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Frühlingseindrücke rings um Spontin

 

Wanderung zum geographischen Mittelpunkt Walloniens

Von Michael Stabenow

Wer auf der von Brüssel nach Luxemburg führenden Autobahn E 411 unterwegs ist, lässt die Ausfahrt Spontin meist rechts liegen. Wer jedoch Zeit und Lust auf eine schmucke Rundwanderung hat, sollte hier abfahren, die steile Kehre hinunter nehmen und das Auto am nur noch für touristische Sonderfahrten genutzten Bahnhof oder an einem der nahegelegenen Parkplätze abstellen. Dass sich oberhalb des Ortskerns des heute rund 800 Einwohner zählenden Dorfs der geographische Mittelpunkt der Region Wallonien mit den Breiten- und Längengrad-Koordinaten „50,32° N und 5,01° E” befindet, dürfte kaum bekannt sein.

Diese rund neun Kilometer lange Rundwanderung hat einiges mehr zu bieten als einen Abstecher zu der im Mai 2013 eingeweihten steinernen Säule, die diesen Mittelpunkt markiert und neben der es auf – zweisprachigen – Schautafeln Erläuterungen zu den fünf wallonischen Provinzen zu sehen gibt. Ein paar, teils im Schatten gelegene Picknickbänke laden schon nach wenigen Kilometer zu einer kleinen oder größeren Pause ein.

Neben dem Parkplatz am Bahnhof von Spontin befindet sich eine Übersichtstafel mit Vorschlägen für Wanderungen. Wir entscheiden uns für den mit der Nummer 13 versehenen Rundweg, der eine “leichte“ Wanderung in einer Länge von 13 Kilometern und einer Dauer von vier Stunden verspricht. Wir folgen der Markierung – einem mit der Ziffer 4 versehenen roten Rechtseck – und stellen zu unserem Erstaunen fest, dass wir uns schon nach gut zweieinhalb Stunden am Ausganspunkt der Wanderung wiederfinden.

Da wir brav der gut sichtbaren, wenn auch an der einen Stelle schon etwas verblichenen Beschilderung gefolgt sind, stellen wir uns keine weitere Fragen, sondern freuen uns über einen ausgesprochen reizvolle Wanderung. Dazu trägt an jenem sonnigen Frühlingstag bei, dass sich die Natur farblich, nicht zuletzt mit blührenden Obstbäumen, Flieder und ausgedehnten gelb leuchtenden Rapsfeldern, von ihrer besten Seite zeigt.

An der Brücke über den Fluss Bocq, der einige Kilometer weiter westlich nördlich der Stadt Dinant in die Maas mündet, werden wir gleich darauf aufmerksam, dass das an diesem Tag so idyllisch anmutende Spontin mit seinen grauen Kalksteinbauten – wie viele belgische Orte – im Ersten und Zweiten Weltkrieg zahlreiche Opfer der deutschen Besatzung zu beklagen hatte.

Einer Gedenktafel unweit des mittelalterlichen, gelegentlich für Besuchter geöffneten Schlosses entnehmen wir, dass am 23. August 1914 beim Einfall deutscher Truppen nicht weniger als 133 von 161 Wohnhäuser in Brand gesteckt worden. 46 der damals 663 Bewohner Spontins starben. 25 Bewohner, darunter der Bürgermeister und Dorfpfarrer, seien „kaltblütig“ erschossen worden.

Welch ein Kontrast zu den idyllischen Bildern, die uns erwarten, als wir hinter der Brücke nach links abbiegen und den Dorfkern verlassen. Wir kommenden in ein Wasserschutzgebiet. Genutzt wird es vom heute unter Bezeichnung „Vivaqua“ firmierenden Brüsseler Wasserwerk, das von hier aus die Hauptstadt mit Trinkwasser versorgt.

Entnommen wird es jedoch nicht direkt aus dem hier kanalisierten Fluss Bocq, sondern aus den kalkreichen Schichten der Region – eine Erklärung für das vergleichsweise „harte“ Brüsseler Wasser. Ältere Zeitgenossen erinnern sich daran, dass bis 2010 Mineralwasser der Marke Spontin in Supermärkten und Gaststätten angeboten wurde. Finanzielle Probleme beendeten jedoch – zumindest bis auf weiteres – dieses Kapitel der Geschichte des Dorfs in der Provinz Namur.

Wir bewegen uns im Bocq-Tal leicht bergauf, gehen zunächst in einem Bogen nach links am Waldrand entlang und anschließend über eine Weide zwischen ein paar friedlich grasenden Kühen bis kurz vor die Autobahnbrücke. Da der Wind an diesem Tag aus nordöstlicher Richtung weht, macht sich der Verkehrslärm bei dieser Wanderung an der einen oder anderen Stelle etwas irritierend bemerkbar.

Unmittelbar vor der Brücke drehen wir nach rechts auf ein asphaltiertes Sträßchen ab, Ihm folgen wir ein kurzes Stück, ehe wir über einen Feldweg oberhalb des Tals in den Wald hinein gelangen. Eher unvermittelt kommen zu dem in einer Lichtung gelegenen geographischen Mittelpunkt Walloniens – und erliegen der Versuchung, eine Picknickpause im Schatten einzulegen. Einige Parkplätze daneben lassen vermuten, dass sich an den heute so unberührt wirkenden Ort der eine oder andere Tourist verirrt – oder auch Einheimische, da es hier auch einen Grillplatz gibt.

Wir entfernen uns nun auf einer schmalen asphaltierten Straße, auf der wir lediglich ein Postfahrzeug gesichtet haben, in südlicher Richtung von der geographischen Mitte Walloniens. Jetzt weitet sich der Blick über das hügelige Land mit frisch bestellten Ackern. Linkerhand erkennen wir die von einer Kirche dominierten Silhouette eines kleinen Dorfes. Auch Windräder scheint es in dieser Gegend in Hülle und Fülle zu geben. Hervor sticht an diesem sonnigen Tag das geradezu gleißende Gelb vieler Rapspfelder.

Wir befinden uns mitten im „Condroz“-Hügelland, das den Übergang zwischen dem Maastal und den weiter südlich gelegenen Mittelgebirge der Ardennen bildet. Wir laufen nun auf einer Höhe von mehr als 250 Metern über dem Meersespiegel und bewegen uns auf das ausgedehnte, jahrhundertealte landwirtschaftliche Gehöft „Ferme de Salazine“ zu. Seine Ursprünge sollen auf das Jahr 1392 zurückreichen. Eine Schautafel lehrt uns, dass der Name auf das lateinische „salacina“ und damit auf einen „Weidenwald“ zurückgehen soll.

Fotos: Michael Stabenow

Historische Fotos der Bahnlinie 128 durch das Tal der Bosq von Ciney nach Yvoir: https://www.cfbocq.be/archives-photos/#spontin

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