
Von Michael Stabenow
Zugegben – drei Tage nach dem Ende des hierzulande unter „Soldes/Solden“ firmierenden Winterschlussverkaufs auf Einkaufstour zu gehen, das ist schon eine ziemlich schräge Idee. Aber das Wetter dieser Tage und der jämmerliche Zustand der von den Enkeln gern als Trainingslager für Trampolinsprünge genutzten Couch waren zwei schlagende Argumente, zur Sofajagd zu blasen. Gesagt, getan und die Adresse von „Seats and Sofas“ in Machelen ins Navi eingegeben. Dass es die Hausnummer an der Woluwelaan nicht kannte, tat unserem Tatendrang keinen Abbruch – nicht ahnend, dass wir wenig später um einige belgische Erfahrungen reicher sein sollten.
Über den endlich zwischen dem Carrefour Léonard und dem Vier-Armentunnel von Dauerbaustellen befreiten Außenring ging es hinter dem Autobahnkreuz in Sint-Stevens Woluwe in den gewohnten Stau. Nicht so schlimm, dachten wir, da ja kurz darauf die Ausfahrt Richtung Vilvoorde auf die R22 folgen sollte. Da das Navi seit der Neuanordung der Ausfahrten vor Zaventem nicht mehr auf dem aktuellen Stand ist, folgten wir unserem Instinkt, die irreführenden schwarz beschrifteten orangenen Schilder schlicht ignorierend. Also nahmen wir die vom Flugplatz in Richtung Brüssel führende Autobahn A201, um an der ersten Ausfahrt rechts abzufahren – wo das Navi uns wieder den Weg zum ersehnten Sofa-Paradies zu weisen schien.
Durch ein Wirrwarr von Bürobauten, Hotels und einer Bahnstrecke wanden wir uns durch die Straßen Diegems. Schließlich gelangten wir mit Hilfe der Navi-Durchsage – „Bitte nehmen sie die erste Ausfahrt“ – auf die Woluwelaan in Machelen. In der Ferne erblickten wir das zu „Seats and Sofas“ gehörende rot-weiße Fahnenmeer. Dass die breite Straße – was sonst dieser Tage – wegen Bauarbeiten von vier auf zwei Fahrspuren verengt war und das Geschäft, links der Straße lag und damit offenbar nicht direkt zu erreichen war, dämpfte unsere Vorfreude kaum. Schließlich erblickten wir, ebenfalls linkerhand, „Seats and Sofas“ vorgelagert einen Supermarkt. Rechtzeitig, so dachten wir, bogen wir an einer Kreuzung nach links in Richtung von Brüssel ab, um dann die erste Abzweigung nach rechts Richtung Supermarkt zu nehmen und in einer Sackgasse zu landen.
Entmutigen ließen wir uns dadurch nicht. Wir fuhren das Stück zurück und bogen nach links auf die zweispurige Woluwelaan. Und tatsächlich, da tauchte wieder eines der für belgische Umleitungen charakteristische schwarz-orangene Schild auf, dieses Mal mit der Aufschrift „Seats and Sofas“. Wir ließen das Geschäft mit den rotweißen Fahnen linkerhand liegen und bogen an der nächsten Ampel nach links ab. Ein zweites der ominösen Schilder ließ uns eine schmale, parallel zur Woluwelaan führende Einbahnstraße ansteuern. Und so schienen wir dem rechts vor uns gelegenen Ziel unserer Sofajagd ganz nahe zu sein.
Die Rechnung war allerdings ohne die Baustellenkünstler gemacht. Kaum 30 Meter weiter vorne schien eine Zufahrt zum Geschäftsgelände zu liegen. Um sie nutzen können und die Schwellen runter auf das noch nicht wieder asphaltierte Stück und von dort wieder rauf zu nehmen, hätten es wohl eines hochbeinigen Offroaders und nicht unseres biederen Mittelklassenfahrzeugs bedurft. Also näherten wir uns nun ein drittes Mal der Kreuzung – ermutigt durch den jetzt schwarz auf orange gegebenen Hinweis, dass der Weg zu „Seats and Sofas“ über die Route zum Gefängnis in Haren führe.
Wir erinnerten uns daran, dass die neueste Brüsseler Haftanstalt hier irgendwo, noch knapp auf dem Grundgebiet der Hauptstadtregion liegen müsse. Aber wo genau, das wussten wir nicht. Ohnehin hatten wir nie Gelüste, das neue Etablissement von außen oder – erst recht nicht – von innen in Augenschein zu nehmen. Dennoch bogen wir wieder nach rechts ab, würdigten die zum Supermarkt führenden Sackgasse keines Blickes. Immer wieder hielten wir Ausschau nach einer Beschilderung des mit Sicherheit irgendwo rechts gelegenen Gefängnisses und damit zu „Seats and Sofas“ – vergeblich.
Vielleicht kennen ja viele Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, anders als wir, den Weg. Bekanntlich „erfreuen“ sich Belgiens Haftanstalten großen Zulaufs. So groß, dass sich dort derzeit gut 13500 Menschen aufhalten, aber es eigentlich nur Platz für rund 11000 gibt. Es schoss uns durch den Kopf, dass dieser Tage zwei belgische Ministerinnen nach Estland geflogen sind, um dort die Anmietung von Gefängniszellen für in Belgien veurteilte Straftäterinnen und Straftäter zu diskutieren. Haben die beiden Damen, so erinnerten wir uns, etwa vergessen, dass ein ähnliches Experiment mit einem Gefängnis im niederländischen Tilburg zu einem Flop wurde?
Weiter darüber nachdenken konnten wir nicht, da wir ja weiter auf der Suche nach dem Harener Gefängnis und „Seats and Sofas“ waren. Ehe wir uns versahen, waren wir in Evere angelangt. Linkerhand lockte das riesige Sportausrüstungshaus zum Einkauf. Sollt es statt eines neuen Sofas vielleicht ein Trampolin für die Enkel werden? Der Versuchung gaben wir dann doch nicht nach. Schließlich gibt es in Belgien noch mehr Filialen von „Seats and Sofas“ – eine ebenfalls vor den Toren Brüssels, allerdings auf der entgegengesetzten Seite, in Sint-Pieters Leeuw.
Im Übrigen gibt es bekanntlich m Großraum Brüssel noch etliche andere Einrichtungshäuser. Und warum sollen die tobenden Enkel nicht noch eine Weile die Widerstandskraft der bestehenden Couch auf die Probe stellen.







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