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Brüssels wilder Karneval

Carnaval sauvage de Bruxelles: Jedes Jahr erobert der Maskenumzug den öffentlichen Raum zurück, um Spekulation und Korruption vor Gericht zu stellen

Von Jürgen Klute

Brüssel ist eine Stadt, in der man immer wieder auf Unerwartetes und Überraschendes stößt. Belgieninfo-Fotografin Hanna Penzer ist kürzlich auf den „Carnaval sauvage de Bruxelles“ gestoßen und hat ihn fotografisch eingefangen. Für eines ihrer Fotos vom diesjährigen Karneval in Aalst hat sie am 28. März übrigens eine Auszeichnung des „Dokumentatiecentrum voor Aalst Karnaval“ erhalten.

Doch zurück nach Brüssel zum wilden Karneval, der in diesem Jahr am 21. März stattfand. Was es mit dem wilden Karneval auf sich hat, hat Julien Celdran von „La Société du Carnaval sauvage“ im Januar 2017 in dem Interview „Depuis quatre ans le Carnaval sauvage de Bruxelles est un carnaval indépendant, autonome et marginal, qui s’empare des rues de Bruxelles pour y célébrer la mort de l’hiver et le retour de la vie.“ mit Benoit Deuxant von der „Médiathèque nouvelle“ ausführlich dargestellt.

Celdran: „Der Karneval startet immer am Place du Jeu de Balle, führt aber nicht immer zum selben Ziel. Es gab schon immer eine Verbindung zum Jeu de Balle, denn die Figuren, die Strohpuppen, die jedes Jahr am Ende des Umzugs verbrannt werden, sind immer der Immobilienentwickler und seine treue Gefährtin, die Bürokratie. Diese Figuren stammen aus der ‚Schlacht um die Marollen‘ im Jahr 1969. “Damals,” so erklärt Celdran weiter, “sollte das Marollen-Viertel, ein altes Arbeiterviertel, abgerissen werden, um dort – in unmittelbarer Nähe zum Justizpalast – Büros für das Justizministerium zu bauen. Die Bewohner setzten sich schließlich durch und verhinderten den Abriss des Viertels und um diesen Erfolg zu feiern, organisierten sie eine symbolische Beerdigung dieser beiden Figuren.”

Der wilde Karneval ist laut Celdran noch mit einen weiteren städtebaulichen Konflikt verknüpft. „Historisch gesehen geht der ‚wilde Karneval‘ von der Compilothèque aus, einem alternativen Ort am Kanal, einem Gemeinschaftsraum für Konzerte, Gasttische, Ausstellungen und Künstlerateliers. Ein Ort der alternativen Brüsseler Kultur, ganz klein, aber ziemlich aktiv und sehr herzlich. In dem Jahr, als wir erfuhren, dass die Compilothèque wegen der Immobilienprojekte am Kanalrand geräumt werden musste, organisierten wir den „Carnaval sauvage“, denn das war eine Möglichkeit, zu symbolisieren, dass der Ort zwar sterben würde, wir aber lebendig, stark, lustig, fröhlich, eben lebendig blieben. Es hat sich damals ein harter Kern von etwa fünfzig Personen gebildet, der sich weiterentwickelt hat. Aber es ist von Anfang an ein Gemeinschaftsprojekt, das keinen Urheber hat, oder besser gesagt, dessen Urheber die teilnehmenden Menschen sind“. erläutert Celdran.

Ganz im Sinne dieser anarchistischen Tradition findet der Karneval, seit 2013 jährlich, auch ohne Genehmigung der Polizei statt. Celdran begründet das so: „Beim ‚Carnaval sauvage‘ bitten wir nicht um eine Genehmigung, weil wir das für einen Widerspruch halten. Und außerdem würde man uns, wenn wir fragen würden, entweder nein sagen oder ja, aber mit Auflagen zu Sicherheit und Begleitung, die nicht zu dem passen, was wir machen wollen. Denn man muss doch sagen, dass die Behörden in Sachen Karnevalsorganisation nicht kompetent sind; sie wissen viel weniger als wir, was zu tun ist.“ Da überrascht es nicht, dass es bei dem wilden Karnevalsumzug auch immer wieder zu Konfrontationen mit der Brüsseler Polizei kommt.

Dieser Karneval ist zwar ein wilder, aber das heißt nicht, dass es keine Regeln und kein Konzept gäbe. „Wir haben versucht, drei Regeln aufzustellen“, erläutert Celdran und führt aus: „Man verkleidet sich, man kauft keine Materialien für die Kostüme. Und man versucht, an drei Themen zu arbeiten: das Tier und der wilde Mensch, die eine Gruppe bilden, die Geister der Toten, Gespenster und Wiedergänger, die die zweite Gruppe bilden, sowie eine dritte Gruppe, die wir mangels einer besseren Bezeichnung als Archetypen bezeichnen. Dort ordnen wir den Polizisten, den König, den Soldaten, den Richter, den Anwalt, die Braut usw. ein. Wir haben auch eine Figur, die wir den „Gille de Bruxelles“ nennen und die wir ebenfalls dort einordnen. Das ist die kleinste Gruppe, und im Allgemeinen ist es schwierig, diese Kostüme zu tragen. Wir legen das zwar von Anfang an fest, aber wir sind nicht da, um jemanden aus dem Umzug zu verweisen, der diese Vorgaben nicht befolgt hat. Wir geben einen Rahmen vor, das ist alles. Aber letztendlich stellt sich heraus, dass sich die Leute mit der Zeit daran gewöhnen.“

Der wilde Karneval von Brüssel ist zwar deutlich kleiner als der in der belgischen Karnevalshochburg Aalst. Den Fotos nach zu beurteilen hat er jedoch seinen sehr eigenen Charme.


 

Fotogalerie Carnaval sauvage de Bruxelles

Fotos: © Hanna Penzer

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