
Von Thomas A. Friedrich
Geht der Zickzackkurs in Sachen Kernkraftnutzung in Belgien weiter? Nach Atom-Ausstiegsbeschluss und jahrzehntelangen Laufzeit-Verlängerungen hat die Arizona-Regierung nun die Erforschung von Small Modul Reactors (SMR, Mini-Reaktoren auf Basis von Nukleartechnologie) auf den Weg gebracht.
Am 14. April hat der föderale Energieminister Mathieu Bihet von den französischsprachigen Liberalen (MR) den Startschuss für den Einstieg in die SMR-Forschung auf belgischem Boden gegeben.
In der Gemeinschaftlichen Forschungsstelle der EU (GFS) im flämischen Mol wurde offiziell eine Arbeitsgruppe für kleine modulare Reaktoren ins Leben gerufen. Sie ist Teil eines übergreifenden Konzepts der Föderalregierung zur Re-Industralisierung des Landes mit dem Namen „MAKE 2025-2030“. Weitere Arbeitsgruppen widmen sich der Verteidigungsindustrie und der Verwaltungsvereinfachung.
„Der Plan MAKE 2025–2030 zielt darauf ab, die industrielle Basis Belgiens zu stärken, wobei insbesondere auf wettbewerbsfähige, steuerbare und CO₂-freie Energie gesetzt wird“, heißt es in der Pressemitteilung von Bihets Energieministerium.
Belgisches Energieministerium spricht von SMR-Meilenstein
Die eingeleiteten Maßnahmen, so Bihet, stünden im Einklang mit dem Gesetz vom 17. Mai 2025, das die Rückkehr der Kernenergie in Belgien ermöglicht. „Belgien legt derzeit den Grundstein und setzt einen neuen Meilenstein für eine wegweisende Nuklearstrategie, die auf einem von der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEO) genehmigten und bewährten Governance-Modell basiert und in der Lage ist, alle Aspekte eines modernen Programms zu steuern“, erklärte der Minister. Der mit der Arbeitsgruppe angestrebte Konsultationsprozess soll sich über einen Zeitraum von sechs bis sieben Monaten erstrecken, an deren Ende Empfehlungen vorgelegt werden sollen. Weitere Details, wie etwa die Frage nach den Kosten oder den Standorten für die neuen Anlagen, nannte der Minister noch nicht.
Belgien schaltet überalterte AKWs ab und sucht nach neuen Kernenergielösungen
Belgien hat 2025 gleich drei Reaktoren stillgelegt. Den Anfang machte im Februar Doel 1, im Oktober folgte Tihange 1. Am 30. November ging dann Doel 2 vom Netz. Alle drei Reaktoren erreichten rund 50 Jahre Betriebszeit und gehörten zur allerersten Generation belgischer Kernkraftwerke. Übrig bleiben nur noch Doel 4 und Tihange 3 mit einer Gesamtleistung von etwa 2,2 Gigawatt (GW). Beide Reaktoren sollen bis 2035 weiterlaufen. Für die Laufzeitverlängerung haben der belgische Staat und der Betreiber Engie ein Gemeinschaftsunternehmen (Joint Venture) vereinbart mit dem Ziel, dass der belgische Staat die Kosten der Atommüll-Verbringung gegen eine Zahlung von 15 Milliarden Euro trägt (Belgieninfo hat regelmäßig berichtet).
Wo sollen neuen Atomkraftwerke entstehen?
Frankreich plant sechs sogenannte EPR-2 Reaktoren an den bestehenden Standorten Penly, Gravelines und Bugey. Der erste neue Reaktor wird nach heutigem Stand wohl frühestens 2038 ans Netz gehen. Die Kosten wurden zuletzt auf gut 72 Milliarden Euro kalkuliert.
Polen will 2028 mit dem Bau seines ersten Kernkraftwerks beginnen. Der Standort liegt an der Ostseeküste nahe Danzig. Geplant sind drei Reaktoren des neuen Typs AP1000 des US-amerikanischen Herstellers Westinghouse. Ein kommerzieller Betrieb des mit 47 Milliarden Euro veranschlagten Projekts ist für 2036 geplant.
In den Niederlanden sieht der Koalitionsvertrag zwei neue Kernkraftwerke vor, wofür die Regierung fünf Milliarden Euro eingeplant hat.
Welche Rolle SMR künftig tatsächlich in der europäischen Energielandschaft spielen werden, steht in den Sternen. Gegenwärtig gibt es nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde Nuclear Energy Agency (NEA) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) weltweit fast 100, höchst unterschiedliche SMR-Modellvorhaben, an denen Wissenschaftler und Ingenieure derzeit tüfteln.
Renaissance der Kernenergie oder aussterbende Atommeiler?
Rückenwind erhalten die Kernkraftfreunde auch aus der Europäischen Kommission. „Ich glaube, dass es für Europa ein strategischer Fehler war, der Kernenergie als einer zuverlässigen bezahlbaren Quelle für emissionsarmem Strom den Rücken zu kehren“, sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Mitte März beim Atomgipfel in Boulogne-Billancourt nahe Paris. Ihr Argument: Da weltweit in den vergangenen Jahren eine Renaissance der Kernenergie zu beobachten gewesen sei, könne sich auch Europa dieser Entwicklung nicht verschließen. „Europa will an dieser Renaissance teilhaben“, erklärte von der Leyen. Bundesumweltminister Carsten Schneider hat dem allerdings umgehend widersprochen und bekräftigt, dass Deutschland am 2011 beschlossenen Atomausstieg festhalten wolle.
Die Ausgaben für den Übergang in der europäischen Energiepolitik zur kohlenstofffreien Energiegewinnung soll mit Milliardengeldern der Europäischen Investitionsbank (EIB) mit zinsgünstigen Krediten und Darlehen für private Investitionen bestritten werden.
EIB will 75 Milliarden Euro für Anschub von kohlenstoffarmen Technologien ausloben
Die EIB werde eine Anschubfinanzierung für neue Energietechnologien von 75 Milliarden Euro in drei Jahren auflegen, kündigte die Kommissionchefin an. Die Beschleunigung der Umstellung auf saubere Energie – wozu die EU auch Kerntechnik zählt – sei für die Sicherung der strategischen Unabhängigkeit der Wettbewerbsfähigkeit sowie einer langfristig nachhaltigen Entwicklung Europas entscheidend, so von der Leyen. Ziel sei es, den Bau von SMR bis zu Beginn der 2030er Jahre zur industriellen Einsatzreife zu bringen.
Die neuartigen kleinen modularen Reaktoren sollen neben den herkömmlichen Kernreaktoren eine Schlüsselrolle bei einer flexiblen, sicheren und effizienten Energieversorgung spielen. Dazu legte die EU-Kommission ebenfalls Mitte März eine europäische Strategie für SMR vor. Dabei gilt Frankreich mit derzeit 57 Kernreaktoren am Netz als Innovationstreiber für eine künftige SMR-Klasse.
Macron propagiert SMR-Minireaktoren unter EU-Staatschefs
Auf Einladung von Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron nahmen 40 Staaten und Organisationen sowie neun Staats- und Regierungschefs im März am Atomgipfel vor den Toren der französischen Hauptstadt teil. Seit Jahren tritt Macron als Lobbyist in Sachen SMR als einer zukunftsweisenden Technologie bei Treffen der 27 EU-Staats- und Regierungschefs auf.
Standen im ersten Mandat von der Leyens in Jahren 2019 bis 2024 mit dem Primat des Europäischen Green Deal die erneuerbaren Energien im Fokus, hat sich zu Beginn ihrer zweiten Amtszeit das Blatt gewendet.
Deutsch-französischer Streit um Nachhaltigkeitssiegel für Atomenergie
Zu Zeiten der Ampelkoalition in Berlin kam es mit dem französischen Nachbarn zu energiepolitisch tiefen Zerwürfnissen. Der Streit ging darum, ob Kernenergietechnologien in der EU-Finanzierung als kohlenstoffarme Technologie zu werten und im Rahmen der sogenannten Taxonomie-Verordnung mit Nachhaltigkeitssiegel als grüne Investition einzustufen seien oder nicht.
Die damalige Aufnahme in die Klassifizierung nach gemeinsamen Merkmalen (Taxonomie) ermöglichte sowohl private Investitionen als auch die staatliche Finanzierung von AKW-Projekten. „Wir brauchen die Kernenergie, weil sie eine Quelle von Fortschritt, Wohlstand und Unabhängigkeit ist“, erklärte Macron in Paris und forderte weitere Finanzierungsquellen aus dem EU-Budget.
Paris und EU-Kommission in Sachen Atomkraft auf einer Linie
Inzwischen weiß Macron in dieser Frage von der Leyen an seiner Seite. Um die Entwicklung der Mini-Atomkraftwerke voranzutreiben, will die Kommission künftig Genehmigungsvorschriften über Grenzen hinweg harmonisieren.
„Wenn der Einsatz einer Technik sicher ist, muss es einfach sein, sie überall in Europa einzusetzen“, erklärte von der Leyen. Vize-Kommissionspräsidentin Elenora Ribera, für Energiefragen in der Brüsseler Behörde mitzuständig, pflichtete dieser Linie mit den Worten bei: „Da Energie seit Langem als geopolitisches Instrument genutzt wird, ist die Entwicklung einer starken europäischen Nuklearindustrie nicht nur eine wirtschaftliche Chance, sondern auch von wesentlicher Bedeutung für die Dekarbonisierung unserer Industrie und die Stärkung der Energieunabhängigkeit Europas“.
Grünen-Europaabgeordnete Jutta Paulus: „Klimaziele 2030 und 2050 mit SMR nicht erreichbar”
Die Grünen im Europaparlament melden Bedenken an und kommen in Sachen SMR zu ganz anderen Schlüssen. „Mini-Atomkraftwerke sind unsicher, teuer und bisher nichts weiter als Powerpoint-Fantasien“, kommentierte Jutta Paulus, die atompolitische Sprecherin der Grünen/EFA im EU-Parlament das Ansinnen der Kommission. Kein einziges SMR-Modellprojekt sei bisher in der EU zugelassen, die Bauzeiten seien unsicher und nicht geeignet, in den nächsten Jahrzehnten Strom zu liefern. Die Klimaziele für 2030 und 2050 könnten damit jedenfalls nicht erreicht werden, so Paulus. Hinzu komme die Abhängigkeit von speziell angereichertem Uran, das größtenteils aus Russland komme.
EU-Kommission verfünffacht das Energiebudget
Dies ficht die Kommission nicht an, den Boden für künftig mehr friedliche Nutzung der Kernenergie zu bereiten. Ihr Vorschlag für den mehrjährigen EU-Finanzrahmen (MFR) 2028- 2034 sieht eine Verfünffachung des Haushalts für Energie von zuletzt 5,84 Milliarden Euro auf 29,91 Milliarden Euro vor, um die Unterstützung von Infrastrukturprojekten auszuweiten.
Wie viele Reaktoren gehen in Europa bis 2030 vom Netz?
Überalterte Atomreaktoren gehen vom Netz, aber auch ein Zubau neuer Anlagen ist in Europa geplant. Seit der Katastrophe im japanischen Fukushima Jahr 2011 sind in der EU sowie in Großbritannien und in der Schweiz bis Ende 2024 insgesamt 37 AKW stillgelegt worden, wie aus einer Auflistung der Plattform Ingenieur.de der VDI-Nachrichten zu entnehmen ist.
Laut einer Auswertung des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerativer Energien (IWR) dürfte die Zahl der stillgelegten Reaktoren bis Ende 2030 auf 52 steigen. Dies mache eine Gesamtleistung von 43 GW aus. Im gleichen Zeitraum sollen sechs neue Reaktorblöcke mit einer Gesamtkapazität von rund 7,3 GW neu aufwachsen.
100 unterschiedliche SMR-Konzepte weltweit in der Diskussion
Gegenwärtig existieren nach NEA-Angaben weltweit zwar fast 100 SMR-Konzepte. Fertiggestellt wurde bisher aber lediglich ein einziger Forschungsreaktor. Inwieweit SMR tatsächlich in der EU in der Zukunft eine Rolle in der Energielandschaft spielen werden, steht aus heutiger Sicht in den Sternen. Es kann aber festgehalten werden, dass die Energiepolitik in der EU weiter in nationaler Kompetenz angesiedelt ist. Auf absehbare Zeit wird daher auch ein Energiemix von Atomkraft, fossilen Energieträgern und Regenerativen Energien europäische Realität bleiben. Wie der künftige Energiemix in Belgien aussieht, wird man nach der Ankündigung von Minister Bihet wohl Ende dieses Jahres genauer wissen.
Angesichts des weltweit exponentiell wachsenden Energiehungers in den emporstrebenden Regionen der Welt dürfte das Nebeneinander unterschiedlicher Energie-Gewinnungsformen auch über die Jahrhundertmitte hinaus trotz herausfordernder Klimaschutzbemühungen gängige Praxis bleiben. In dieser Einschätzung sind sich Energieexperten weitgehend einig.







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