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Enttäuschung über das WM-Aus, aber kein Anlass zum Verzagen

Foto: Hanna Penzer

Eine gemischte Bilanz des Abschneidens der Roten Teufel – mit Schatten, aber auch viel Licht.

Von Michael Stabenow

Nach dem Spiel ist immer vor dem Spiel“, lautet eines der vielen Bonmots des legendären Bundestrainers Sepp Herberger, der 1954 bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Ungarn das deutsche Team um Fritz Walter zum Titelgewinn geführt hatte. 72 Jahre später, nach der 1:2-Niederlage der Roten Teufel im Viertelfinale gegen Spanien, hätte der 1977 verstorbene Herberger, weilte er noch unter uns, vielleicht durchaus zutreffend formulieren können: „Nach der Weltmeisterschaft ist vor der Weltmeisterschaft.“

Natürlich ist die Enttäuschung über das Aus der Roten Teufel im Land der Flamen, Wallonen, Brüsseler und der kleinen Deutschsprachigen Gemeinschaft im Osten des Landes groß. Warum sollte man in Belgien, sieht man einmal von dem abermals demonstrativ auf Distanz gegangenen flämisch-nationalistischen Regierungschef Bart De Wever ab, nicht ähnlich mit der eigenen Nationalmannschaft mitfiebern wie das Fans in aller Welt tun? Und dass ein Patzer des erst wenige Minuten zuvor für den verletzten Stammtorhüter Thibaut Courtois eingewechselten 24 Jahre alten Torwarts Senne Lammens von Manchester United kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit den Siegtreffer Spaniens ermöglichte, tat natürlich Spielern und Fans besonders weh.

Auch in Belgien meldete sich jedoch anschließend kaum jemand zu Wort, der Zweifel am verdienten Sieg der favorisierten Spanier äußern wollte. Bei aller Enttäuschung herrschte der Eindruck vor, dass die Roten Teufel beherzt aufgetreten seien und mit etwas mehr Glück beim eigenen Abschluss und weniger Pech beim spanischen Abstaubertor zum 2:1 mehr drin gewesen wäre. Aber das wirkte am Tag nach dem Spiel bereits ein wenig wie das Gejammer von gestern.

Der Blick richtete sich nicht nur zurück, sondern zunehmend nach vorne – mit einem ,tiefgreifenden Umbruch für die Mannschaft‘.  Doch zunächst zur WM-Bilanz: Im Gegensatz zu 2022, als die Roten Teufel, damals immerhin auf Platz 2 der FIFA-Weltrangliste liegend, bei der WM in Katar sang und klanglos bereits in der Gruppenphase ausschieden , erscheint das diesjährige Aus im Viertelfinale durchaus standesgemäß. Die derzeitige Platzierung an neunter Stelle der FIFA-Rangliste, einen Platz vor der auch diesmal wieder auf der ganzen Linie enttäuschenden deutschen Fußballnationalmannschaft, dürften die Roten Teufel behaupten können.

Mit Ruhm bekleckert hat sich die belgische Mannschaft nicht in allen Partien. Dem leistungsgerechten 1:1 im Auftaktspiel gegen Ägypten folgte ein enttäuschendes 0:0 gegen Iran, ehe mit einem standesgemäßen 5:1 gegen Neuseeland der erste Platz in der Gruppe G gesichert werden konnte. Beim 3:2-Erfolg nach Verlängerung im Sechzehntelfinale gegen Senegal sahen die Roten Teufel lange wie der sichere Verlierer aus, ehe sie sich durch zwei späte Treffer von Mittelstürmer Romelu Lukaku und den Spielführer Youri Tielemans in die Verlängerung retten konnten. Tielemans von Aston Villa war es, der in der Nachspielzeit der Verlängerung durch einen verwandelten Foulelfmeter den schmeichelhaften Sieg und die Qualifikation für das Achtelfinale sicherte.

Die nachfolgende Partie in Seattle war vor dem Anpfiff überschattet worden durch eine offenbar im Doppelpass zwischen FIFA-Chef Gianni Infantino und dem vom ihm vor einigen Monaten mit einem „Friedenspreis“ ausgezeichneten amerikanischen Präsidenten Donald Trump erwirkte Entscheidung. So durfte der im Spiel zuvor mit einer Roten Karte vom Platz geflogenen Mittelstürmer Folarin Balogun zum allgemeinen Erstaunen doch für die Mannschaft der Vereinigten Staaten auflaufen.

Es half nichts – im Gegenteil! Nicht nur Balogun, sondern die gesamte, zuvor hochgejubelte Gastgebermannschaft wirkte seltsam gehemmt gegen souverän aufspielende Rote Teufel. Beeindrucken konnte dabei insbesondere der bei Atalanta Bergamo spielende Stürmer Charles De Ketelaere, der zwei Treffer zum ungefährdeten 4:1-Erfolg beisteuerte. Der Sieg weckte in Belgien nicht nur euphorische Gefühle, sondern auch die Hoffnung, dass die Roten Teufel, wie einst bei der auf Platz 4 beendeten legendären WM im Jahre 1986 in Mexiko, die Spanier abermals im Viertelfinale aus dem Turnier kegeln könnten.

Es blieb bei der Hoffnung, aber auch bei dem Gefühl, dass sich die Roten Teufel an der Westküste Nordamerikas nicht unter Wert verkauft haben, oder – wie die Zeitung „Le Soir“ titelte – „mit erhobenem Haupt“. Ob allerdings Nationaltrainer Rudi Garcia der Mann für den jetzt anstehenden Umbau der Mannschaft ist, erscheint noch ungewiss. Mit dem Erreichen des Viertelfinales hat der 62 Jahre alte Franzose, der Anfang 2025 das Amt von dem insgesamt glücklosen Deutsch-Italiener Domenico Tedesco übernommen hat, das Klassenziel erreicht. Aber nicht zuletzt die zum Teil erratisch anmutenden Ein- und Auswechslungen bei der WM haben nicht nur in Belgien für Stirnrunzeln gesorgt.

Ob mit oder ohne Garcia – die Mannschaft der Roten Teufel dürfte in Kürze ein ganz anderes Aussehen erhalten. Nach der WM-Blamage hatten sich bereits einige Vertreter der sogenannten Goldenen Generation, allen voran Mannschaftskapitän Eden Hazard, zurückgezogen. Bei dieser WM liefen mit dem jetzt hinter den Erwartungen zurückgebliebenen Mittelfeldregisseur Kevin De Bruyne (35), Torhüter Thibaut Courtois (34), Mittelstürmer Romelu Lukaku (33), Verteidiger Thomas Meunier (34), dem Offensivmann Leandro Trossard (31) sowie dem mittlerweile 37 Jahre alten Axel Witsel sechs namhafte Spieler auf, die in einem Alter sind, in dem üblicherweise viele Fußballer die Schuhe an den Nagel hängen.

Der jetzige Mannschaftskapitän Youri Tielemans hat kürzlich ebenfalls die Marke von 30 Jahren überschritten – es ist jedoch absehbar, dass der Mittelfeldmotor im neuen Mannschaftsgefüge eine zentrale Rolle übernehmen wird. Zwei Spieler vom Landesmeister FC Brügge, die ebenfalls älter als 30 Jahre alt sind, konnten bei der WM durchaus überzeugen. Dies gilt für den Mittelfeldroutinier Hans Vanaken (34 Jahre) und besonders für Innenverteidiger Brandon Mechele (33), der bis zu seiner Berufung in den WM-Kader erst sieben Länderspiele für die Roten Teufel absolviert hatte und jetzt bei sämtlichen Einsätzen überzeugen konnte.

Dass Vanaken und Mechele bei der 2030 auf drei Kontinenten – in Südeuropa, Nordafrika und Südamerika – ausgetragenen nächsten WM für die Roten Teufel auflaufen werden, ist unwahrscheinlich. Der Blick richtet sich daher auf die jüngere Generation – nicht zu Unrecht. 

Linksaußen Jeremy Doku (24) von Manchester City konnte jetzt sein Können nur gelegentlich aufblitzen lassen. Zunächst machte ihm jedoch eine Atemwegserkrankung zu schaffen. Dann jettete der Flügelflitzer mal eben nach London, um bei der Geburt seines ersten Kindes zugegen zu sein und zweifellos mit der Erkenntnis zurückzukehren, dass auch für Profis Fußball nicht alles sein darf.

Punkte sammeln konnten bei der WM der quirlige, bei Brighton & Hove in der britischen Premier League unter Vertrag stehende Linksverteidiger Maxime De Cuyper (25). Dies gilt auch für den nur wenig eingesetzten, aber im Duell mit dem spanischen Ausnahmestürmer Lamine Yamal überzeugenden Defensivmann Joaquin Seys (21) vom FC Brügge. Die Hoffnungen richten sich auch auf weitere jüngere Rote Teufel wie den unermüdlich wirkenden „Sechser“ Nicolas Raskin (25) von Glasgow Rangers, den stärker offensiv ausgerichteten Alexis Saelemaekers (27) vom AC Mailand sowie Innenverteidiger Nathan Ngoy (23) vom OSC Lille.

An Talenten dürfte es den Roten Teufeln in Zukunft nicht mangeln: Die Stürmer Matias Fernandez-Pardo (21) vom OSC Lille und Diego Moreira (21) von Racing Straßburg bekamen bei der WM kurze Einsatzzeiten. Vielleicht findet zudem der einst bei RB Leipzig überragende und jetzt bei Juventus Turin unter Vertrag stehende Stürmer Loïs Openda (26) wieder zu alter Stärke zurück.

Große Hoffnungen ruhen auch auf dem wie Tielemans bei Aston Villa spielenden Mittelfeldmann Amadou Onana, der sich im Spiel gegen die USA einen Kreuzbandriss zugezogen hat. Onana wird im August 25 Jahre alte und ist damit im sogenannten besten Fußballeralter – ebenso wie Stürmer De Ketelaere und der ein Jahr ältere, für Eintracht Frankfurt auflaufende Innenverteidiger Arthur Theate.

Bei aller Enttäuschung über das WM-Aus: der Blick in die Zukunft gibt für die Roten Teufel und ihre Anhänger durchaus Anlass zu einem gewissen Optimismus – ob mit oder ohne Cheftrainer Garcia. Nach der Weltmeisterschaft ist vor der Weltmeisterschaft, aber auch vor der Nations League. Sie wartet schon im Herbst mit schweren Aufgaben für die Roten Teufel gegen Italien, Frankreich und die Türkei. Wie sie ausgehen werden, steht in den Sternen. Eine weitere Erkenntnis von Sepp Herberger dürfte jedoch auch für die Roten Teufel auf jeden Fall Bestand haben: „Das nächste Spiel ist immer das schwerste.“

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