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Reminiszensen an Ostern in Ostende und Wochenrückblick

Schatzsucher aus Brasilien – Verliert Radprofi Pogacar Führerschein nach Flandern-Rundfahrt? Osterferien in Ostende – James Ensor-Gedenken

Von Thomas A. Friedrich

Karfreitag ist in Belgien kein Feiertag, sehr wohl aber seit der Wiedervereinigung als Feiertag in Deutschland bundesweit etabliert. Ostermontag hingegen ist seit Napoleons Zeiten fest verankert in der katholischen Feiertags-Agenda  – nicht nur in Frankreich, sondern auch in den Nachbarländern entlang von Rhein und Maas.

Obwohl die Osterfeiertage in diesem Jahr auf das erste April-Wochenende und damit früh im Kalender fielen, meinte es der Wettergott ausgesprochen gut über dem Himmel von Belgien. Und die Aussichten für die Restwoche lassen noch mehr Freude aufkommen. Das Thermometer könnte zur Wochenmitte bis auf 20 Grad klettern, sagt das Königliche Meteorologische Institut voraus.

 Slovene Pogacar auf Siegerpodest  – doch nun droht Führerschein-Entzug

Von weitgehend trockenem Wetter profitierte auch die internationale Radsport-Elite bei der 110. Flandern-Rundfahrt an Ostersonntag. Rund eineinhalb Millionen Zuschauer verfolgten das Rennen entlang der 278 Kilometer langen Strecke.

Der slowenische Straßen-Weltmeister und Tour de France-Sieger des Jahres 2025, Tadej Pogacar, gewann unangefochen die den flämischen Radklassiker. Für den 27 Jahre alten Slovenen bedeutet dies nach 2023 und 2025 den dritte Sieg bei der Flandern-Rundfahrt. Damit ist er nach dem Belgier Eddy Merckx erst der zweite Fahrer, der in einer Saison die Flandern-Rundfahrt und den Klassiker Mailand-Sanremo gewann.

Als Drittplatzierter hinter Pogacar und dem Niederländer Mathieu van der Poel kam der belgische Radprofi Remco Evenepoel ins Ziel, der in der Saison 2026 für das deutsche Team Red Bull-Bora-Hansgrohe fährt. Der 25-Jährige Olympiasieger und Weltmeister von 2024 gilt als einer der besten Zeitfahrer sowie Klassement-Fahrer weltweit.  Auf dem vierten Platz folgte sein Landsmann Wout van Aert und komplettiert damit das Quartett der Favoriten.

Deutsche Straßenmeisterin verhalf Niederländerin zum Sieg

Bei den Damen sicherte sich die Niederländerin und Europameisterin Demi Vollering den Sieg bei der Flandern-Rundfahrt. Die Vorjahressiegerin, das belgische Radsportidol Lotte Kopecky, musste sich im Ziel mit dem undankbaren vierten Platz zufriedengeben. Dank der deutschen Straßenradmeisterin und Team-Kollegin Franziska Koch, die die entscheidende Attacke für die Niederländerin einleitete, sicherte sich Vollering nach 164,1 Streckenkilometern den ersten Sieg der Flandern-Rundfahrt. 

Ärgerliche Folgen könnte es trotz des Sieges hingegen für den Radsport-Star Pogacar. Ihm droht jetzt noch ein juristisches Nachspiel.

Die Staatsanwaltschaft Ostflandern hat Ermittlungen gegen ihn und Olympiasieger Remco Evenpoel sowie weitere Fahrer eingeleitet, weil sie trotz roten Warnlicht-Signalen nicht an einem Bahnübergang hielten. Der Vorfall ereignete sich in Wichelen nach etwa 65 der 278 Kilometer langen Strecke. Laut Medienberichten droht den Radprofis ein Führerscheinentzug von mindestens acht Tagen und ein Geldstrafe.

Mit Tandem und Tret-Mobilen Runden auf der See-Dijk in Ostende drehen

Nach meinem ersten Spargel-Essen der Saison am Ostersonntag in einem Brüsseler Restaurant, löse ich am Ostermontag in der Gare Central an einem Ticket-Automaten in der Mittagszeit einen Fahrschein aller retour nach Ostende. Im vollbesetzen IC-Zug starren die meisten Reisenden unablässig auf ihre Handys. Die Wenigsten haben Augen für die aufblühende Vegetation Flanderns beim Blick aus dem Fenster.

“Das Geschenk” einer flämischen Autorin fesselt auf der Bahnfahrt

Ich lese das Ende 2025 erschienene Büchlein „Das Geschenk“ der flämischen Autorin Gaea Schoeters. Der witzige und gleichermaßen fesselnde Roman schildert das Auftauchen von Elefanten mitten in der Berliner Großstadt. Die damit einhergehenden Turbulenzen richten den Blick auf den europäischen Umgang mit Kolonialstaaten vergangener Zeit und natürlich auch auf Belgisch-Kongo.

Der ARD-Literaturkritiker Denis Scheck ist voll des Lobes für das 140seitige Werk: „Schoeters zieht einem den Boden unter den Füßen weg … Das ist große Literatur“. Nach exakt einer Stunde und 15 Minuten Fahrtzeit mit Halt in Gent und Brügge rollt der blau-rot weiße Doppelstockzug in Ostende auf Gleis 3 ein unter der neuen farbigen Glaskonstruktion, die sieben Gleise des Bahnhofgeländes überdacht.

Ich laufe entlang der neu ausgebauten Marina, die großzügigen Motor-Yachten und Blauwasser-Seglern – auch mit deutscher Flagge – einen scheren Hafen bietet.

Dahinter biege ich nach rechts und münde in die Kapellenstraat, der zentralen Fußgängerzone und Einkaufsmeile, die bis zur Wappen Plein führt. Natürlich locken Boutiquen, Läden, Geschäfte mit Sommermoden. Schuhen und Dessous angesichts der aufkommenden Frühlingsgefühle – beim einen und anderen auch Schmetterlinge im Bauch – zum Kauf.

Normal, dass es keine starren Ladenschlussgesetze wie in Deutschland gibt und Sonntagsöffnungszeiten in Belgien den ganzen Sommer über keiner Sondergenehmigung bedürfen. Belgische Nochalance eben und Freiheit für freie Gewerbetreibende à la belge.

Hotel Du Parc und Café du Parc mit Art Nouveau Interieur bezaubert

Noch bevor ich den Wappen Plein mit dem Musik-Pavillon erreiche, zieht es mich unwillkürlich nach links in Richtung Tram-Station „Marie-Joséplein“. Denn hier befindet sich mein absolutes Lieblings-Café in Ostende seit Jahrzehnten.

Und während der Wandel in der Gastronomie auch in Belgien von steten Veränderungen und Zeitgeist Fast Food Ketten nicht frei bleibt, zählen das Hotel du Parc und das Café du Parc zu den beeindruckensten Zeugnissen der Art Nouveau-Epoche.

Der Aufsatz-Filter-Café, in Silbertassen mit Glaseinsatz serviert, tropft auch heute noch in zeitloser Ruhe vor sich hin. Auf der Außenterrasse in der Sonne ist kein Platz zu ergattern. Der Andrang drinnen wird inzwischen von Platzanweisern und Reservierungspflicht in der Urlaubszeit konditioniert.

Vorbei am Casino wird endlich der Blick frei auf das blaue Band der Nordsee. An diesem Ostermontag zeigt sich „la mer du nord“ in einer selten erlebten Sanftheit windstill und kaum mit Wellenschlag trotz ansteigender Flut. Auf der Uferpromenade sitzen mehr Gäste auf den sonnigen Außenterrassen als innen in den Restaurants. Ein mediterran anmutendes Ambiente mit haushohen Palmen und einem DJ unter gelbweißem Sonnenschirm auf der dem Meer zugewandten Casino-Gebäude lockt Hunderte von Einheimichen und Touristen aus aller Welt zum Flanieren ein.

Saint Malo zaubert thailändisch- belgische Gaumenfreuden auf den Teller

Nach Dreigang-Ostermenü mit Seezunge und “Tarte Bretonne avec glace Vanille” vom belgischen Küchenchef mit thailändischer Kochausbildung im “Saint Malo” fällt es nicht schwer, am weitläufigen Strand von Ostende bis ans Wasser zu laufen. Schuhe und Strümpfe auszuziehen, um mit hochgekrempelten Hosenbeinen die Wassertemperaturen an den Füßen zu spüren. Um diese Jahreszeit sicher eher noch ein Kneipp-Kur- Vergnügen. Aber jede Woche Sonne an der Nordsee lässt an der knapp 70 Kilometer langen belgischen Küste bis zum Hochsommer die Wassertemperaturen bis zu zweistelligen Werten – zuweilen sogar mit einer 2 vorne – ansteigen.

Brasilianer auf Schatzsuche am belgischen Strand

Am Strand fallen mir zwei Schatzsucher mit elektronischem Display in den Händen auf. Ein aus Brasilien stammendes Ehepaar mit Wohnsitz seit einigen Jahren in Brüssel sucht mit Metall-Detektoren den feinen belgischen Sandstrand nach Münzen ab. Wir haben auch schon viele Ringe und auch Schmuckstücke gefunden, erzählt die Portugiesisch, aber inzwischen auch Französisch sprechende Dame aus Rio de Janeiro.

Ostende: Galerien-Treffpunkt und Surrealer Kunst von James Ensor

Am kommenden Samstag, dem 11. April wird des in Ostende 1869 geborenen und daselbst 1949 verstorbenen Künstlers James Ensor mit einer Gedenkveranstaltung gedacht.  Er gilt als der Vorläufer des Surrealismus und Symbolist. Ensor zählte als Mitglied der 20 belgische Maler umfassenden Künstlergruppe „Les Vingts“ zu den Avantgardisten der modernen Malerei.

In der Kirche „ Unserer Lieben Frauen zu den Dünen“ (Mariakerke)  an der Doorpstraat spielt am zweiten Aprilwochenende das „Ensemble Revue Blanche“ ab 15 Uhr klassische Musik aus Ensors Zeit. Um 16 Uhr findet eine Blumenniederlegung am Grab Ensors statt. Auch der Besuch des Ensors-Hauses in der Vlaanderen Straat und des angrenzenden Erlebnisparks istbzu empfehlen.

Ensor war ein Fan von Masken und Karneval. Er galt mit seinen gesellschaftskritischen Werken zu den Rollen der Katholische Kirche und der belgischen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts als „enfant terrible“. Heute wird er in einem Atemzug mit René Magritte und Paul Delvaux in der Kunstgeschichte eingeordnet und gilt als Botschafter des besonderen Lichts der Nordsee. Ensor hätte an diesem Ostermontag 2026 ganz sicher seine Staffelei an den Strand am Meer aufgestellt.  

 

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