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Während in Flandern die Anerkennung deutscher Reifezeugnisse weiter kostenlos sein kann, kostet sie im französischsprachigen Landesteil jetzt 400 statt 200 Euro
Von Michael Stabenow
Ein Hochschulstudium im Ausland? Man braucht nicht das europäische Austauschprogramm Erasmus, um einen Platz an Universitäten in Barcelona, Bologna, Paris, Stockholm oder in Prag zu bekommen. Die schon auf das Jahr 1953 zurückgehende Europäische Konvention zur Gleichwertigkeit von Reifezeugnissen und die sogenannte Lissabonner Konvention von 2007 scheinen eine solide Grundlage für ein Auslandsstudium zu bieten. Ein Blick auf Belgien zeigt jedoch, dass es für Hochschulbewerber aus einem anderen EU-Staat insbesondere im französischen Landesteil einige Hürden zu überwinden gilt.
Zahlen lügen bekanntlich nicht. So teilte die zuständige Behörde der französischsprachigen Gemeinschaft (Fedération Wallonie-Bruxelles), die Administration Générale de l´Enseignement (AGE), mit, dass im Jahr 2024 gerade einmal 34 Anfragen von Bewerbern mit einem deutschen Abiturabschluss oder einem entsprechenden Reifezeugnis eingegangen seien. 2023 waren es 33. In Zukunft dürften es an den Universitätsfakultäten in Louvain-la-Neuve, Lüttich, Namur, Mons oder an der Freien Universität Brüssel (ULB) kaum mehr werden. Denn die Gebühren für die als Bedingung für eine Zulassung zum Studium erforderliche Gleichwertigkeitsbescheinigung des Schulabschlusses wurde von schon stolzen 200 auf reichlich happige 400 Euro verdoppelt.
Anders sieht es an den niederländischsprachigen Universitäten Belgiens aus. An der traditionsreichen Katholischen Universität Löwen (KUL) ist mit der Anerkennung ausländischer Zeugnisse und der Zulassung eine Gebühr von 90 Euro verbunden. Eine Sprecherin erläuterte, dass die Universität sich nicht selbst um die Anerkennung kümmere. „Wir schauen uns das Diplom lediglich mit Blick auf den Antrag für einen bestimmten Studiengang an“, hieß es.
Etwas anders als in Löwen ist die Lage an der Universität Gent. Die Hochschule könne eigenständig darüber entscheiden, wer auf Grundlage eines ausländischen Schulabschlusses zum Studium zugelassen werde, erläuterte Pressesprecherin Stephanie Lenoir. Grundlage sei dafür eine Liste von Ländern, zu denen auch Deutschland gehöre. Wer über ein deutsches Zeugnis der allgemeinen oder einer fachgebundenen Hochschulreife verfüge, „kann daher grundsätzlich an die Universität Gent kommen – ohne zusätzliche Kosten für die Anerkennung des Diploms“, erläuterte Lenoir.
Die Sprecherin verwies jedoch auch darauf, dass in Einklang mit den einschlägigen Regeln der Region Flandern niederländische Sprachkenntnisse erforderlich seien – insbesondere für die im Regelfall in Niederländisch gestalteten Bachelorstudiengänge. Außerdem gebe es häufig auch Eignungstests und andere Zulassungsprüfungen für angehende Studierende aus dem Ausland.
Worauf beruhen die unterschiedlichen Gebührenregelungen im Nord- und Südteil des Landes? Auf die Frage von Belgieninfo, wodurch sich die seit Jahresbeginn in jedem einzelnen Fall im französischsprachigen Landesteil erhobene Gebühr von 400 Euro erkläre, antwortete die Behörde AGE: „Sie dient dazu, die mit dem Antragsverfahren verbundenen Verwaltungskosten zu decken, wobei der Kostenentwicklung und den erforderlichen Ressourcen Rechnung getragen wird, die zur Gewährleistung eines effizienten und den gegenwärtigen Erfordernissen angepassten Dienstes erforderlich sind.”
Sollten in diesem Jahr genauso viele Anträge aus dem Ausland eingehen wie 2024 – exakt 17841 –, dann würden sich die Gesamtkosten für die Antragsteller auf mehr als sieben Millionen Euro belaufen – ein Indiz mangelnder Effizienz der Verwaltungsapparats? Naheliegender ist die Annahme, dass die mit der Gebührenerhöhung verbundenen zusätzlichen Stolpersteine vor allem auf Absolventinnen und Absolventen französischer Schulen gemünzt sind.
Ältere Statistiken besagen, dass rund ein Fünftel aller Studierenden (Statistiques) an den südbelgischen Hochschulen aus dem Nachbarland Frankreich kommt – besonders beliebt sind medizinische Studiengänge. Nach Angaben der Zeitung „La Libre Belgique“ lag der Anteil von französischen Studierenden an den Kunsthochschulen sogar bei 34 Prozent. Wohl nicht zu Unrecht vermuten die belgischen Behörden, dass viele dieser Studierenden anschließend wieder in ihrem Heimat zurückkehren, so dass den belgischen Gastgebern nur die Kosten der Ausbildung bleiben.
Zuletzt wurden die Aufnahmebedingungen für Studierende zum Teil verschärft. Erschwerend hinzu kommt jetzt die Anhebung der Gebühren für die Gleichwertigkeitsanerkennungen der Abschlüsse auf 400 Euro. Freilich dürfte dies nicht nur auf Interessenten aus Frankreich, sondern auch aus anderen Ländern eine abschreckende Wirkung entfalten.
Wer mit einem Abschluss einer Schule in Belgien ein Studium an einer deutschen Hochschule aufnimmt, kommt in jedem Fall deutlich günstiger weg. Auf der Website des Regierungspräsidiums Stuttgart heißt es zum Beispiel: „Für die Anerkennung wird am Ende des Verfahrens eine Gebühr von 100 Euro erhoben“. Wer beim Regierungspräsidium Düsseldorf der Frage nach möglichen Gebühren nachgeht, wird mit der erfreulichen Antwort beschieden: „Nein, für das Anerkennungsverfahren fallen keine Kosten an. Die Zeugnisanerkennung erfolgt kostenlos.“
Allerdings sei zu berücksichtigen, so das Regierungspräsidium weiter, dass zum Beispiel gegebenenfalls die Kosten für Zeugnisse, die Anfertigung von Kopien, Übersetzungen oder auch für Fahrtkosten durch die Antragssteller zu tragen seien. Ähnlich lautet auch die Auskunft der Universität Hamburg: „Die Antragstellung und Begutachtung Ihrer ausländischen Bildungsnachweise ist an der Universität Hamburg kostenfrei. Bitte beachten Sie, dass für eine beglaubigte Übersetzung ins Deutsche oder Englische Kosten von Dritten anfallen.“
Für Abiturzeugnisse der Deutschen Schule Brüssel und der Europaschulen gibt es keine Einschränkungen: sie gelten als deutsche Abiturzeugnisse.
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