
Wenn Demokratie in Brüssel gelingt, dann gelingt sie überall, ist der Brüsseler Stadtrat Fredrik Ceulemans überzeugt
Von Jürgen Klute
Brüssel ist nun nicht mehr nur die Hauptstadt Belgiens und die faktische Hauptstadt der Europäischen Union – in 2027 wird Brüssel für ein Jahr lang auch die „Europäische Hauptstadt der Demokratie“ sein. Das teilte am 7. April die in Wien ansässige und als gemeinnützige GmbH firmierende Organisation „European Capital of Democracy“ in einer Presseerklärung mit. Laut Information der Stadt Brüssel umfasst das Projekt den Zeitraum von Februar bis November 2027.
Der Brüsseler Bürgermeister Philippe Close begrüßte laut der Pressemeldung die Entscheidung mit den Worten: „Dieser Titel ist eine Anerkennung für das Engagement Tausender Brüsseler Bürger. Unsere Stadt beweist jeden Tag, dass Demokratie dank ihrer Einwohner lebt und wächst.“
Helfried Carl, der Gründer der Initiative „Europäische Hauptstadt der Demokratie“, ergänzte: „Während autokratische Tendenzen in vielen Ländern auf nationaler Ebene an Stärke gewinnen, erweist sich die lokale Demokratie als lebendig und weniger anfällig für Populismus. Städte sind starke Innovatoren, wenn es um demokratische Praxis geht. Die Stadt Brüssel hat Experten und Bürgerjuroren mit ihrer starken partizipativen Ausrichtung überzeugt. Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit Brüssel ein starkes Jahr der Demokratie 2027 zu organisieren.“
Eine der treibenden Kräfte hinter diesem Projekt auf Brüsseler Seite ist der Schepe – so die niederländische Bezeichnung für Mitglieder des Stadtrates – der Gemeinde Brüssel Frederik Ceulemans. Im Gespräch mit Belgieninfo erläutert Ceulemans: „Wir haben uns um den Titel beworben, weil wir es für wichtig halten, dass Brüssel als europäische Hauptstadt eine Vorreiterrolle einnimmt, um für die Demokratie einzutreten. Sowohl in seinen Stadtvierteln als auch in Europa. In einem globalen Kontext, der von Unsicherheit und der Aushöhlung demokratischer Werte geprägt ist, bekräftigt Brüssel nachdrücklich sein Engagement für die Demokratie. Als vielfältigste Stadt Europas (ca. 75 Prozent der Einwohner kommen nicht gebürtig aus Belgien) positioniert sich Brüssel als Labor für demokratische Innovation, als Testfeld für eine partizipativere, inklusivere und widerstandsfähigere Regierungsführung. In diesem Jahr der Demokratie wollen wir EU-Institutionen, Organisationen, die sich für die Verteidigung der Demokratie einsetzen, sowie die Brüsselerinnen und Brüsseler miteinander verbinden und durch mehr als 50 Veranstaltungen und Projekte, die wir im Laufe des Jahres organisieren wollen, in Kontakt bringen.“
Das hat die Expertenjury überzeugt, die am 20. Januar 2026 Brüssel besucht, sich sich im Rathaus und in verschiedenen Stadtvierteln umgeschaut und mit lokalen Akteuren, Anwohnern und Vereinen über deren partizipative Arbeit gesprochen hat. Die starke lokale Dynamik, so Ceulemans weiter, verschaffte Brüssel zunächst einen Platz auf der Shortlist und überzeugte schließlich auch die europäische Bürgerjury, die an der Entscheidung beteiligt war.
Dass die Gemeinde Brüssel und nicht die Region sich um den Titel beworben hat, lag nach Ceulemans daran, dass es zum Zeitpunkt der Bewerbung noch keine Regionalregierung gab, die man hätte ansprechen können. Aber jetzt, das es eine Regionalregierung gebe, sei man natürlich an einer engen Zusammenarbeit interessiert. Entsprechende Gespräche finden mittlerweile auch statt.
Auch die anderen Brüsseler Gemeinden sind eingeladen, sich mit Projekten an der Ausgestaltung der Hauptstadt der Demokratie 2027 zu beteiligen, bestätigte der Brüsseler Kommunalpolitiker.
Laut Ceulemans sieht das Programm der Demokratiehauptstadt 2027 drei Schwerpunkte vor: Die EU, Partnerorganisationen und die Bürger. Für die EU werde Brüssel für ein Jahr zum Dreh- und Angelpunkt für alles, was mit Demokratie und innovativen Partizipationsprozessen zu tun habe. So sei im März 2027 eine Bürgermeisterkonferenz mit 250 Bürgermeistern geplant, auf der über lokale Demokratie diskutiert werden soll. Im Oktober 2027 soll die „Innovation in Politics Awards“ stattfinden, bei der mehr als hundert lokale Projekte auf einer europäischen Plattform in Brüssel vorgestellt werden sollen.
Daneben, so Ceulemans weiter, gebe es die Partnerorganisationen. Brüssel beherberge zahlreiche Organisationen und Stiftungen, die sich für die Verteidigung der Demokratie einsetzten. „Wir wollen sie miteinander vernetzen und mit den Brüsselern in Kontakt bringen. Wir hoffen auf eine Reihe von Veranstaltungen, die über diese Partner organisiert werden, damit wir das Ökosystem dieser „Freedom Fighters“ sichtbar machen können.“ Eine dritte Achse lege in den Stadtvierteln und den Schulen der Stadt. „Wir wollen die Demokratie bis auf die Straße bringen.“
Auch Bürger und Bürgerinnen können sich beteiligen. Wie genau, das arbeitet die Stadt derzeit noch aus. In Kürze soll es dazu aber mehr Informationen geben. „Es wird auf jeden Fall einen offenen Aufruf zur Einreichung von Projekten geben“, so Ceulemans.
Derzeit wird ein Veranstaltungskalender vorbereitet. Informationen zu dem Projekt gibt es vorerst auf der Website der Stadt Brüssel und auf der Website von „European Capital of Democracy“. Sobald das Programm feststeht, sollen eine eigene Website und Social-Media-Konten zur „Europäischen Hauptstadt der Demokratie Brüssel 2027“ eingerichtet werden.







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