlin und Ostdeutschland wurde im Juli offiziell eingereicht. Geplant ist nicht zuletzt ein Zeitfahren in Berlin mit Ziel am Brandenburger Tor. Fotos von der letzten Etappe auf der offiziellen Seite der Tour de France: https://www.letour.fr/fr/etape-21/galerie-image








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