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Belgien vs. Senegal – erst Schock, dann der pure Wahnsinn

Von Heide Newson

Als leidenschaftliche Tennisspielerin habe ich eigentlich nicht so viel mit Fußball am Hut. Aber als meine ostbelgische Freundin, ein wahrer Fußballfan, den Vorschlag machte, zum „Public Viewing“ in einer Szenekneipe das Spiel „Senegal gegen Belgien“ anzusehen, war ich ganz Feuer und Flamme. „Zieh dir ein farbenfrohes Outfit mit viel Rot und Gelb an,“ meinte sie. So ganz farbenfroh war meins dann doch nicht, da ich zuvor am Sommerfest der Ostbelgier teilgenommen hatte. Aber eine Blumenkette in den belgischen Nationalfarben hatte ich bereits dort getragen. „Vielleicht hilft´s,“ sagte ich lachtend, wovon Ostbelgiens Ministerpräsident, Oliver Paasch, humorvoll und charmant wie er ist, überzeugt war.

Nach dem Sommerfest eilte ich also zum „La Bistoche“ und saß rechtzeitig zum Anpfiff des Spiels inmitten belgischer Fußballfans. Was für eine Atmosphäre, der gesamte Platz gegenüber vom Ixeller Friedhof war in ein Meer aus Schwarz- Gelb- Rot getaucht, während Fans aus dem Senegal mit ihren wunderschönen Trikots fehlten. Die belgischen Anhänger jubelten bereits beim Anpfiff so laut, als ob die Roten Teufel die Begegnung, bei der es um den Einzug in das Achtelfinale der Weltmeisterschaft ging, hereits in der Tasche hätten. Mein junger Tischnachbar, ein Student, riss die Arme hoch, schrie, dass mir die Ohren dröhnten, und griff, als er merkte, dass die Senegalesen die belgische Abwehr mit einem enormen Tempo überrumpelten, zur Beruhigung seiner Nerven zum Bierglas und zündete sich eine Zigarette nach der anderen an. Bereits in der 13. Minute stockte uns der Atem, als der senegalesische Stürmer Ismaila Sarr den Ball an den Pfosten des belgischen Tors knallte – einen Ball, den ich bereits im Tor gesehen hatte.

Etwas später passierte es dann doch. Habib Diarra brachte für die westafrikanischen Mannschaft den Ball eiskalt im belgischen Tor unter. Jetzt schrien die Belgier „Allez De Bruyne“. aber der Routinier im belgischen Mittelfeld schien seltsam gehemmt, während die senegalesischen Fußballfans im Stadion von Seattle an der amerikanischen Westküste ihrer Freude freien Lauf ließen. Mit Trommeln und Gesängen peitschten sie ihre Mannschaft an, während sich Belgien mit einem mehr als verdienten Rückstand von 0:1 in die Halbzeit rettete. Und den belgischen Fans verschlug´s die Sprache. „Ils sont nuls,“ schimpfte einer und verließ frustriert das Public Viewing.

ZWEITE HALBZEIT: ERST SCHOCK, DANN WAHNSINN

Super, dass Lukaku nun ins Spiel kommt, jetzt legen wir richtig los,“ so mein Tischnachbar. als der legendäre belgische Mittelstürmer nach der Halbzeit eingewechselt wurde. Doch der nächste Nackenschlag folgte prompt. Bereits sechs Minuten nach Wiederanpfiff, stand´s 0:2. Entsetzten machte sich in der lauen Brüsseler Sommernacht breit. Jetzt musste zur Beruhigung der Nerven und zum Trost Aperol her. Zu diesem Zeitpunkt dachte (nicht nur) ich, das Match sei bereits gelaufen, und wollte mich schon auf den Nachhauseweg machen.

Doch wer die Belgier bereits jetzt abschreiben wollte, der sollte einen gravierenden Fehler machen. Denn jetzt startete ein spannender, unvergesslicher Krimi …

Es liefen bereits die Schlussminuten, als die „Roten Teufel“ so etwas wie eine Brechstange herausholten. Romelu Lukaku drückte den Ball zum 1:2 ins Tor  – und die Belgier rund um mich sprangen auf. Sie umarmten sich, tanzten, sangen, grölten, drückten mich, so dass ich regelrecht vom Hocker flog. Und was für eine weitere irre Aufholjagd der Belgier! Ein Ball fiel Mannschaftskapitän Youri Tielemans vor die Füße, und er hämmerte diesen zum 2:2-Ausgleich ins Tor. Nicht nur ich war fassungslos und vom vielen Schreien und Jubeln bereits ein wenig heiser.

Dann ging´s in die Verlängerung und in der 118. Minute schienen sich beide Teams auf ein nervenaufreibendes Elfmeterschießen einzustellen. Niemand riskierte mehr einen entscheidenden Fehler. Und jetzt begann das ganz große „Drama“ für die Nerven aller Fans, die wie ich alles kaum fassen konnten.

Tielemans wurde im Strafraum gefoult, und nach einer schier endlosen Überprüfung der Szene durch den Schiedsrichter gab es Elfmeter, den der Mittelfeldmann selbst unhaltbar verwandelte. Also ein Strafstoß, der den Roten Teufeln das Elfmeterschießen ersparte.

ABPFIFF UND EKSTASE

Belgien hatte gewonnen, woran keiner mehr geglaubt hatte. Jetzt nahm das Feiern bei den belgischen Fans kein Ende, während sich die Senegalesen nach einem historischen Kampf völlig erschöpft und untröstlich auf den Rasen im Fußballstadion in Seattle fallen ließen. Sie waren so nah am Sieg dran, während die Roten Teufel ihren Kopf noch einmal aus der Schlinge gezogen hatten und jetzt im Achtelfinale der WM 2026 stehen.

Natürlich freue ich mich über Belgiens Sieg, nicht zuletzt, da ich schon Jahrzehnte in diesem Land lebe, in dem ich mich sehr wohl fühle. Aber dennoch tun mir die Senegalesen leid. Als ich jüngst im Senegal Urlaub gemacht habe, stellte ich fest, dass die wundervollen Strände nicht nur ein Ort zum bloßen Entspannen, sondern ebenfalls die größten und lebendigsten Open-Air-Stadien der Welt zu sein scheinen. Sobald die Hitze des Tages nachgibt und die Sonne tiefer sinkt, verwandelt sich die senegalesische Atlantikküste in ein einzigartiges, riesiges Fußballfeld mit leidenschaftlichen Kickern. Und irgendwie sah ich jetzt vor mir die Enttäuschung und Verzweiflung junger Senegalesen, die so viel Hoffnung mit Fußball verbinden und jetzt wohl traurig und völlig fassungslos am Strand liegen. Und viele Tränen werden wohl auch geflossen sein, was mich, bei aller Freude über den Siegsder Roten Teufel, nicht unberührt lässt.

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